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Gästebuch


mein Name ist Regina Eske-Keller. Seit einigen Jahren bin ich Prädikantin im Schwarzwald-Baar-Kreis und im Hochschwarzwald. Immer wieder wurde ich nach Predigten, die ich gehalten habe, gefragt. Hier möchte ich nun ein paar ausgewählte von ihnen vorstellen:

Quasimodogeniti, 27. April 2014, Jesaja 40,26-31

15. Sonntag nach Trinitatis, 8. September 2013: Lukas 17,5-6

5. Sonntag  nach Trinitatis, 30. Juni 2013: Lukas 14, 25-33

Kantate, 28. April 2013: Jesaja 12,1-6

4. Sonntag im Advent, 23. Dezember 2012: Johannes 1,19-28

20. Sonntag nach Trinitatis, 21. Oktober 2012: 1. Korinther 7,29-31

13. Sonntag nach Trinitatis, 2. September 2012: 1. Mose, 4,1-16

5. Sonntag nach Trinitatis, 8. Juli 2012: 1. Mose, 12,1-4

Sonntag Rogate: 13. Mai 2012: Kolosserbrief 4,2-6

Sonntag Jubilate: 29. April 2012: 2. Korintherbrief, 4,16-18

Sonntag Quasimodogeniti: 15. April 2012: Kolosserbrief, 2,12-15

Sonntag Septuagesimä: 5. Februar 2012: Jeremia 9,32.33

1. Sonntag nach Epiphanias: 8. Januar 2012:1. Korinther 1,26 bis 31:

14. Sonntag nach Trinitatis: 25. September 2011: Markus 1,40-45

12. Sonntag nach Trinitatis: 11. September 2011: Jesaja 29,17-24

11. Sonntag nach Trinitatis: 4. September 2011: Matthäus 21,28-32

Sonntag Quasimodogeniti: 1. Mai 2011: Johannes 21,1-14

Sonntag Invokavit: 13. März 2011: 1. Mose, 3,1-24

5. Sonntag nach Epiphanias: 6. Februar 2011: Jesaja 40,12-25

Drittletzter Sonntag des Kirchenjahres: 7. November 2010: Römer 14,7-9

15. Sonntag nach Trinitatis: 12. September 2010: 1.Petrus 5,5-11

Sonntag Exaudi, 16. Mai 2010: Epheser 3,14-21

Sonntag Reminiszere, 28. Februar 2010: Römer 5,1-11

20. Sonntag nach Trinitatis, 25. Oktober 2009, Markus 10,2-16

3. Sonntag nach Trinitatis, 28. Juni 2009: Lukas 15,1-8

Sonntag Estomihi, 22. Februar 2009: Markus 8,31-38

Sonntag Trinitatis, 3. Juni 2007: 4. Buch Mose 6,22-27

Rogate, dem 13. Mai 2007: Matthäus 6,5-15

Und nun: Viel Freude beim Lesen.


Wir hören Worte aus dem Buch des Propheten Jesaja im 40. Kapitel, die Ver­se 26 bis 31: Hebet eure Augen in die Höhe und seht! Wer hat dies geschaffen? Er führt ihr Heer vollzählig heraus und ruft sie alle mit Namen; seine Macht und starke Kraft ist so groß, daß nicht eins von ihnen fehlt. Warum sprichst du denn, Jakob, und du, Israel, sagst: »Mein Weg ist dem HERRN verborgen, und mein Recht geht vor meinem Gott vorüber«? Weißt du nicht? Hast du nicht gehört? Der HERR, der ewige Gott, der die Enden der Erde geschaffen hat, wird nicht müde noch matt, sein Verstand ist unausforschlich. Er gibt dem Müden Kraft, und Stärke genug dem Unvermögenden. Männer werden müde und matt, und Jünglinge straucheln und fallen; aber die auf den HERRN harren, kriegen neue Kraft, daß sie auffahren mit Flügeln wie Adler, daß sie lau­fen und nicht matt werden, daß sie wandeln und nicht müde werden.
Liebe Gemeinde, easy fit – ja, so heißt das Fitnesscenter, in dem auch ich trainiere, aber das wollte ich eigentlich gar nicht erzählen. Dennoch kommt mir das in den Sinn, wenn ich den letzten Satz unseres Bibelabschnittes lese: „Aber die auf den Herrn harren, kriegen neue Kraft, dass sie auffahren mit Flügeln wie Adler, dass sie laufen und nicht matt werden, dass sie wandeln und nicht müde werden.“ So etwa fühlt es sich an, wenn man abends sich noch einmal aufrafft und zum Joggen oder Fahrradfahren oder eben ins Fitnessstudio geht. Dann ist man ganz leicht wieder wach, die Müdigkeit fällt ab, neue Kraft ist da, ganz leicht – easy fit eben.
Nun steht aber in der Bibel nicht: „Geh ins Fitnessstudio...“, sondern da steht: „Die auf den Herrn harren...“ - also einfach abwarten? So einfach ist es denn wohl doch nicht. Mit dem Wort „harren“ ist etwas aktives gemeint, wie „den Herrn erwarten“ oder mehr noch „etwas von ihm erwarten“.Von dem Herrn ist ja auch gesagt, dass er nicht müde und matt wird, sein Verstand sei unsausforschlich. Und mit diesem Verstand kann er den Müden Kraft und Stärke verleihen, noch mehr er kann auch die Unvermögenden stark machen.

Und da sehe ich eben den Trainer, der aus einer Truppe von mittelmäßigen Kickern eine Mannschaft formt, die siegen kann. Der Trainer, das ist der, der den Unterschied zwischen Bundesliga und Kreisklasse macht, ohne den auch die größten Stars nicht so miteinander spielen können, dass sie auch Pokale und Meisterschaften einfahren können.

Und um weiter in dem Bild zu bleiben: Wer sich nicht einfügt in die Mannschaft und auf den Trainer hört, wird keine Tore schießen.

So verstehe ich die Botschaft unserer Bibelstelle aus dem Jesaja-Buch: Bleib nicht stehen bei dem, was du erreicht hast. Raff dich auf und trainiere. Vertraue deinem Trainer, folge seinen Weisungen und du wirst Kraft finden und du wirst können, was von dir erwartet wird.
Das ist Ostern, das ist Auferstehung! Neue Kraft, Know-How und über sich selbst hinaus Wachsen. Hebt eure Augen in die Höhe, wer hat das geschaffen?“ Der Prophet ruft uns auf, nicht in unserer Müdigkeit und unserem gesenkten, verzagten Blick sitzen zu bleiben. Er fordert uns auf, aufzustehen, aufzusehen zum Himmel mit seinen unzähligen Sternen, in die Bäume auf die Tiere und die Mitmenschen. All das ist für dich gemacht, wohl geordnet. Ein jedes hat seinen Lebensraum. Auch du bist ein Teil davon. Und Gott hat dich gemacht, er braucht dich in seinem Garten. Mache dich auf und vertraue ihm. Folge ihm nach.
Die Christenheit hat das Osterfest von Anbeginn mit der Schöpfungsgeschichte verknüpft. In der Osternacht wurde in der alten Kirche und auch heute noch in mancher gottesdienstlichen Feier immer der Schöpfungsbericht an den Anfang gestellt. Nicht zufällig trägt das Fest der Auferstehung den Namen der römischen Fruchtbarkeitsgöttin Ostara. Hasen und Küken, die Symbole für die fruchtbare Erneuerung des Lebens auf unserer Erde sind ihm zugeordnet. Aber auch nicht zufällig ist natürlich die Kopplung mit dem Passahfest der Juden. Denn die Kreuzigung geschah am Rüsttag zum Passahfest. Das ist eine der wenigen festen Verankerungen in der zeitlichen Festlegung der biblischen Geschehnisse. Und das Passahfest steht im Judentum im Frühjahr. Es erinnert an den Auszug des Volkes Israel aus Ägypten, ist ein Fest der Befreiung aus der Sklaverei. Auch das Passahfest feiert eine Auferstehung eines ganzen Volkes. Und so weist es auf die Macht Gottes hin, der die Müden, Geknechteten und Verzweifelten herausführt und ihnen zu neuer Kraft und Stärke verhilft. Die Müdigkeit vergeht, die Bedrängnis geht vorüber.

Passah – Passover im Englischen – und in der wörtlichen Bedeutung im Hebräischen „Vorüberschreiten“, das klingt auch an in dem Satz: »Mein Weg ist dem HERRN verborgen, und mein Recht geht vor meinem Gott vorüber«. Dieser Verzweiflung des Volkes Israel setzt der Prophet den Schöpfungsgedanken entgegen. Es geht um die Wiederherstellung des Rechtes. Und hier wird es regelrecht kriegerisch. Der Herr führt sein Heer vollzählig heraus. Er ruft jeden beim Namen und führt es mit Macht, so dass keiner verloren geht.

Er ruft jeden beim Namen, damit sind wir beim Sonntagsmotiv. Der Sonntag Quasimodogeniti – wie die neugeborenen Kinder – er ist der Taufsonntag in der Kirche, beziehungsweise der Tauferinnerungssonntag, an dem viele katholische Gemeinden die Erstkommunion der als Baby getauften Kinder feiern, die sich so ihrer Taufe erinnern und sie bestätigen.
Die getauften Christen haben sich von Gott rufen lassen. Wir stehen in seiner Mannschaft, lassen uns von ihm führen. Aus dem Glauben und den Übungen im Beten und im Gottesdienstfeiern, aber auch in der tätigen Nächstenliebe finden wir Kraft für eine gerechte Welt und die Bewahrung der Lebensräume zu sorgen. Niemand kann zu wenig. Jeder wird gebraucht. Wer stolpert oder fällt, wird aufgerichtet, kann weitergehen. Wer müde ist, findet neue Kraft.
Auch der Apostel Thomas, der zweifelte, er machte sich auf, fragte nach, legte seine Finger in die Wunden, erkannte Jesus und ließ sich rufen. Mit den anderen nahm er die Aufforderung an, die Botschaft von der Auferstehung in die Welt zu tragen.
easy-fit! Es ist ganz leicht. Nehmen wir die Aufforderung unseres Trainers an: „Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch. Friede sei mit euch.“ Überwinden wir die Trägheit und trainieren wir unseren Glauben, damit wir aufstehen und neue Kraft bekommen. Heute am Abend und morgen und an allen Tagen. Der Herr ist mit uns.


Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater und dem Herrn, Jesus Christus.

Heute ist es uns aufgegeben, über einen kurzen Abschnitt aus dem Lukasevangelium, im 17. Kapitel den 5. und 6. Vers, nachzudenken.

Und die Apostel sprachen zu dem Herrn: Stärke uns den Glauben!

Der Herr aber sprach: Wenn ihr Glauben hättet so groß wie ein Senfkorn, dann könntet ihr zu diesem Maulbeerbaum sagen: Reiß dich aus und versetze dich ins Meer!, und er würde euch gehorchen.

Kurz ist der Abschnitt, aber das was da an Bildern, Widersprüchen, aber auch an Vertrauen enthalten ist, ist nicht so ganz schnell bedacht.

Dabei fängt es ja noch ganz einfach an: Die Apostel bitten ihren Herrn, ihren Glauben zu stärken. Das sollte doch wohl möglich sein, wenn Jesus zu ihnen redet – wie sie das von seinen guten Predigten gewöhnt sind, dass dann das Glauben wieder leicht wird, weil alles so klar wird, weil sie der Zusage vertrauen. Vielleicht wollten sie aber auch ein weiteres Wunder sehen. Alles wird gut durch Gottes mächtige Hand. Was man sieht, kann man glauben. Was man von Gottes Handeln erfährt, stärkt den Glauben. Oder sie wollten einfach sich nur versichern, dass Jesus, in dessen Gegenwart sie sich sicher und wohl fühlen, bei ihnen ist und bleibt, er ihnen weiter hilft und sie ihm nahe sein dürfen. „Stärke unseren Glauben.“ - Das ist machbar.

Und was antwortet Jesus ihnen? - Jedenfalls sicher nicht das, was sie da so gern gesehen oder gehört hätten. Da redet er von einem Senfkorn, einem Maulbeerbaum und vom Meer. Ein Maulbeerbaum, der sich selbst ins Meer versetzt? - Mal abgesehen davon, dass es schon sehr seltsam klingt, dass sich ein Baum selbst ausreißt und woanders wieder einpflanzt, aber dann auch noch ins Meer? Da würde er doch keinen Tag überleben. Das Salz würde ihn töten, das viele Wasser ersäufen. Und wem sollte er im Meer nützen? - Ein gänzlich unmöglicher Befehl, der allem Leben entgegensteht.

Nun, das was Jesus hier vorschlägt, kann er ja wohl nicht ernsthaft so gemeint haben. Aber es wird von keiner Reaktion der Jünger erzählt, kein Lachen, kein Protest. Das mag daran liegen, dass für die Ohren der Jünger bei dem Wort „Maulbeerbaum“ etwas anderes mitschwingt. Zu einem lebenswerten Ort gehört nach den Vorstellungen der Israeliten ein Weinberg, ein Feigen- und/oder ein Maulbeerbaum. So ist Nahrung zu verschiedenen Jahreszeiten, Boden und Schutz gewährleistet. Dort wo der Maulbeerbaum steht, gibt es Leben und Auskommen, verwandelt sich Fremde und Wüste in Heimat, ist Land in Sicht.

Vor diesem Hintergrund hört sich Jesu scheinbar so skurrile Äußerung dann so an: Auch wenn du an einen dir ganz unmöglich erscheinenden Ort umziehen müsstest, dann kannst du das tun, wenn du nur glaubst, dann wird dein Maulbeerbaum, alles was du zum Leben brauchst, mit dir gehen und dir dort Heimat erwachsen lassen. - Zu schön, um wahr zu sein?

Nein, ist es nicht. Stärke unseren Glauben. Das war es, was die Jünger wollten. Und Jesus traut ihnen einiges zu: Wenn ihr mir zutraut, dass ich euren Glauben stärken kann, dann sage ich euch zu, dass ihr ganz unmöglich scheinendes vollbringen könnt.

Die einzige Voraussetzung für seine steile Vorlage ist ein ganz kleines bisschen Glauben, wie ein Senfkorn. Das Senfkorn ist mit das kleinste Saatgut, das die Pflanzenwelt so kennt. Legt man es achtlos irgendwo hin, kullert es weg und ist verschwunden. Wenn man das Senfkorn in die Erde setzt, vielleicht ein wenig angießt, treibt es aus, bildet Wurzeln, wuchert, breitet sich aus, wächst in die Höhe. Die Pflanze blüht schön gelb. Es ist eine Freude sie zu sehen.

Das Bild vom Senfkorn ist ein Gleichnis für das Reich Gottes, das mit Jesu Erscheinen nahe herbeigekommen ist. Man ahnt gar nicht, wo es einmal angefangen hat mit dem Glauben und es wird an immer mehr Orten sichtbar. Die schönen gelben Blüten dieses Glaubenssenfkorns werden sichtbar an den unterschiedlichsten Stellen: Ein Kranker wird geheilt, ein Blinder kann sehen, wie es weitergeht, ein Lahmer steht auf und macht sich auf den Weg, ein Hungernder wird satt, ein Armer wird versorgt, ein Flüchtling findet Heimat in Sicherheit, Friede kehrt ein, wo Streit und Hass war. Unglaublich, aber es passiert. Gottes Hand kann mehr als wir erwarten und begründen können. So wächst mit dem Senfkorn der Glaube. Wenn wir diesen Worten Jesu vertrauen können, wenn wir aufmerksam die Zeichen sehen, wenn wir an der Ausbreitung seines Reiches arbeiten, dann versetzen wir Maulbeerbäume mitten ins Meer oder in die Wüste oder in Kriegsgebiete.

Wenn dieser kleine Glaube in einen Menschen fällt und aufgeht wie die Senfpflanze, dann wächst er über sich hinaus und vollbringt Taten und Wunder, mit denen niemand gerechnet hätte. Dann ist dieser kleine Samen der Ursprung von mächtigen Blüten, die dann wieder tausendfach neuen Samen erzeugen und die frohe Botschaft von Jesus Christus weitergeben. Dann tun immer mehr Menschen das gute Werk in der Welt. Sie breiten das Reich Gottes aus. So wie die Blüten der Senfpflanze weithin zu sehen sind, so wie sich ihr Duft ausbreitet und ihre Samen die Pracht vermehren, so wirken die Menschen, in die Gott den Glauben gesät hat. - Sie wirken in der Welt und unter den Mitmenschen zu deren Heil.

Aber auch in uns selber wirkt die Pflanze, die da gesät ist: Durch den Glauben, der sich da in uns ausbreitet und fester wird, gewinnen wir Vertrauen zu Gott. Wir können unsere Sorgen und Ängste, die Nöte und Schmerzen in seine Hand legen. Sie ist ganz nahe – in uns. Unser Leben ist nicht mehr sinnlos, wir sind erfüllt von Gottes Liebe. Wir können ruhig und gelassen leben. Das Senfkorn ist wertvoll für uns und für die Menschen um uns herum.

Wenn wir heute Senfkörner im Supermarkt kaufen, dann bekommen wir Tausende in einem kleinen Gewürzgläschen für wenig Geld. Und das war auch zu Jesu Zeiten sicher nicht viel anders. Und so ist es auch mit dem Glauben. Das eine kleine Senfkorn, das ganz am Anfang steht, kostet nichts – umsonst – geschenkt, das verändert Menschen hin zur Hoffnung auf ein sicheres Leben, Auskommen und Heimat. Die Ängste vor Bedrohungen wie Salz, Meer, Wüste und Fremde werden klein. Gott ist mit uns und in uns. Der Maulbeerbaum geht mit uns – wir sind sicher und finden Zukunft, wo immer wir stehen, denn unsere Heimat ist in uns. Und Menschen wachsen über sich hinaus, werden wertvoll für andere: Sie trösten, helfen, machen Mut und bringen Licht in dunkle Zeiten. Sie wirken den guten Geist Gottes in der Welt weit über die eigene Person hinaus.

Ja, so stärkt Jesus den Glauben seiner Jüngerinnen und Jünger – damals und auch heute. Wir müssen nicht viel können, nicht viel haben. Nur eines ist wichtig: Wir müssen das kleine Senfkorn, ein kleines bisschen Glauben, annehmen und in uns Wurzeln treiben lassen. Wenn wir ihn darum bitten, wird Jesus dieses kleine Pflänzlein in uns gießen und pflegen, dass es wächst und uns über uns hinaus wachsen lässt.

Und wenn wir in so einem Vertrauen leben, dann können wir uns und unser Leben in Gottes Hände legen. Wir können ruhig werden und unsere Sorgen hinter uns lassen. Es bedarf nur des Vertrauens und der Liebe zum Herrn. Er wird unseren Glauben mehren und uns versorgen. Amen.


Wir hören einen Abschnitt aus dem Lukasevangelium, im 14. Kapitel die Verse 25 bis 33: Es ging aber eine große Menge mit ihm; und er wandte sich um und sprach zu ihnen: Wenn jemand zu mir kommt und hasst nicht seinen Vater, Mutter, Frau, Kinder, Brüder, Schwestern und dazu sich selbst, der kann nicht mein Jünger sein. Und wer nicht sein Kreuz trägt und mir nachfolgt, der kann nicht mein Jünger sein. Denn wer ist unter euch, der einen Turm bauen will und setzt sich nicht zuvor hin und überschlägt die Kosten, ob er genug habe, um es auszuführen, - damit nicht, wenn er den Grund gelegt hat und kann's nicht ausführen, alle, die es sehen, anfangen, über ihn zu spotten, und sagen: Dieser Mensch hat angefangen zu bauen und kann's nicht ausführen? Oder welcher König will sich auf einen Krieg einlassen gegen einen andern König und setzt sich nicht zuvor hin und hält Rat, ob er mit Zehntausend dem begegnen kann, der über ihn kommt mit Zwanzigtausend? Wenn nicht, so schickt er eine Gesandtschaft, solange jener noch fern ist, und bittet um Frieden. So auch jeder unter euch, der sich nicht lossagt von allem, was er hat, der kann nicht mein Jünger sein.
Liebe Gemeinde, wer einen Bahnhof bauen – umbauen – will, der sollte vorher die Kosten überschlagen... und wer einen Flughafen bauen will …. und ein Klinikum.... und ein neues Rathaus... und wer Kampfdrohnen kaufen will... muss ich noch weiterreden? Das Gespött, wenn so etwas schief geht, kannten die Menschen schon zu Jesu Zeiten. Heute sind die Zeitungen voll davon. Haben die Leute denn nichts dazugelernt?
Für Jesus ist eines selbstverständlich: Fange ein großes Projekt nur an, wenn du sicher sein kannst, dass du es zu Ende führen kannst, dass dein Vermögen – finanziell, aber auch das Durchhaltevermögen und die Kompetenz – dafür reicht. Ziehe nur in den Krieg, wenn du die Chance hast zu gewinnen. Sonst bitte lieber um Frieden. - Nicht dass Frieden nur die zweite Wahl wäre – sie ist die vernünftigere!

Was Jesus in dieser Sache sagt, ist nicht eigentlich das Anliegen unseres Bibelabschnittes. – Schön und auch nützlich wäre es, wenn man das den Regierenden in Stuttgart, in Brandenburg, in unserer Stadt oder im Verteidigungsministerium so als „Gebot“ vorhalten könnte. – Nein, was Jesus hier sagt, scheint in seiner Zeit selbstverständlich zu sein, und es ist ja auch zeitlos vernünftig: Schätze deine Möglichkeiten sorgfältig ab und handle dann danach!
Das von Jesus Gesagte dient in unserem Bibelabschnitt dazu, den Zuhörern deutlich zu machen, dass auch der Weg ins Reich Gottes, der Weg in die Nachfolge wohl überlegt und vernünftig sein soll. Offensichtlich war das dann damals eben auch nicht selbstverständlich.
Auch heute kennt
sicher jede oder jeder von Ihnen einen oder mehrere, die in großer Begeisterung in die Gemeinde kommen, weil sie eine Erfahrung im Glauben und mit Jesus gemacht haben, sich zu ihm bekehrt haben. Oft genug ist ihnen dann nichts konsequent genug, viele werden kritisiert zu wenig oder zu selten zu kommen, man soll entschiedener glauben, feuriger predigen, intensiver missionieren.... Ja, auch diese Leute sind wichtig in der Gemeinde, sie rütteln auf. Aber wie sieht das nach einiger Zeit aus? War es eine ewige Flamme, die da anfing zu brennen, oder war es ein flüchtiges Licht, das nach kurzer Zeit abgebrannt und erloschen war?
Ich denke, das ist ein gutes Bild, wie es sein soll: das ewige Licht. Es brennt in jeder jüdischen Synagoge Tag und Nacht, ähnlich kennen wir Christen es auch in der katholischen Kirche als Licht über dem Tabernakel mit den geweihten Hostien oder am Ende des Kirchenjahres auf den Gräbern, dieses Licht brennt mit kleiner Flamme. Sorgsam wird es ausgewechselt oder neu mit Öl befüllt, ehe es erlischt. Es weist der Gemeinde – den Gläubigen – den Weg zum Heil, begleitet ihren Weg mit Gott und in der Öffentlichkeit. Es brennt allein, ist aber darauf angewiesen regelmäßig sich befüllen zu lassen. Es weist den Weg, aber es tut dies unauffällig, unaufdringlich. Ein großes Feuer würde der Gemeinde die Luft zum Atmen nehmen, könnte gefährlich werden, verbrennen und verwüsten....
Aber was Jesus in unserem Bibelabschnitt seinen Zuhörern dann noch sagt, ist schon eine Zumutung: Wir sollen also wirklich unsere Familien hassen? Wobei: Hassen ist Luthers Übersetzung. Das griechische Wort, das der Evangelist benutzt, kann auch so viel heißen wie verleugnen, hintenanstellen, verlassen. Wie dem auch sei – es geht um Trennung aus den Lebensbezügen – eine harte Forderung! - Nun, in Jesu Zeit war es nicht selbstverständlich, dass man als Christ schon in eine Familie von Christen hinein geboren wurde. Da war es manchmal nötig sich um des Glaubens willen von all der Versorgung durch die Familie unabhängig zu machen, damit man wirklich frei seinen Glauben leben und weitersagen konnte. Vor diesem Hintergrund müssen wir dies verstehen. Heute sind diese Fälle in unserem Land eher selten, aber es gibt sie. Der Junge mit dem muslimischen Vater, der die Konfirmation verhindern will, oder das Mädchen mit der atheistischen Mutter, die kein Verständnis für ihren Glauben hat. Diese jungen Menschen müssen sich lösen von dem, was sie bisher geliebt und begleitet hat, wenn sie weiter als Christen leben wollen. Wenn das nicht wohl bedacht und liebevoll begleitet wird, führt das ins Verderben. Hier ist die Gemeinde gefragt. Sie wird Mutter, Vater, Schwester und Bruder für den, der sich aus dem alten Leben gelöst hat und seinen Weg als Christ gehen möchte. Hier ist die Gemeinde gefragt, langfristig und mit Geduld immer wieder das Öl nachzufüllen, das Licht am Brennen zu halten.
Und das ist dann immer noch nicht alles, was Jesus sagt. Da steht dann noch so eine Zumutung: sich selbst hassen (verleugnen) und das Kreuz auf sich nehmen.
Das ist nun wirklich auch nicht besser zu hören. Was bedeutet das? Nun, das Kreuz auf sich nehmen in der Nachfolge Jesu, das bedeutet nichts anderes als sich so zu verhalten, wie Jesus uns das vorgelebt hat. Er ist als zwölfjähriger Junge Maria und Josef davongelaufen um im Tempel Gottes Wort zu hören und auszulegen. Nicht, dass Maria und Josef schlechte Eltern gewesen wären, sie waren auch nicht ungläubig, sie lebten in der Tradition des jüdischen Volkes. Aber nach dieser Tradition wäre Jesus Zimmermann wie sein Vater geworden. Er gehörte nun einmal nicht zu denen, die im Tempel etwas zu sagen hätten. Aber er hat in Gott seinen Vater erkannt und ist zu ihm in sein Haus gegangen. Und er hat Aufnahme gefunden. Und auch aus der Tempeltradition hat er sich gelöst, hat die Tische der Händler umgeworfen, die Privilegien der Priester in Frage gestellt, sich zu den Armen und Unreinen gehalten, und so gesellschaftliche Grundsätze durchbrochen, Regeln der religiösen Hierarchie in Frage gestellt. Er wusste sich bei seinem himmlischen Vater geborgen. So fand er Kraft weiterzugehen. Er war sich bewusst, dass das, was er anfängt, in die Ewigkeit führt, die Menschheit dem Reich Gottes näher bringt. Das hat es ihm möglich gemacht auch alle Verfolgung, Schmähung und Schmerzen, ja den Tod zu ertragen. Das ist mehr als Selbsthass (Selbstverleugnung). Er darf das fordern von uns! Was Jesus da angefangen hat, seine konsequente Liebe zu den Nächsten, egal welcher Herkunft, ob nun Sünder oder vorbildliches Mitglied der Gesellschaft, das hat seine Kirche wachsen lassen. So konnte sie Heimat werden für alle. Und so brennt dieses ewige Licht auch noch heute, mal heller, mal etwas schwächer, hier flackernd, dort ganz ruhig. Die Kirche, das sind die, die – wenn es nötig ist – alles an Ansehen und Reichtum, an Versorgung, Absicherung und Gemeinschaft hinter sich lassen. Sie finden aber neue Gemeinschaft und Aufgaben, geben die Liebe weiter, die sie empfangen haben, gehen dem Reich Gottes entgegen. Es sind die, die sich das wohl überlegt haben, die erkannt haben, dass sie das können. Und das Tolle daran ist: Wer sich wirklich darauf einlässt, der ist aufgefangen, und der kann auch etwas. Die Nachfolge Jesu ist nicht schwer. „Mein Joch ist sanft und meine Last ist leicht.“ , sagt Jesus an anderer Stelle. Auch wer sonst nicht viel Anerkennung hat, wenig Bildung, wenig Geld, aber viel Liebe zu Jesus und seinen Nächsten empfindet, kann das Licht weitertragen, kann arbeiten in der Nachfolge Jesu. Der erste Schritt ist vielleicht schwer, der Weg kann durch harte Zeiten führen, aber er führt zum Ziel.
So auch jeder unter euch, der sich nicht lossagt von allem, was er hat, der kann nicht mein Jünger sein. Wenn wir uns als Jesu Jünger und in seiner Nachfolge verstehen, dann sollen wir nicht auf Anerkennung, Reichtum, Status oder Bildung schauen, uns nicht von dem allen korrumpieren und von dem Streben danach gefangennehmen lassen, wir sollen die mancherlei Versuchungen, die es so in unseren Zeiten gibt, an uns einfach vorbei gehen lassen. Was gibt es da nicht alles an Heilsversprechen: das schnelle Geld, der ultimative Genuss, die vollkommene Heilung, die effektive Nutzung der geistigen Fähigkeiten, die Reinigung von Geist und Körper bis hin zur Rettung im Ufo beim Weltuntergang. Jesus verspricht all das nicht. Er will, dass wir uns davon lösen auf solche Heilsversprechen zu starren und danach zu streben. Denn nur so sind wir frei wahrzunehmen, dass Gott uns all das schenken will ohn all Verdienst und Würdigkeit, wie Luther das sagt. Jesus verspricht Liebe, Heil, Nahrung, Auskommen und Frieden für alle. Aber er braucht uns, seine Nachfolger, damit sein Werk besteht. Er fordert nicht das willenlose Einhalten von Regeln, keine Zahlungen, keine Rituale, schon gar nicht die blinde Gefolgschaft und Loyalität zu irgendwelchen Führergestalten. Er fordert Nächstenliebe und Selbstlosigkeit – wohl bedacht und im Rahmen der eigenen Möglichkeiten und unterstützt in der Gemeinschaft der Gläubigen. Nicht mehr und nicht weniger.
Liebe Gemeinde, so sind wir aufgefordert, diesen Weg zu gehen, den er begonnen hat, als er das Kreuz auf sich nahm. Er ist auferstanden. Er hat sogar das hinter sich gelassen, sich gelöst von dem, was so unvermeidbar schien.
So können auch wir getrost hinter uns – oder an uns vorbei – lassen, was uns abbringen will vom Weg des Glaubens und der Nächstenliebe. Wir können widerstehen, wenn die Medien uns verleiten wollen zu Konsum, zu Boshaftigkeit und Spott. Wir müssen nicht kämpfen um Ansehen, Zahlen, Kontostände. Unser Licht brennt, stetig, langsam, aber ewig. Und macht so die ganze Welt hell. Gefragt sind wir um Treue und Bedachtsamkeit, Verantwortung und Liebe. Pflegen wir unsere Gemeinden, kümmern wir uns um die Menschen neben uns, unsere Schwestern und Brüder. Sie sind die, die uns anvertraut sind, denen wir anvertraut sind, die mit uns das Kreuz tragen und auf immer wieder neuen Wegen mit uns dem Reich Gottes entgegen gehen.


Das Wort der Bibel, das wir am Sonntag Kantate bedenken, ist ein Abschnitt aus dem Buch des Propheten Jesaja. Im 12. Kapitel lesen wir in den Versen 1 bis 6: Zu der Zeit wirst du sagen: Ich danke dir, HERR, dass du bist zornig gewesen über mich und dein Zorn sich gewendet hat und du mich tröstest. Siehe, Gott ist mein Heil, ich bin sicher und fürchte mich nicht; denn Gott der HERR ist meine Stärke und mein Psalm und ist mein Heil. Ihr werdet mit Freuden Wasser schöpfen aus den Heilsbrunnen. Und ihr werdet sagen zu der Zeit: Danket dem HERRN, rufet an seinen Namen! Machet kund unter den Völkern sein Tun, verkündiget, wie sein Name so hoch ist! Lobsinget dem HERRN, denn er hat sich herrlich bewiesen. Solches sei kund in allen Landen! Jauchze und rühme, du Tochter Zion; denn der Heilige Israels ist groß bei dir!
Liebe Gemeinde, Da ist einem Menschen Gutes widerfahren. Und er oder sie sagt es klar heraus: „Ich habe dir Ärger gemacht, lieber Gott, Du warst zornig über mich, aber jetzt bist Du wieder gut zu mir. Es tut mir Leid, was ich getan habe und Du tröstest mich sogar noch.“ Dass da einer froh ist, ist das eine. Das andere ist, dass er es laut bekennt. „Gott ist mein Heil. Ich bin sicher und fürchte mich nicht.“ Und das Dritte ist, dass hier auch noch die ganze Gemeinde aufgefordert wird, in das Lob einzustimmen, Gott zu loben und zu preisen, … „jauchze und rühme Du Tochter Zion...“
 „Lasst uns miteinander... singen, loben preisen den Herrn, lasst uns das gemeinsam tun, singen, loben, preisen den Herrn“, so singt es die christliche Gemeinde. Und etwas gemeinsam zu tun, das eint.....
So schön das ist, ein offenes Geheimnis ist doch auch dies: Auch und erst recht eint ein gemeinsamer Feind. Unabhängig davon, ob es in vertrauten Kreisen, in der Schule, in der Kirchengemeinde, in der Schule, in der Familie oder auf großer Bühne zwischen Staaten: ein gemeinsamer Feind eint diejenigen, die sich vielleicht sonst gar nicht grün wären.
Egal, ob es früher der kommunistische Osten war, der die Nato und die westlichen Industrienationen verband, oder ob es der schlecht angezogene, nicht immer frisch gestylte Mitschüler ist, der schräge Antworten gibt, oder ob es die Nachbarsfamilie ist, die alle immer nur nervt. Der von allen gehasste Lehrer bringt eine komplett zerstrittene Klassengemeinschaft für einen Moment wieder auf einen gemeinsamen Nenner. Etwas gemeinsam zu tun, das bringt uns Menschen näher zusammen, selbst wenn es Hassen ist, schlecht reden über jemanden oder Witze machen auf Kosten anderer. Ein gemeinsamer Feind bringt die näher zusammen, die dieses Feindbild miteinander teilen.
Weil Menschen das wissen, setzen sie diesen Mechanismus ein, selten zum Nutzen aller: In der Politik wird oft von internen Schwierigkeiten abgelenkt, indem der gemeinsame Feind attackiert wird.
Oder denken Sie an die Ereignisse in unserer Geschichte. Im Dritten Reich nutzten die Machthaber das gemeinsame Feindbild des Juden. Der Nicht-Arier sollte die Menschen einen. Es gelang: Alle Feindbilder der Nazis banden Menschen zusammen, um noch mehr Unrecht zu tun. Das Verbindende war der Hass. Oder ganz aus der heutigen Zeit: die Gruppen von sogenannten Freunden in Sozialen Netzwerken im Internet, die sich nur gefunden haben unter dem Motto „Wir hassen...“, naja, ich will keine Namen sagen um nicht jemanden in Verdacht zu bringen..., Shitstorm nennt man das dann oder Cybermobbing. Nicht selten hat das schon zu schlimmen seelischen Verletzungen, Krankheiten oder Selbstmorden geführt.
Etwas zusammen tun, das verbindet uns Menschen! Das muss durchaus nicht immer so negativ sein. Beim Fußballspielen zum Beispiel, wenn wir ein Fest feiern, arbeiten, verreisen. Wenn wir etwas miteinander tun, verbindet uns das. Aber was und vor allem wie wir es tun, das ist mitnichten egal.
Miteinander zu kicken kann guttun, man tobt sich aus und geht nach dem Spiel mit den Mitspielern und Gegnern Pizza essen. So wäre es schön. Wir können nach dem Fußballspielen aber auch in tiefer Feindschaft auseinandergehen, gefüllt mit Rachegedanken, es den anderen das nächste Mal zu zeigen. Die Blessuren vom harten Einsteigen im Spiel erinnern einen noch mehrere Tage daran. Wie wir etwas miteinander tun ist gar nicht egal. Dass die Gemeinschaft gestärkt wird, ist ein gutes Ziel. Aber eben nicht um den Preis von Menschenleben oder um den Preis von Hasskulturen.
Es ist für uns wichtig, dass wir als Menschen durch etwas Gemeinsames zusammenwachsen, dass wir etwas gemeinsam tun.
Eine verbindende, aber eine anders verbindende Wirkung entsteht, wenn wir auf Gott schauen. Auch das verbindet die Menschen untereinander, wenn sie gemeinsam Gott verehren. Die Ambivalenz dieses Verbindenden haben wir gehört. Wir wissen: Dinge, die uns zum Guten gereichen können. sind nicht automatisch gut. Was wir miteinander tun und wie wir das tun, das ist entscheidend: Gott zu loben ist die ehrenvollste Aufgabe für uns Menschen, und sie lässt uns ganz Menschen werden und sein.
Auch wenn es heute fast befremdend klingt, Gott zu verehren, ist die wichtigste Aufgabe für uns, wie es uns die Frage nach dem höchsten Gebot vermittelt. Dort wird erzählt: „Und einer von ihnen, ein Schriftgelehrter, versucht ihn und fragte: Meister, welches ist das höchste Gebot im Gesetz? Und Jesus antwortete ihm: Du sollst den Herrn, deinen Gott lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und von ganzem Gemüt. Dies ist das höchste und größte Gebot. Das andere ist ihm gleich: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.“ Lieben und loben das gehört zusammen.
Gott zu danken, für ihn zu singen, ihn zu ehren, von Dankbarkeit erfüllt von ihm zu sprechen, das ist richtig und heilsam für uns. Mit Herz und Seele Gott zu verehren, ihm Demut zu zeigen, sich vor ihm verneigen, vielleicht auf die Knie gehen, seine Größe ausdrücken mit Worten, Gesten und Kunst, das ist richtig und verbindet uns Menschen auf heilsame Art und Weise. Es macht uns menschlich im positiven Sinne des Wortes. Manch einer mag es als unzeitgemäß ansehen Gott von Herzen zu loben. Manch einer findet es komisch, peinlich, uncool. Andere finden es sehr anziehend, wenn wir Lobpreisgottesdienste feiern, Lobpreislieder singen.
Es ist so wie bei jeder Lobrede oder Würdigung, bei jeder Laudatio: Der Gelobte kann das Lob dann gut annehmen, wenn er in der Lobrede vorkommt, wenn es nicht über irgendwen auch gesagt werden könnte, sondern wenn er spürt, dass es um ihn geht. Ich glaube, Gott möchte auch, dass er so gelobt wird, wie er ist. Nicht Lobhudelei gefällt, nicht verklärtes unrealistisches Reden tut gut, sondern so gesehen zu werden, wie man ist. Bei uns mit Ecken und Kanten, bei uns mit Untiefen und Abgründen!
Bei Gott, wie er durch seinen Geist und durch Christus wirkt, was er den Menschen durch andere Menschen Gutes zukommen lässt, aber auch die Klagen, die Sehnsucht, dürfen Platz bekommen, auch Angst und Zorn. Eine Würdigung, ein Lob Gottes soll mit ihm zu tun haben und auch authentisch aus dem Mund derer kommen, die da loben. Ehrliches Loben ist liebendes Antworten.
Deswegen gehört die Geschichte, die man miteinander hat, in das Loben hinein: Unsere Geschichte mit Gott ist oft wechselhaft. Das hat Platz im Lob Gottes. Die Klagen über die wunderschöne Schöpfung und ihre Zerstörung durch uns Menschen haben ebenso Platz im Lob Gottes. Die Erlebnisse von uns mit Gott – die guten und die schlechten - gehören zum Lob.

Wenn wir zu unserem Bibelabschnitt zurückkommen: Da erzählt der Prophet davon, dass er Gottes Zorn erfahren hat. Dass er bezahlt hat für seine Fehler. Sein Lob kommt frei aus seinem Mund.
Als Bild dafür möchte ich die Geschichte von Rabbi Schmuel erzählen:
Rabbi Schmuel von Brysow war ein hoch geachteter Mann. Und er war reich. Eines Tages kam eine große Gruppe von Kaufleuten nach Brysow, und zwar kurz vor Sabbatanbruch, so dass sie sich entschlossen den Festtag über in der Stadt zu bleiben. Sie kamen zu Rabbi Schmuel und erkundigten sich, ob sie in seinem Hause wohnen und das Sabbatmahl mit ihm teilen dürften. Rabbi Schmuel erwiderte, er könne ihnen beides anbieten, allerdings nur gegen Bezahlung und dann nannte er sogar noch eine recht hohe Summe, die sie für ihren Aufenthalt zu bezahlen hätten. Die Reisenden waren befremdet, dass ein Chassid, ein Gerechter vor Gott, für die Wohltat der Gastfreundschaft Bezahlung verlangte, aber da sie keine Wahl hatten, nahmen sie sein Angebot an. Und so aßen und tranken die Kaufleute über den Sabbat zur Genüge, ja verlangten sogar noch erlesene Weine und ausgewählte Speisen als Gegenwert für den hohen Preis, den sie zu entrichten haben würden. Auch zögerten sie nicht, alle möglichen Sonderwünsche zu äußern. Als der Sabbat vorüber war und die Kaufleute ihre Reise fortsetzen wollten, traten sie in Rabbi Schmuels Studierzimmer, um die vereinbarte Summe zu entrichten. Der aber brach in Lachen aus: “Glaubt ihr, ich habe den Verstand verloren? Wie könnte ich Geld annehmen für das Privileg, Reisenden Gastfreundschaft zu gewähren?“ Die Kaufleute sahen einander verständnislos an:“ Warum habt ihr uns denn dann nur unter der Bedingung aufgenommen, dass wir euch hoch bezahlen?“ Da erklärte Rabbi Schmuel: „Ich fürchtete, es könnte euch peinlich sein, auch genug zu essen oder die besten Weine zu trinken, wenn ihr euch nur als meine Gäste fühlt. Und seid ehrlich, hatte ich nicht Recht?“
Bezahlen wir seine Liebe und Güte mit unserem Bekenntnis, mit unserer Anbetung und unserem Lob. Reden wir mit ihm von unserer Schuld, unseren Gefühlen und unserer Angst. Tun wir das jeder und jede für sich und in der Gemeinschaft. Das eint uns vor ihm und macht uns stark. Gott gebührt Ehre und Dank, und die Auswirkungen auf uns sind heilsam..
Und die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen. Amen


Wir hören und bedenken heute einen Abschnitt aus dem Johannesevangelium im ersten Kapitel die Verse 19 bis 28: Und dies ist das Zeugnis des Johannes, als die Juden zu ihm sandten Priester und Leviten von Jerusalem, dass sie ihn fragten: Wer bist du? Und er bekannte und leugnete nicht, und er bekannte: Ich bin nicht der Christus. Und sie fragten ihn: Was dann? Bist du Elia? Er sprach: Ich bin's nicht. Bist du der Prophet? Und er antwortete: Nein. Da sprachen sie zu ihm: Wer bist du dann? dass wir Antwort geben denen, die uns gesandt haben. Was sagst du von dir selbst? Er sprach: »Ich bin eine Stimme eines Predigers in der Wüste: Ebnet den Weg des Herrn!«, wie der Prophet Jesaja gesagt hat (Jesaja 40,3). Und sie waren von den Pharisäern abgesandt, und sie fragten ihn und sprachen zu ihm: Warum taufst du denn, wenn du nicht der Christus bist noch Elia noch der Prophet? Johannes antwortete ihnen und sprach: Ich taufe mit Wasser; aber er ist mitten unter euch getreten, den ihr nicht kennt. Der wird nach mir kommen, und ich bin nicht wert, dass ich seine Schuhriemen löse. Dies geschah in Betanien jenseits des Jordans, wo Johannes taufte.
Liebe Gemeinde,Wer bist Du?“, wird Johannes gefragt. Diese Frage stellt man nur Leuten, die etwas besonderes tun, die auffallen. Meist muss man ja auch gar nicht fragen, weil die Personen, die etwas mit mir vorhaben, sich selbst vorstellen. „Ich bin die Stationsärztin“, „Ich bin Schwester Galina.“ – So haben Sie das vielleicht in den letzten Tagen hier im Hause immer wieder mal gehört. Und dann war klar, mit wem man es zu tun hat, was man erwarten und erbitten darf. Die Frage an Johannes den Täufer aber geht noch darüber hinaus. Offensichtlich wurden die Fragenden gesendet von misstrauischen Beobachtern. Da ist einer, zu dem die Leute laufen, sich ihm anvertrauen, auf ihn hoffen. Und er bietet ihnen etwas, eine Behandlung, die weit über das hinausgeht, was sie eigentlich dem Wesen nach ist. Menschen lassen sich von Johannes taufen, untertauchen in fließendem Wasser, sie lassen sich reinigen, erfrischen, erneuern. Es ist dieses Gefühl, endlich wieder unter die Dusche zu dürfen nach langem Liegen, verschwitzten Nächten, langen Reisen. Johannes lässt die Menschen Nähe und Reinheit erfahren. Er gibt es ihnen – einfach so in Gottes Namen. Er tut es nicht um seines eigenen Namens oder seines Ruhmes willen. Ganz klar weist er auf den anderen hin, der da kommen wird, der Nähe, Reinheit, Erfrischung, lebendiges Wasser und noch viel mehr bringen wird. Und das ist der, der uns in den kommenden Tagen als das Kind in der Krippe begegnen will, der uns neu machen will, der unsere Nöte und Ängste, unsere Krankheit und unsere Tränen abwischen will. Seit 2000 Jahren feiern wir Christen das Kommen dieses Heilands. Die Zeitgenossen von Johannes dem Täufer kennen ihn noch nicht. Alles, was sie an heilsbringenden Gestalten kennen, sind die Propheten, den Elia als ersten unter ihnen. Auf sein Wiederkommen wartete man in dem krisengeschüttelten, besetzten und bedrohten Israel. Sollte dieser Johannes, von dessen Taufe soviel Gutes ausging, eben dieser Elia sein? Nein! Johannes stellt sich selbst ganz zurück, und verweist auf den, dessen Namen auch er noch nicht kennt oder nennt: „Er ist mitten unter euch getreten, den ihr nicht kennt....“. Das ist die Ausgangslage. Dabei soll es aber nicht bleiben. Bald wird der jetzt noch Unbekannte vertraut sein, sicher ganz anders als die Erwartungen, die an ihn gerichtet werden. Die Versprechen aber, die sich auf ihn beziehen, täuschen nicht. An bisher unbedeutenden Orten, dort wo man es nicht erwartet, wird er Zeichen tun, deren Hinweise eindeutig sind. Sie weisen auf das große Fest der Erlösung, der Befreiung hin, auf die Wiederherstellung bedrohten Lebens, auf den Wein der Freude, auf nachhaltige Ernährung, kurzum auf ein erfülltes Leben ohne Bedrohung und Gefährdung. Es sind Anfänge, kleine Anfänge. Sie werden auch unterbrochen, es gibt Rückschläge, nichts ist garantiert und doch beginnt hier eine entscheidende Veränderung. Es ist Advent. Es ist eine Zeit des Wartens und der Erwartungen. Hier und da flammen die Kerzen und auch die ganz weltlichen Lichter auf, die Wärme und Liebe durchscheinen lassen in aller Hektik, Angst und Bedrohung, in Krisen und Armut. Da spürt man die Liebe, wenn ein Geschenk ausgesucht wird. Da wärmt es einem die Seele, wenn kleine Kränze an die Türen der Krankenzimmer oder wenn weihnachtliche Bilder an die Fenster gehängt werden. Da freuen mich die Briefe und Grußkarten der Menschen, die an mich gedacht haben besonders. Kleine Vorboten des großen Festes. Es findet statt, auch im Krankenhaus, auch bei Armen und Obdachlosen, sogar im Gefängnis – überall auf der Welt freuen sich Christen über das Erscheinen dessen, der Frieden und volle Genüge bringt, der dich und mich und die Welt versöhnen will. Wer bist Du? Das muss nicht der Elia sein. Es sind die Engel im Alltag, die uns die Botschaft vom Neubeginn, vom Kind in der Krippe, von Hoffnung und Reinheit bringen, ganz unscheinbar. Vielleicht nennen sie ihren Namen, vielleicht lächeln sie einfach zu uns herüber. Die adventliche Zeit öffnet Türen zur Seele, Türen zur Ewigkeit und zum friedlichen Neubeginn. Bald wird er da sein, für dich, für mich und für alle Menschen. Sein Name ist Jesus, der Sohn Gottes, der Kranke heilt, Sünden vergibt, Ängstliche und Traurige tröstet, Armen Nahrung gibt. Er nennt seinen Namen. Es ist klar, was wir von ihm erwarten und erbitten dürfen – nicht nur im Advent. Gott, den er seinen Vater nennt und den auch wir unseren Vater nennen dürfen, wird uns annehmen, erfrischen, rein und gerecht machen. Er sieht uns mit seiner Liebe an, so wie Maria und Josef am Weihnachtstag ihr Kind in der Krippe angesehen haben. Er sorgt für uns und begleitet uns auf unseren Wegen, auch auf den schweren, so wie Maria ihren Sohn begleitet hat, im Leben und bis ans Grab. Dieser Gott will und wird sich finden lassen in allen Tagen deines Lebens. Er wird dich begleiten. Er wird dir Menschen an die Seite geben – oder hat das längst getan, ob sie ihren Namen nennen oder nicht, die dich aber trösten, erfrischen und begleiten werden, wohin dein Weg auch führt, wenn Du das brauchst und erbittest. Das ist das größte Geschenk, das wir uns zu Weihnachten wünschen können. Das Symbol dafür ist der, der da kommt, als kleines Kind in der unscheinbaren Krippe und doch voll Kraft und Herrlichkeit. Amen.


Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater und dem Herrn, Jesus Christus. Wir hören einen kurzen Abschnitt aus dem 1. Korintherbrief im 7. Kapitel, die Verse 29 bis 31: Das sage ich aber, liebe Brüder: Die Zeit ist kurz. Fortan sollen auch die, die Frauen haben, sein, als hätten sie keine; und die weinen, als weinten sie nicht; und die sich freuen, als freuten sie sich nicht; und die kaufen, als behielten sie es nicht; und die diese Welt gebrauchen, als brauchten sie sie nicht. Denn das Wesen dieser Welt vergeht.
Das hört sich ja alles ganz ungemein modern, ganz aktuell an. Mal abgesehen von den Weltuntergangsszenarien, die sich in diesem Jahr mit dem Ende des Maya-Kalenders verbinden, mutet einen unser Bibelabschnitt doch an wie ein Artikel aus einer Zeitschrift von heute. Was da über das Ende des Wesens der Welt gesagt wird, hört sich an wie eine Klage aus heutiger Sicht über die Oberflächlichkeit der Welt und den Egoismus der Menschen: Da werden sie genannt, die Menschen, die die Welt und ihre Resourcen gebrauchen, als brauchten wir sie nicht länger. Freude und Leid, sich Freuen und Weinen werden relativiert. Das „Kaufen als behielten sie es nicht“ hört sich an wie das Kaufverhalten wie im Onlineshop – „Schrei vor Glück oder schick‘s zurück“, hieß das mal. Und auch die Partnerschaft zwischen Mann und Frau wird der Beliebigkeit anheimgestellt. Die Frauen haben, sollen sein als hätten sie keine. Und dann steht da noch: So soll es sein, denn die Zeit ist kurz. Ist da die Schnelllebigkeit unserer Zeit angesprochen, beklagt?
Aber es ist wieder mal wie so oft: Wenn man einen Textabschnitt aus seinem Zusammenhang reißt, kommt es zu Missverständnissen, die so nie gemeint waren – oder vielleicht doch? Nun, der Brief, aus dem unser Abschnitt stammt, ist vom Apostel Paulus an die Gemeinde in Korinth geschrieben. Die ersten Christen leben durchaus in der Erwartung des sehr bald wiederkehrenden Heilandes, der allem Leid ein Ende setzen wird und das Reich Gottes für alle bringen wird. So redet der Apostel in seinem Brief vor allem davon, wie sich die Gemeinde bereit machen soll, den Herrn zu erwarten. Dabei ist es ihm wichtig, dass das Sorgen für den eigenen Ruhm und Reichtum zurücktritt hinter der Sorge für die Gemeinschaft und die Wegbereitung dafür, dass der Messias kommt. Nach pharisäischem Denken gehörte zum Kommen des Messias – des Königs nach Gottes Willen, dass vor allem die Gesetze der Tora eingehalten werden – und zwar von allen Menschen. Andere Gruppen des Judentums legten größten Wert auf Reinheit oder auf den Kampf der Gläubigen. Für Paulus ist das alles weniger wichtig, aber gewisse Bedingungen sollten schon erfüllt sein. Anders kann und will sich Paulus das nicht vorstellen. Das Reich Gottes kommt, wenn alle Menschen so leben, wie Jesus es uns vorgemacht hat, wenn Frieden herrscht, Gerechtigkeit und Liebe untereinander. Dafür sollen alle Menschen Sorge tragen. Und hinter dieser Sorge tritt die Sorge für den eigenen Leib und das eigene Wohlergehen zurück. Vor allem weist Paulus die Sorge um das Ansehen in der Gemeinschaft zurück. Egal, was die Menschen von ihm oder ihren Nächsten denken, was geschieht, soll geistlich beurteilt werden. Und da gibt es keine Kriterien als allein das, was der Geist Gottes sagt. Und hier kritisiert er die Korinthische Gemeinde: „Eifersucht und Zank ist unter euch.“ Paulus drückt es ganz klar aus: Es steht uns nicht zu zu richten über das, was andere tun oder lassen: Darum richtet nicht vor der Zeit, bis der Herr kommt, der auch ans Licht bringen wird, was im Finstern verborgen ist, und wird das Trachten der Herzen offenbar machen. Dann wird einem jeden von Gott sein Lob zuteil werden.
Lob wird den Menschen zuteil. Paulus erwartet das Gute in ihnen. Hier wird das ganz deutlich. Er liebt die Gemeinde, die er gegründet hat, und er schildert ihnen, was er erduldet um des Evangeliums willen. So will er erreichen, dass innerhalb der christlichen Gemeinde kein Streit ist, damit der Unterschied zu den Ungläubigen deutlich wird. Das ist die Stärke einer christlichen Gemeinde, dass jede und jeder gerechtfertigt ist durch den Glauben an Christus, dass alles, was in Gottes Geist und zu seiner Ehre getan wird, richtig ist. Und das ohne Ansehen von Rechten, Normen und Rangordnungen.
Damit aber ist Paulus bei sich selbst: Er lebt ehelos, er hat keinen festen Wohnsitz, keinen Besitz. Er ist nicht angesehen nach den Ordnungen der Welt. Und so könnte die Gemeinde ja darauf kommen, ihm nachzueifern. Aber das würde nicht zum Ziel führen. Einen langen Abschnitt setzt sich Paulus nun mit der Frage nach Ehe oder Ehelosigkeit auseinander: Beides hat Für und Wider. Der ehelose Paulus kann in die Welt fahren, seine ganze Sorge auf das Wohl der Gemeinden richten. Ein verheirateter Mann aber kann Bestätigung und Erfüllung seiner Bedürfnisse in der Familie bekommen und so seine Kraft einsetzen für das Wohl anderer. Paulus richtet hier nicht. Was er aber vor allem zu bedenken hat, ist die Tatsache, dass in Korinth Christinnen und Christen mit ungläubigen Partnern zusammen leben. Hier ist Paulus eindeutig auf Seiten der Eheleute. Sie sollen zusammen bleiben, so lange und sofern das geht. Sollte aber der ungläubige Partner die Trennung vollziehen, so darf dies nicht zur Schande für den Gläubigen sein. Das weist Paulus weit von sich. Nur soll jeder so leben, wie der Herr es ihm zugemessen, wie Gott einen jeden berufen hat. Und so ordne ich es an in allen Gemeinden. Vergleichbares gilt auch für die Einhaltung der Jüdischen Gebote, die Frage nach dem Essen und den Speisevorschriften, sogar für die Frage nach dem sozialen Stand. Bei alledem kommt es nicht darauf an, wer und wie Du bist. Wichtig ist, dass durch dein Leben Christus verherrlicht wird.
Die Gemeinde des Paulus erwartet Christi Wiederkunft sehr bald. Sie fühlt sich noch nicht bereit, aber sie will daran arbeiten. Dafür ist es wichtig, dass es Menschen gibt, die dafür ganz den Kopf frei haben und bereit sind.
Wie die sich Menschen, mit denen Paulus spricht, das Ende der Welt und das Kommen des Reiches Gottes vorgestellt haben, dazu kann man die Offenbarung des Johannes heranziehen. Dort hören wir: „Siehe ich komme bald, halte was Du hast, dass niemand deine Krone nehme.“ oder „Siehe, er kommt mit den Wolken und hat die Schlüssel der Hölle und des Todes.“ Und immer hat man das Weltende mit dem Gericht, der Rechtfertigung eines jeden vor Christus verstanden, so wie es Matthäus am Ende seines Evangeliums darstellt. Seit diese Vorstellungen so niedergeschrieben stehen, sind fast 2000 Jahre vergangen und die Christen haben lernen müssen, dass ein „bald“ in der Bibel doch etwas länger dauern kann. Wir wissen nicht, wann und wie es geschehen wird, auch wenn immer wieder selbsternannte Propheten uns weismachen wollen, sie hätten es errechnet... so wie die Maya – vielleicht.
Wir wissen es nicht. „Es gebührt euch nicht, Zeit oder Stunde zu wissen, die der Vater in seiner Macht bestimmt hat...“, heißt es schon in der Himmelfahrtsgeschichte in der Apostelgeschichte des Lukas.
Und darauf kommt es eigentlich auch gar nicht an. Das Reich Gottes ist längst angebrochen durch den Glauben an Jesus Christus. Das Reich Gottes, das zeigt sich in Liebe, Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung des Lebens.
Eingebettet in diesen Kontext ist unser Bibelabschnitt tatsächlich aktuell und modern. Aber es geht nicht um Klage, nicht um Gleichgültigkeit oder Oberflächlichkeit, nein vielleicht können wir ihn so in unsere Zeit übersetzen:
Es nicht egal, ob Du weinst oder lachst, aber in alledem ist es wichtig, dass Deine Gefühle dir nicht den Blick trüben auf die Gemeinschaft und das Wohlergehen der anderen, auf Deine Gaben und Aufgaben. Es ist nicht egal, ob Du geliebt wirst und lieben darfst. Aber Deine Sorge um die Familie oder Deine Sehnsucht nach einem Partner soll Dich nicht abhalten ebenso für den Frieden und ein Leben in Würde für alle zu arbeiten. Niemals kann es egal sein, wie Du mit der Umwelt umgehst, aber alle Bemühungen um Mülltrennung, Beobachtung des Klimas oder Erhaltung der Lebensräume von Tieren sollen Dich nicht unsensibel machen für das Lebensgefühl oder die Nöte der Nächsten um Dich herum, für die Kranken, Flüchtlinge und Ausgegrenzten in Deiner Stadt. Und natürlich ist es nicht egal, ob Du arm oder reich bist, aber es kommt darauf an, was Dir gegeben ist, dankbar anzunehmen und mit anderen zu teilen – und das weltweit. Denn das, was heute noch wichtig und richtig erscheint in unserer Welt, was unserem Urteil standhält, kann morgen schon in Frage stehen. Was aber ewig ist, ist der Einsatz für Leben in Frieden und Gerechtigkeit – so wie Gott es will, so wie Jesus es gepredigt hat: Lahme gehen, Blinde sehen, Aussätzige werden rein und Armen wird das Evangelium gepredigt. Durch unsere Taufe sind wir in den Machtbereich dieses Reiches Gottes gestellt und beauftragt zum Dienst. Wenn wir uns dem stellen, bereit sind mit wachem Auge dem Reich Gottes zu suchen, ihm entgegenzugehen und uns dafür einzusetzen in Gemeinde und Gesellschaft, dann schimmert das Reich Gottes durch inmitten aller Not und Traurigkeit. Dann können wir Gott loben mit Herzen, Mund und Händen. Amen.


Wir hören einen Abschnitt vom Anfang der Bibel aus dem 1. Buch Mose im 4. Kapitel die Verse 1-16: Und Adam erkannte sein Weib Eva, und sie ward schwanger und gebar den Kain und sprach: Ich habe einen Mann gewonnen mit Hilfe des HERRN. Danach gebar sie Abel, seinen Bruder. Und Abel wurde ein Schäfer, Kain aber wurde ein Ackermann. Es begab sich aber nach etlicher Zeit, dass Kain dem HERRN Opfer brachte von den Früchten des Feldes. Und auch Abel brachte von den Erstlingen seiner Herde und von ihrem Fett. Und der HERR sah gnädig an Abel und sein Opfer, aber Kain und sein Opfer sah er nicht gnädig an. Da ergrimmte Kain sehr und senkte finster seinen Blick. Da sprach der HERR zu Kain: Warum ergrimmst du? Und warum senkst du deinen Blick? Ist's nicht also? Wenn du fromm bist, so kannst du frei den Blick erheben. Bist du aber nicht fromm, so lauert die Sünde vor der Tür, und nach dir hat sie Verlangen; du aber herrsche über sie. Da sprach Kain zu seinem Bruder Abel: Lass uns aufs Feld gehen! Und es begab sich, als sie auf dem Felde waren, erhob sich Kain wider seinen Bruder Abel und schlug ihn tot. Da sprach der HERR zu Kain: Wo ist dein Bruder Abel? Er sprach: Ich weiß nicht; soll ich meines Bruders Hüter sein? Er aber sprach: Was hast du getan? Die Stimme des Blutes deines Bruders schreit zu mir von der Erde. Und nun: Verflucht seist du auf der Erde, die ihr Maul hat aufgetan und deines Bruders Blut von deinen Händen empfangen. Wenn du den Acker bebauen wirst, soll er dir hinfort seinen Ertrag nicht geben. Unstet und flüchtig sollst du sein auf Erden. Kain aber sprach zu dem HERRN: Meine Strafe ist zu schwer, als dass ich sie tragen könnte. Siehe, du treibst mich heute vom Acker, und ich muss mich vor deinem Angesicht verbergen und muss unstet und flüchtig sein auf Erden. So wird mir's gehen, dass mich totschlägt, wer mich findet. Aber der HERR sprach zu ihm: Nein, sondern wer Kain totschlägt, das soll siebenfältig gerächt werden. Und der HERR machte ein Zeichen an Kain, dass ihn niemand erschlüge, der ihn fände. So ging Kain hinweg von dem Angesicht des HERRN.
Liebe Gemeinde,
Eine Geschichte, die so alt ist wie die Menschheit, das Volk Israel hat sie immer weiter erzählt und in die Heilige Schrift, die Tora aufgenommen. Eine so unrühmliche Geschichte von einem Mord, gleich am Anfang der Bibel? Nähme man sie wörtlich, so wie sie erzählt wird, dann wären wir nicht hier. Mal abgesehen davon, dass wir vielleicht nicht existieren würden, wenn denn Kain, der Sohn von Adam und Eva seinen Bruder ermordet hätte -und dann noch die Frage nach den Frauen, die meine Schüler hier dann so gern stellen?
Wie auch immer das mit den Menschen am Anfang der Welt war – wir wissen das aus heutiger Sicht zum größten Teil und sind uns ziemlich sicher, dass da viel mehr an Entwicklung des Lebens auf der Erde nötig war und es so schnell nicht ging. Da hat es Jahrhunderte an Forschung gebraucht, bis wir auf dem heutigen Wissenstand waren, und letztlich wissen wir es noch immer nicht in allen Einzelheiten, welche Gedanken und Pläne der Schöpfergott mit seiner Welt hat.
Das alles ist für unseren Bibelabschnitt letztlich auch nicht wichtig. Gottes Volk erzählt eine Geschichte von dem Miteinander und Gegeneinander zweier Brüder.
Und weil diese Dinge so wichtig sind und die Vorgänge immer wieder irgendwie gleich, deshalb stellt es dieses Thema gleich an den Beginn der Menschheit, schreibt die Geschehnisse schon den ersten Menschen zu.
Es ist eine Geschichte vom erfolgreichen Macher und vom ewigen Verlierer. Es ist eine Geschichte von Neid und Wut, von Stärke und Schwäche, von Angenommensein und Ablehnung - aktuell und doch so alt wie die Menschheit.
Das Besondere an dieser Geschichte ist, dass dieser Kain, der Mörder, dann auch noch gezeichnet wird von Gott. Aber er ist nicht gezeichnet, gebrandmarkt als Mörder, vor dem man sich in Acht nehmen soll, nein, die Bibel erzählt, dass dieses Zeichen ihn vor dem Tode schützt. Gott will sein Leben, Gott will, dass die Menschheit überlebt, Gott will nicht, dass auch Kain erschlagen wird. Mehr noch: Die Bibel erzählt weiter, dass Kain eine Frau findet, einen Sohn Henoch hat und eine Stadt gründet.
Fast schon kitschig, tauglich für eine Telenovela: Der Unscheinbare, unstete, derjenige, dem alles misslingt, dieser wird dann auch noch kriminell, aber er erbt dann das Imperium und führt es, hat Frau und Kinder und lebt...
Aber ganz so einfach ist es denn doch nicht. Was erzählt das Volk Israel also eigentlich? - Ganz nach dem Gesetz des Mose, das dem Volk ja eigentlich erst viel später gegeben wird, handeln die Brüder Kain und Abel. Sie opfern die Erstlinge ihrer Ernte, ihrer Herde. So etwas wie Erntedank findet da statt. Es wird erzählt, dass Gott das eine Opfer annimmt, das andere nicht. Sicher sollen wir uns nicht vorstellen, dass die eine Gabe zum Himmel schwebt, die andere auf dem Altar verrottet. Vielmehr geht es um etwas ganz anderes: Es geht um das, was Menschen für Gott tun, um unseren Dienst an Gott, der auf vielfältige Weise geschieht. Wir antworten damit auf den Dienst, den Gott an uns tut, weil er uns das Leben und volle Genüge gibt. Wir antworten so, wie wir hier zusammengekommen sind mit Gebet und Gesang, aber wir antworten auch mit dem Dienst am Nächsten, wie wir es in der Schriftlesung gehört haben. Und kennen wir das nicht? Diese Opfer, diese Dienste sind wirksam und direkt sichtbar wirkungsvoll, angenommen. Man kann sich daran freuen. - Oder aber sie sind es eben nicht, alles geht schief, Krankheit, Verlust des Arbeitsplatzes, Zerstörung, Diebstahl, alles das geschieht auch denen, die nach dem Gesetz opfern – wie das Volk der hebräischen Bibel das gesagt hätte – beziehungsweise auch denen, die gute Werke tun, wie wir das heute sagen würden. - So alt wie die Menschheit ist diese Erkenntnis.

Und hier sind wir jetzt bei Kain. Sein Bruder Abel ist Viehzüchter, Kain nur Getreidebauer. Und dann sind die Dienste, die Abel tut, direkt erfolgreich. Was genau da geschieht, wird nicht berichtet, nur, das eine: Was Kain tut, hat nicht den gewünschten Erfolg. Da ist nun Raum uns das aus heutiger Sicht einmal vorzustellen:
Kain ist nicht der, dem die Herzen zufliegen. Er schaut zu Boden, nicht den anderen ins Gesicht. Die Menschen weichen ihm aus, den Erfolg haben die anderen, zu wenig Biss, zu klein die Begabung, immer einen Schritt zu spät. Er tappt in die einzige Pfütze weit und breit. Er lernt für die Klassenarbeit, was das Zeug hält: 4-. Ein anderer hat kaum was getan: 1-2. Er hat erfolgreich einen Beruf gelernt, aber die guten Arbeitsplätze bekommen die anderen, das Geld ist knapp. Er spült nach der Party die Gläser, während die anderen fröhlich und in netter Gesellschaft heimgehen. Die anderen bekommen die Fanpost, er die Kündigung.
Ungerecht“, sagst Du? Ungerecht, dass Du so schlecht weggekommen bist, als die Begabungen verteilt wurden. Unfair, dass Du dich mindestens genauso abgemüht hast und die anderen Erfolg haben, fast schwerelos... Ich verstehe deinen Zorn, den Zorn auf die Sonnenkinder, denen alles gleich gelingt, den Zorn auf das ewige Mittelmaß und den Misserfolg. Und ich verstehe deine wütenden Fragen an Gott, von dem doch alle sagen, er gebe jedem, was er verdient.
Halt Kain! Ist es nicht auch ungerecht, dass Du leben darfst, mit dem Schutzzeichen Gottes, während dein Bruder tot ist? Ungerechtigkeit zu empfinden ist so alt wie die Menschheit. Da wo Menschen in einem freien Willen leben, da ist es mit dem schönen Bild von der heilen Welt zu Ende. Das Paradies ist verloren seit die, die die Bibel deine Eltern nennt, ihren Willen durchgesetzt haben und vom Baum der Erkenntnis gegessen haben. Oder drücken wir es anders aus: Das Leben ist nicht fair – Massenmörder scheffeln Millionen, Kinder verhungern, während Getreideprodukte in Automotoren verbrennen, Manager verdienen mehr als genug, während das Gehalt der Leiharbeiterin in der Fabrik kaum zum Leben reicht. So alt wie die Welt...

Und mit diesem Gefühl der Ungerechtigkeit kommt auch das Gefühl des Neides auf – Neid, der kleine Bruder der Sünde. Neid ist kein guter Ratgeber. Er erzeugt Zorn und Hass. Hass trennt uns von Gott. Der Hass gaukelt uns vor, wir müssten die Ungerechtigkeiten der Welt korrigieren, die Unterschiede zwischen den Menschen einebnen. - Welch ein Irrtum!
Eben dieser Hass war es, der Kain dazu brachte seinen Bruder zu erschlagen. Und damit hat er nicht nur den Menschen Abel vernichtet: Er hat die Gemeinschaft erschlagen, die beide hatten, bruderlos, heimatlos steht er nun da. - Der Sünde Lohn. Kain, der Mörder hat sich selbst bestraft: Ausgeschlossen aus der Gemeinschaft, unstet, am Leben und doch tot. Dabei hatte er die Warnung gehört: Bist du aber nicht fromm, so lauert die Sünde vor der Tür, und nach dir hat sie Verlangen; du aber herrsche über sie. Über die Sünde herrschen, über den Hass herrschen, das ist es was uns die Geschichte lehren soll: Nicht Du bist es, der die Ungerechtigkeiten korrigieren soll. Lerne sie zu beobachten, sie sollen aber keine Macht über dich haben. Akzeptiere die Mitmenschen, sie sind deine Gemeinschaft, von Gott geschaffen, mit ihren Fehlern und Schwächen, so wie Du auch. Du sollst leben, sie sollen leben. Der freie Wille ist euch geschenkt. Geht veranwortlich damit um. Gott will unser Leben, er hat uns auch damit beschenkt.
Auch Jesus Christus wurde zu Unrecht verurteilt und getötet und doch lebt er, er wurde zum Zeichen, dass am Ende immer das Leben siegt. Er hat es uns vorgemacht. Er zeigte mit dem Finger auf Ungerechtigkeiten, nahm sich der Opfer und Schwachen an. Grenzenlos sein Erbarmen mit ihnen, aber ohne jeden Hass auf die Starken. Er trat den Ungerechten entgegen, schadete ihnen aber nicht. So hat er auch uns beauftragt in seinem Namen nicht jede Ungerechtigkeit einfach so sein zu lassen, aber wir sollen uns auch nicht von ihr beherrschen lassen, sondern das tun, was uns möglich ist um denen, die in Ungerechtigkeit leben, Ausgleich zu schaffen, auch ihnen ein Leben in Genüge und in Gemeinschft zu ermöglichen.
Das hat Gott von Anbeginn der Welt gewollt. Amen.


Wir hören einen Abschnitt aus dem Alten Testament der Bibel, im 1. Buch Mose, das von den Anfängen des Gottesvolkes erzählt, lesen wir im 12. Kapitel, Verse 1-4:
Und der HERR sprach zu Abram: Geh aus deinem Vaterland und von deiner Verwandtschaft und aus deines Vaters Hause in ein Land, das ich dir zeigen will. Und ich will dich zum großen Volk machen und will dich segnen und dir einen großen Namen machen, und du sollst ein Segen sein. Ich will segnen, die dich segnen, und verfluchen, die dich verfluchen; und in dir sollen gesegnet werden alle Geschlechter auf Erden. Da zog Abram aus, wie der HERR zu ihm gesagt hatte, und Lot zog mit ihm. Abram aber war fünfundsiebzig Jahre alt, als er aus Haran zog.
Liebe Gemeinde,
Unser Bibelabschnitt ist klein. Es sind nur viereinhalb Verse. Es sind nicht einmal hundert Worte. Mancher Einkaufszettel ist länger. Unser Abschnitt ist so klein wie ein Notizzettel. Aber das, was er uns zu sagen hat, seine Bedeutung und seine Spuren können groß, erheblich, wichtig sein.

Ja, es sind große Fußtapfen, die Abram da hinterlässt. Was hier in dem Bibelabschnitt berichtet wird und geschieht, ist wie ein paar Schuhgrößen zu groß. Zu groß ist die Aufforderung Gottes an Abram. Er soll hinausgehen nicht nur aus dem Vaterland, nicht nur weg von der Verwandtschaft, sondern sogar raus und weg aus dem eigenen Haus, aus der Heimat, aus dem Gewohnten, aus dem, was bisher war.

Sehr groß ist dafür aber auch das Versprechen Gottes: Er verspricht Abram nicht nur, ihn in ein anderes, fremdes Land zu führen. Gott will ihn sogar zu einem großen Volk machen, er will ihm einen großen Namen machen. Gott will Abram nicht nur segnen und ihn zum Segen werden lassen für alle Geschlechter, an Abram sollen sich sogar Segen und Fluch Gottes entscheiden. - Irgendwie zu groß, was da gefordert und versprochen wird. Fast auch zu groß, wie gehorsam Abram ist, wie radikal sein Vertrauen ist: Abram geht, wie ihm gesagt ist von Gott.

Geht es vielleicht, bitte ein bisschen kleiner? Etwas kleiner? Etwas leichter? Etwas einfacher?“, möchten wir fragen.Ich zeige dir was“ - Gott spricht das. Gott sagt das auch zu mir und dir. Er spricht es unspektakulär - oder zumindest höre ich es so. Aber in mir wächst doch die kleine Sehnsucht nach diesem „Ich zeig dir was“.
Gott zeigt mir was. Vielleicht hinter vorgehaltener Hand oder halb verdeckt. Er zeigt mir etwas, was ich bis jetzt nicht sah, nicht hatte, nicht ahnte, nicht war - etwas aber, was zu mir gehört, was mir fehlte, ohne dass ich es wusste, was größer ist als ich, aber nicht nur gefährlich, was mehr ist als ich, aber mich auch aufnehmend, erhebend, erfüllend, etwas, was ist wie eine Bestimmung, ein Auftrag, eine Verheißung. Es ist eine kleine Vision für mich, für den anderen Alltag, ein Stück Anderland, ein Stück Segen, Heilwerden, Glück.
 Was kann das sein: Ich denke an verschiedene Situationen, in denen plötzlich deutlich wird, wie es weitergehen soll: Da bietet sich die Möglichkeit sich beruflich zu verändern. - Vielleicht findet sich ein neuer Wohnort. - Wie schön, wenn man sich wieder verliebt. - Oder da wird ein neues Medikament entdeckt, das mir helfen kann. - Jemand erzählt von dem netten Heim, in dem er betreut und nicht mehr einsam leben kann. - Es bietet sich die Gelegenheit zur Versöhnung, zum Frieden....
Sicher fällt jeder und jedem hier etwas ein. Dann kommt es darauf an, dieses Neue zu wagen. Das Alte zu prüfen. Die vertraute Wohnung verlassen, Selbständigkeit aufzugeben oder neue Verantwortungen zu übernehmen, sich auf einen anderen Menschen einlassen, im Streit eigene Schuld zuzugeben. Das alles sind Wagnisse. Nicht immer geht das gleich und sofort, weil andere Menschen von einem abhängen, Verträge erst gekündigt werden müssen, Bindungen nicht so schnell gekappt werden sollen und können, Verpflichtungen und Versprechen eingehalten werden müssen.

Ich zeig es dir“ - Gott spricht leise, sanft, zu mir, unauffällig, aber seine Vision von mir setzt mich in Gang, erst ganz langsam, zögernd, innendrin, aber ich beginne mich ein bisschen zu bewegen, aufzubrechen - fast, nur fast wie Abram.Raus aus dem Gewohnten“, das ist leicht gesagt, aber manchmal doch verdammt schwer getan. Das Gewohnte ist sicher, ist auch gut, hält einen, man klebt daran fest, manchmal fesselt es. Und der Aufbruch zu Neuem muss ja auch nicht bedeuten, dass das Alte schlecht oder falsch war. Aber doch: sich an einem kleinen Lebenspunkt davon wegbewegen, lösen, aufmachen, raus auf einen kleinen Weg machen, aufbrechen - das ist wie sich selbst aufbrechen. Selbst an seinen kleinen, aber wichtigen Lebensporen offen sein oder werden, seinen kleinen Lebensöffnungen finden und sich verlassen. Das ist kein Auszug mit Sack und Pack, kein radikaler Wechsel von allem, was einem lieb und teuer ist. Es ist aber schon ein bisschen davon. Es ist so wie bei Abram, oder bei den Jüngern Jesu, als er sie rief. Menschen öffnen sich der großen Vision Gottes, die er sicher für uns hat, für unser Leben, so wie es ist, und so wie es werden soll. Wir öffnen uns, kommen vielleicht aus unserem Schneckenhaus, lassen uns von der Vision Gottes ziehen, anziehen und machen uns los, los von alten Sachen, von unlösbaren Fragen, von dumpfen Vorbehalten, von vergangenen Schmerzen, von allzu Eingefahrenem, von ewigen Ängsten, von schalen Lebensträumen. Wir machen uns los von einem Etwas, das davon abhält, Gott einen Schritt entgegenzugehen, auszuziehen Richtung Gelobtes Land, Richtung „Ich zeige es dir“ - und sei es nur an einem Punkt, für einen Tag, für eine Idee, für ein Vorhaben, für eine Sache, ja für einen Moment, vielleicht auch nur für eine erste, kleine Initialzündung - fast wie bei Abram.
So war das schlimme Erlebnis der Freundin, die beim Duschen ausgerutscht war und tagelang auf Hilfe wartete, so ein Schlüsselerlebnis für die ältere Dame dann doch die eigene Wohnung in der großen Stadt aufzugeben und in den kleinen Ort in die Seniorenresidenz, in der eine Bekannte schon länger lebte, umzuziehen. Wie neu geboren fühlt sie sich in der Gesellschaft der Gleichaltrigen mit Spielen, Bewegung und Gesprächen, die sie so schon lang nicht mehr hatte. Oder: Es muss ja nicht gleich ein ganz neuer Arbeitsplatz sein, aber die eine oder andere Veränderung, zusätzliche Aufgaben übernehmen, ein Tausch der Arbeitsgebiete, eine Fortbildung – und schon wird man zufriedener, kann mehr erreichen, hat wieder Freude. So können wir uns das in den unterschiedlichen Situationen und Beziehungen unseres Lebens vorstellen, haben das schon erlebt. Da tut sich etwas auf - wenn wir Glück haben, bemerken wir es plötzlich - es entwickelt sich, kann wahr werden, wenn wir das zulassen. Und dieses Zulassen ist allein die eigene Entscheidung – und hat einen eigenen Zeitplan. Sicher kann ich mich beraten lassen, mit anderen darüber reden, aber weder Moral noch gesellschaftliche Normen oder was andere darüber denken, darf letztlich entscheiden.
Es liegt an mir, ob ich mir das Etwas zeigen lasse, ob ich mich bewege - mich bewegen lasse von der Vision Gottes für mich, von ihm. Es liegt auch an Gott, ob er mich anspricht, ob er mir etwas zeigt, ob er mich hineinnimmt in seine Vision und auch im Kleinen losschickt. Gott bewegt mich und ich lasse mich von Gott in Bewegung setzen und ich merke: Ihm liegt an mir. Aus mir wird etwas von dem, was Gott von mir will, was meine Bestimmung und Aufgabe von ihm aus ist.
Das muss nicht so radikal, so alles umwälzend, so groß und wuchtig sein wie bei Abram. Es kann an einem Punkt in meinem Leben sein, in einem Bereich, mit einer Idee oder Tat, manchmal gerade ein Teil, ein Etwas seiner Vision, seiner Bewegung, seiner Liebe.
Und dann spüre ich an mir: Mensch, an dir liegt es. Es ist nicht so, dass sich jetzt alle guten und schlechten Geister an mir scheiden müssten. Es ist nicht so, dass sich Segen und Fluch Gottes, Weh und Ach, Hopp oder Topp gerade an mir entscheiden, aber ich merke: Es liegt eben genau an mir, ob Gottes Vision sichtbar wird, ob sich etwas von Gott bewegt, ob Menschen bewegt werden von ihm, ob andere auch etwas von ihm sehen, gezeigt bekommen.
Und sei es objektiv noch so klein, jede Veränderung empfinden wir subjektiv als großen Schritt. Und wir haben Angst. Das ist ganz natürlich. Jesus hat von seinen Jüngern da viel verlangt: Wer mir nachfolgen will, der gebe seine Habe den Armen, verlasse Vater und Mutter, verleugne sich selbst, sehe nicht zurück.... Und die Jünger, zum Beispiel auch der Menschenfischer Petrus, sie sind immer wieder gescheitert an den großen Zielen, und doch haben sie sich als seine Jünger erwiesen, haben von ihm erzählt, sein Werk und Wort bekannt gemacht - es hinaus getragen in die Welt. Jesus hat ihnen vergeben, will uns immer wieder vergeben, aber er gibt nicht auf, uns in seinen Dienst zu rufen und uns zu zeigen, wohin es gehen soll auf dem Weg zum Reich Gottes – uns und vielen zum Heil und zum Segen. Und dafür ist es nie zu spät – Abram war schon 75 Jahre alt.

Unser Bibelabschnitt ist klein - wie ein kleiner Notizzettel. Was er Großes von uns will, für uns bedeutet, das ist groß. Das haben wir jetzt bedacht.
In meinen Geldbeutel stecken will ich mir den kleinen Text voller Visionen Gottes von mir, von Abram und von euch. So nehme ich ihn mit, ab jetzt für die ganze Zeit des Sommers und lasse ihn mit umziehen von Ort zu Ort sicher in meinem Geldbeutel. Überall ist er dabei, an seine Worte zu erinnern, an das Große, das darauf steht, das drinsteckt, and das Große, das Gott auch mit mir vorhat. Wenn Sie möchten, ich habe noch mehr davon und möchte das mit Ihnen teilen. Nachher am Ausgang dürfen Sie gern einen solchen Zettel mitnehmen. Lassen wir uns zeigen, was Gott mit uns vorhat, lassen wir uns bewegen, jetzt in diesem Sommer und unser ganzes Leben lang. Amen.
(Dank an Herrn Pfarrer Jochen Kunath aus Freiburg, aus dessen Predigtmeditation in den Pastoralblättern ich einige Ideen und Formulierungen übernommen habe.)


Liebe Gemeinde,
Der Bibelabschnitt, über den wir heute nachdenken sollen, steht im Brief an die Gemeinde von Kolossä, einer Stadt in Kleinasien. Die apostolischen Schreiber brennen darauf noch viele Menschen für Jesus Christus zu gewinnen. Doch wir hören, dass sie in Ephesus im Gefängnis festgehalten werden. In ihrem Brief bitten sie die Christen in Kolossä um Unterstützung bei der Verkündigung des Evangeliums. Wir hören Worte aus dem Kolosserbrief, Kapitel 4, die Verse 2-6:

Seid beharrlich im Gebet und wacht in ihm mit Danksagung! Betet zugleich auch für uns, dass Gott uns eine Tür für das Wort auftue und wir das Geheimnis Christi sagen können, um dessentwillen ich auch in Fesseln bin, damit ich es offenbar mache, wie ich es sagen muss. Verhaltet euch weise gegenüber denen, die draußen sind, und kauft die Zeit aus. Eure Rede sei allezeit freundlich und mit Salz gewürzt, dass ihr wisst, wie ihr einem jeden antworten sollt.
Church is open for prayer“, „Die Kirche ist geöffnet zum Beten“, dieses Schild hängt an einer kleinen alten Kirche in der modernen, lauten Innenstadt von San Francisco. Man muss schon näher treten um zu erkennen, dass diese Tür nicht verschlossen ist. Wenn man die kühle, große Metallklinke herunterdrückt und kräftig zieht, öffnet sich tatsächlich die Tür und man geht hinaus – ja, hinaus aus dem Lärm, dem geschäftigen Treiben, und es ist still, du bist ganz allein, kein Mensch ist zu sehen, weil das blendende Licht vor der Tür dich unfähig gemacht hat hier im dunklen Raum Einzelheiten zu erkennen. Auch die Hitze der Stadt ist verschluckt. Du setzt dich in eine Bank. Wie groß der Raum ist. Und tatsächlich spürst du plötzlich etwas von der Nähe Gottes und fängst an mit ihm zu reden. Da sitzen noch zwei Menschen, sie beten auch. Die offene Kirchentür, ein Zeichen dafür, dass Gott immer für uns da ist – auch dann, wenn wir wieder hinein gehen in die Straßen, die Geschäfte, die Busse und Bahnen.
Kirchen können sicher nicht immer und nicht überall geöffnet sein. Die Tür zu Gott aber steht uns offen. Jesus ist täglich durch diese Tür gegangen. Am frühen Morgen ging er hinaus vor die Stadt um zu beten. Die Begegnung mit dem himmlischen Vater im Gebet ist für ihn eine lebenswichtige Voraussetzung um gestärkt und gefasst in den Tag hinein gehen zu können. Seine Jünger haben das bemerkt. Eines Tages kommen sie zu ihm mit der Bitte: „Herr, lehre uns Beten.“ Und Jesus lehrt sie das Gebet, das gleichsam ein Modell auch für unser persönliches Beten ist: „Vater unser im Himmel …“

So hat Jesus uns den Zugang zum Vater eröffnet. Die Tür ist offen. Was liegt näher, als immer wieder und regelmäßig durch diese Tür zu gehen? Und doch müssen die Schreiber unseres Bibelabschnitts die Christen in Kolossä (und ähnlich in anderen Briefen) mahnen: „Seid beharrlich im Gebet.“
Der heutige Sonntag Rogate aktualisiert diese Mahnung jedes Jahr neu: Rogate, das heißt: Bittet! – Warum bitten? Weiß Gott nicht auch ohne unser Gebet, was uns fehlt? Oder denken wir vielleicht: Beten kann ich immer noch, wenn es mir schlecht geht? Oder haben wir Zweifel daran, dass Gott auf unser Gebet hin etwas ändern kann? Gegen solche Einwände steht das überzeugende Beispiel Jesu, für den die tägliche Verbindung zu seinem himmlischen Vater im Gebet selbstverständlich und lebensnotwendig ist wie das tägliche Brot. Ist es am Ende unsere Trägheit, wenn wir meinen, darauf verzichten zu können? Denn Beten und Wachen gehört zusammen: „Seid beharrlich im Gebet und wacht in ihm mit Danksagung“. So beginnt unser Bibelabschnitt. Viele kennen die Erfahrung, dass die Zeit gleich nach dem Aufstehen die beste Zeit zum Beten ist. Andere, die in der Nacht nicht schlafen können, nützen solche Wachzeiten zum Beten. In manchen Gemeinden und Einkehrhäusern oder Klöstern gibt es die Sitte, sich in der Kirche zu einer Gebetsnacht zu treffen oder einander stundenweise im Gebet abzulösen, so dass das Gebet die ganze Nacht weitergeht.
Die Apostel machen den Christen in Kolossä keine Vorschriften, wann und wie oft am Tag sie beten sollen, und welche Gebete sie sprechen sollen. Sie zeigen ihnen die offene Tür zu Gott und überlassen es ihnen, welche Zeiten und Formen sie finden um die Verbindung mit Gott zu halten. „Church is open for prayer!“
Paulus und Timotheus erinnern die Christen aber daran, dass zum Beten das Danken gehört: „Seid beharrlich im Gebet und wacht in ihm mit Danksagung“. Dank vor allem dafür, dass Jesus uns den Zugang zum Vater eröffnet hat! Wir müssen nicht an verschlossenen Türen rütteln. Jesus hat uns in unserer Taufe so fest in die Verbindung mit dem himmlischen Vater hinein genommen, dass auch wir bei Gott zu Hause sind. Ihm, dem Sohn, verdanken wir die offene Tür zum Vater. Daran erinnert die in vielen Gebeten verwendete Formel „durch Jesus Christus, deinen lieben Sohn“. Den Dank dafür müssen wir einfach immer wieder aussprechen.
Auch im zweiten Teil unseres Bibelabschnittes geht es um eine offene Tür: „Betet zugleich auch für uns, dass Gott uns eine Tür für das Wort auftue.“ Die Tür zu Gott, so haben wir gehört, ist offen! Aber – viele Menschen sind dieser Botschaft gegenüber verschlossen, vielleicht auch Menschen, die uns ganz nahe stehen. Das schmerzt. Wir haben wohl versucht, sie zu überzeugen, sind ihnen mit besonderer Liebe begegnet. Haben lange Gespräche mit ihnen geführt. Wir haben sie in den Gottesdienst mitgenommen. Wir haben ihnen Bücher geschenkt, die zum Glauben einladen. Alles vergeblich. Sie sind und bleiben verschlossen. Wir können die Tür nicht öffnen. Und das ist ja vielleicht auch gut so, dass nicht jede Tür sich leicht öffnet. Hätte die Tür der Kirche in San Francisco damals weit offen gestanden, der Zauber des Raumes wäre dahin gewesen. Wäre die Tür zu Gott immer gleich offen, kein Schlüsselerlebnis nötig, drinnen und draußen wäre gleichgültig. Wird nicht immer erzählt, es sei ein ungleich wertvolleres Erlebnis einen Berg aus eigener Kraft zu ersteigen, als mit der Seilbahn hinauf zu fahren? - Aber damit sich die Tür des Glaubens eines Tages – wie auch immer – öffnet, da hilft wirklich nur Beten. Deshalb bittet der Verfasser des Briefes die Christen in Kolossä: „Betet für uns, dass Gott uns eine Tür für das Wort auftue und wir das Geheimnis Christi sagen können, um dessentwillen ich auch in Fesseln bin, damit ich es offenbar mache, wie ich es sagen muss.“
Heißt das, die Kolosser sollten darum beten, dass er aus dem Gefängnis frei kommt? Das steht da aber nicht! Wichtig ist ihm die offene Tür für das Wort, dass es den Glauben weckt bei denen, die es hören. Wer der Bote sein darf, das bleibt offen. Und da liegt auch ein Schlüssel zu der verschlossenen Tür: Oft ist es ein ganz fremder, der den Freund zum Glauben an Jesus Christus führt, der die Tür aufstößt, an der wir doch so oft gerüttelt haben. Aber wäre sie aufgegangen, wenn wir das nicht so oft vergeblich getan hätten? Wir sollen uns eines solchen Erfolges nicht rühmen. Der Ruhm für die Öffnung einer Seele für Christus gebührt allein Gott.
Wir sollen Gott nicht vorschreiben, wie er helfen soll. Wir müssen ihm Spielraum lassen, auch wenn wir für Kranke beten. Wir wünschen ihnen, dass sie gesund werden. Aber wir glauben, dass Gott ihnen nahe ist und hilft, auch wenn unsere Hoffnung nicht in Erfüllung geht.
Dietrich Bonhoeffer sagt: „Nicht alle unsere Wünsche, aber alle seine Verheißungen erfüllt Gott, das heißt: Er bleibt der Herr der Erde, er erhält seine Kirche, er schenkt uns immer neuen Glauben, legt uns nicht mehr auf, als wir tragen können, macht uns seiner Nähe und Hilfe froh, erhört unsere Gebete und führt uns auf dem besten und geradesten Weg zu sich.“
Der Schreiber des Kolosserbriefes wendet sich mit seiner Bitte um Fürbitte an die ganze Gemeinde. Sicher freut er sich, wenn einzelne Gemeindeglieder auch in ihrem persönlichen Gebet für ihn und das ihm aufgetragene Werk beten. Aber auch die Gemeinde als ganze soll in ihren Gottesdiensten dafür beten, dass die Botschaft offene Türen findet. Darum hat bis heute die Bitte um die Ausbreitung der frohen Botschaft ihren Platz im gottesdienstlichen Fürbittgebet und in besonderen Gebetswochen, wo wir für Mission und für die Christen in der Welt beten.
Um offene Türen geht es schließlich auch im letzten Teil unseres heutigen Bibelabschnittes: „Verhaltet euch weise gegenüber denen, die draußen sind, und kauft die Zeit aus. Eure Rede sei freundlich und mit Salz gewürzt, dass ihr wisst, wie ihr einem jeden antworten sollt.“ Wir beten um offene Türen für Gottes Wort bei Menschen, die dafür noch verschlossen sind – aber sind wir selbst auch offen für sie? Interessieren sie uns mit dem, was sie erlebt haben, was ihnen wertvoll ist, was sie denken, was sie hoffen, was sie fürchten? Haben wir offene Augen, offene Ohren? Decken wir andere Menschen mit gut gemeinten Ratschlägen zu, oder lassen wir sie erzählen, sagen selber besser nichts, bis wir gefragt werden? Das wäre weise! Nur so kann Vertrauen wachsen. Dann können wir im rechten Moment vielleicht auch etwas Hilfreiches sagen. Die Mahnung „Kauft die Zeit aus“ bedeutet nicht, in möglichst kurzer Zeit möglichst viel sagen, sondern sensibel dafür sein, was jetzt dran ist.
Freundlich und mit Salz gewürzt“ soll unsere Rede sein, das eine nicht ohne das andere. Eine gesalzene Strafpredigt ohne jedes Verständnis wird kaum etwas bewirken, ebenso wenig wie ein mildes Lächeln ohne den Mut, auch eine unangenehme Wahrheit auszusprechen.
Da werden hohe Ansprüche an jeden einzelnen Christen gestellt, hohe Anforderungen an uns als Gemeinde und als Kirche! Sind wir damit überfordert? Ja, das sind wir! Eben deshalb brauchen wir das tägliche Gebet, die Bitte um aufmerksames Hören und um behutsames Reden zur rechten Zeit. So dringend wie im Gleichnis Jesu der Mann seinen Freund um Brot bittet, so dringend ist auch die Bitte um Weisheit, um Liebe, um Geduld – die Bitte um den Heiligen Geist! – Church is open for prayer – gehen wir Tag für Tag hinaus in die Stille mit Gott. Rogate – Bittet!


Wir hören aus dem 2. Korintherbrief im 4. Kapitel die Verse 16 bis 18: Darum werden wir nicht müde; sondern wenn auch unser äußerer Mensch verfällt, so wird doch der innere von Tag zu Tag erneuert. Denn unsre Trübsal, die zeitlich und leicht ist, schafft eine ewige und über alle Maßen gewichtige Herrlichkeit, uns, die wir nicht sehen auf das Sichtbare, sondern auf das Unsichtbare. Denn was sichtbar ist, das ist zeitlich; was aber unsichtbar ist, das ist ewig.
Herr, segne unser Reden und Hören.

.Liebe Gemeinde,
Das Sichtbare und das Unsichtbare, das Zeitliche und das Ewige, Trübsal und Herrlichkeit, verfallen und erneuern. Der Apostel schreibt von den Gegensätzen, die unser Leben bestimmen, die wir oft aber auch brauchen und wollen, weil wir mit dem Eindeutigen nicht so einfach umgehen können. Gerade beim Sichtbaren und Unsichtbaren wird das deutlich: Was haben wir alles zu verbergen an Schuld und Peinlichkeiten? Manchmal wünschen wir uns doch, dass dies oder jenes unsichtbar bliebe. Fehltritte, Süchte oder Intrigen – da trachten wir sogar mit aller Kraft danach es zu verbergen.
Auf der anderen Seite können wir aber auch nicht verschweigen, welch befreiende Wirkung es zuweilen hat – und zwar für alle Beteiligten – wenn das alles eindeutig zutage tritt. Erst dann ist Heilung, Versöhnung, Wiedergutmachung möglich. Befreiung – Erneuerung.
Wir selbst werden erneuert, die Beziehungen neu geordnet. Erst wenn der alte Mensch in seinen Verstrickungen verfällt, kann Erneuerung stattfinden.
Das Alte, Verfallende ist dann nicht weg. Es ist vielmehr die Grundlage der Neuordnung. Vergebung heißt nicht Vergessen. Das Eingeständnis von Schuld hebt diese nicht auf. Ein Fehltritt bleibt nicht folgenlos. Die Sucht ist nicht geheilt. Aber das Wissen darum, der offene Umgang damit, die bewusste Verhaltensänderung, die Gespräche, die angenommen Hilfen , die verbüßte oder bezahlte Strafe – das ist es, was befreit, das Miteinander erleichtert, weitere Verstrickungen und Lügen verhindert.

Im Buddhismus gibt es ein Wort dafür: „Karma“. Meine Schüler lernen, dass es dabei um die Summe der Taten und die Absicht, die dahinter steckt, geht. Die Beurteilung dessen hat Auswirkungen auf die Reinkarnation, übersetzt die Wiedergeburt. In ähnlicher Weise, wie es sich in unserem Bibelabschnitt anhört, spricht auch eine buddhistischer Nonne, die diesen Zusammenhang zwischen Karma und Reinkarnation zu erklären versucht:
Menschen, die mit der buddhistischen Lehre noch nicht vertraut sind, erklä­re ich, dass wir jeden Morgen wiedergeboren werden und jeden Abend einen kleinen Tod sterben. Am nächsten Morgen bringen wir das Karma mit, was wir am Tag vorher gemacht haben.... Dazu kommt dann auch, dass in absoluter Wahrheit wir jede Millisekunde wiedergeboren werden, weil jeder Gedanke verschwindet, jede Zelle aus­einander geht und wieder zusammenkommt... Das nach dem Tod dann weiterzuziehen, das muss jeder selbst erkennen lernen. Es ist beim Tod auch nicht anders als jeden Morgen. Da ist nur ein neuer Körper: ich bin eingeschlafen, und dann komme ich wieder.
Freude, die man an der Welt verspürt, wenn man sie überwunden hat, ist eine andere als man sie vorher hatte: Sie ist reiner, ist geläutert, weil sie nicht festhalten will. Sie kommt und geht, und das ist in Ordnung. Und die­ses nicht festhalten wollen an der Freude reinigt sie.
Das, was der Buddhismus unter Wiedergeburt versteht, ist etwas anderes als das, was wir Christen mit Auferstehung meinen. Zum einen verstehen Buddhisten darunter die Wiederkehr der Seele/derselben Persönlichkeit nach ihrem Tod in einem anderen Körper, durchaus auch als Tier nach bestimmten Regeln. Dieser Gedanke stammt aus dem Hinduismus und prägt auch diese Religion. Diese Vorstellung lehnt das Christentum aber ab. Wir kennen keine Seelenwanderung. Auferstehung geschieht als ganzer Mensch mit Leib und Seele, so wie Jesus auferstanden ist und seinen Jüngern erschienen.

Zum anderen meint Wiedergeburt im Buddhismus aber auch die tägliche Wiedergeburt im Leben – und hier sind die Vorstellungen ganz nah an unserem Bibelabschnitt: Das alte verfällt, das neue ersteht, aber die Lasten und Laster bleiben bestehen. Sie können erst überwunden werden, wenn sie offen zutage treten, wenn wir nicht mehr an dem Verbergen, an dem schönen Schein, unserem äußeren Bild von uns festhalten wollen und müssen, wenn wir nicht um jeden Preis die Freude, den Spaß an erste Stelle setzen.

Und hier sind wir wieder angekommen bei unserem Bibelabschnitt aus dem 2. Korintherbrief. Dieses „nicht den äußeren Schein an erste Stelle setzen“, das ist es, was uns als Christen abheben soll von den anderen: Wir sehen nicht auf das Sichtbare sondern auf das Unsichtbare. Das heißt nun nicht, dass wir inquisitorisch forschen nach dem, was der andere mühsam zu verbergen sucht, sondern das heißt: Das, was du bist oder kannst, wofür du geliebt wirst, was dein Menschsein ausmacht, das ist nicht das, worauf die öffentliche Meinung achtet, sondern das bist du selbst mit allen deinen Fehlern, mit allen deinen Schwächen. Und es ist nicht das, was die anderen aus dir machen, was sie über dich erzählen und welche Titel du trägst. - Ganz abgesehen davon, dass es nicht das ist, was wir selber versuchen als Bild von uns zu transportieren.
Das was vor Gott zählt, was uns in die Ewigkeit begleitet, ist die Herrlichkeit der Kindschaft vor ihm. Wenn die Trübsal, wie der apostolische Schreiber das Bekennen der Schuld, das Stehen zu unseren Fehlern und Krankheiten nennt, in dieser Zeit ertragen, auch wenn uns das nicht leicht erscheint, werden wir erkennen, wie unscheinbar dieser Schritt ist, angesichts der gewichtigen Anerkennung als Kind vor Gottes Angesicht in Herrlichkeit.
Vor Gott und in seiner Gemeinde zählen nicht die Fehler und Schwächen – wir werden sie eh nicht los (wie unser Karma, würden Buddhisten sagen). Das ist der äußere Mensch. Vor Gott zählt ein offenes Bekenntnis, ein reines Herz, der innere Mensch, wie er vom Schöpfer gemacht und gewollt ist. Denn Jesus Christus ist für uns ans Kreuz gegangen, auf dass unsere Sünden abgewaschen, unser Schuldbrief getilgt wird. „Er hat ihn ans Kreuz geheftet.“, haben wir vor zwei Wochen in der Predigt gehört. Das ist wahr und das ist es, was zählt.
Und so gehört eben alles zum Leben vor Gott, so widersprüchlich es auch klingt: das Sichtbare und das Unsichtbare, der innere und der äußere Mensch, das Zeitliche und das Ewige, Trübsal und Herrlichkeit, verfallen und erneuern. Amen.


Wir hören einen Abschnitt aus dem Kolosserbrief, im 2. Kapitel die Verse 12-15:
Mit ihm seid ihr begraben worden durch die Taufe; mit ihm seid ihr auch auferstanden durch den Glauben aus der Kraft Gottes, der ihn auferweckt hat von den Toten. Und er hat euch mit ihm lebendig gemacht, die ihr tot wart in den Sünden und in der Unbeschnittenheit eures Fleisches, und hat uns vergeben alle Sünden. Er hat den Schuldbrief getilgt, der mit seinen Forderungen gegen uns war, und hat ihn weggetan und an das Kreuz geheftet. Er hat die Mächte und Gewalten ihrer Macht entkleidet und sie öffentlich zur Schau gestellt und hat einen Triumph aus ihnen gemacht in Christus.
Liebe Gemeinde,
erst vor einer Woche haben wir Ostern gefeiert. Das Fest der Auferstehung Christi hat uns zum Jubeln gebracht oder doch mindestens Freude ins Leben. Und das wirkt auch noch fort – hoffentlich! Eine Woche ist vergangen. Was hat sie für uns bereit gehalten? Wie sind heute Morgen die österlichen Lieder bei Ihnen angekommen. Waren sie schon wieder fremd, weil die Woche Mühe und Arbeit, vielleicht sehr viel Ärger oder traurige Nachrichten brachte? Das Leben ist ohne solche Zwischenfälle doch gar nicht denkbar, oder?

Was heißt das eigentlich: „auferstanden durch den Glauben“ oder „er hat euch mit ihm lebendig gemacht“. Waren wir denn nicht lebendige Wesen? Was heißt denn „tot in den Sünden“? - Sünde ist die Trennung von Gott. Der Sund ist ein Abgrund, eine tiefe Stelle im Meer, die das Land von einer Insel zum Beispiel trennt, wir kennen den Fehmarnsund oder den Öresund in der Ostsee. Heute werden beide Sunde von einer großen, langen Brücke überwunden, aber das war zu Jesu Zeiten unvorstellbar. Unendlich tief und unüberwindbar war das Meer zwischen Gott und dem Menschen, der sich von ihm getrennt hatte. Getrennt von Gott, von dem Festland, das ihn versorgt – das ist Tod.

Wie sich die Trennung von Gott anfühlt, das erleben Christen am Karfreitag. In der Karfreitagsliturgie der katholischen Kirche wird das sehr deutlich. Die Kirche ist schmucklos, am Hochaltar sind die Bilder weggeklappt, keine Blumen, keine Kerzen. Das Tabernakel, also der heilige Ort im Altar, wo sonst die geweihten Hostien aufbewahrt werden, ist leer – seine Tür steht offen. Christus ist nicht sichtbar. Das Kreuz, das später hereingetragen wird, ist mit einem Tuch verhüllt, erst im Laufe des Gottesdienstes wird der Gekreuzigte sichtbar.

Dieser Gekreuzigte hat unsere Schuldbriefe „ans Kreuz geheftet“. Das sagt uns unser heutige Bibelabschnitt. Das, was uns von Gott trennt, ist nichtig geworden. Es hat seine Macht verloren. Die Brücke ist gebaut. Diejenigen, die nicht glauben wollten, dass das möglich ist, die die Unmöglichkeit predigten, die meinten alles besser zu wissen, sind ihrer Macht beraubt, lächerlich gemacht. Das ist die Folge von Ostern. Mit Jesu Auferstehung ist er wieder da. Das was da am Karfreitag so leer war, ist erfüllt mit Freude.
Wenn die katholische Gemeinde am Karfreitag das Kreuz verehrt, dann macht sie sich bewusst, dass das Leiden zum Leben dazugehört. Wer leidet, leidet mit Christus und erwirbt damit die Möglichkeit sich zu freuen. So wie Christus für uns gelitten hat, werden wir in seinen Dienst genommen, wenn wir leiden. Aber dieses Leiden ist nicht Tod. Es führt zum Leben, dazu, dass wir das geschenkte Leben spüren.
Was damit gemeint ist, kann deutlich werden an der Hauptfigur des Filmes „Atmen“, der im vergangennen Jahr erschien. Roman ist ein Strafgefangener. Sein Leben ist eingegrenzt in einer acht Quadratmeter kleinen Zelle. Fast alles hat er entbehren müssen, Eltern, ein Zuhause und vor allem Liebe, das hat er nicht gehabt. Das Gefängnis ist seine Heimat. Eigentlich lebt er hier wie ein Toter, niemand fragt nach ihm. Da ergibt sich gegen Ende der Haftzeit die Chance für ihn draußen zu arbeiten, wenn er einen Arbeitsplatz findet. Nach einigen Rückschlägen findet er Arbeit - bei einem Bestatter: Verstorbene abholen, waschen und herrichten. Langsam merkt er im Umgang mit den Toten den Unterschied. Daher der Titel des Films: Atmen – Roman merkt: Ich atme! In mir ist Leben. Es ist geschenkt, nicht geklaut oder ergaunert.
Als er dann vorzeitig entlassen wird, frei ist, muss er das neue Leben erst lernen. - Vorzeitig entlassen: Das beschreibt unsere Lage als Christen nach Ostern. Das Leben ohne Jesus ist wie ein Leben im Gefängnis. Harte Gesetze herrschen dort, unbarmherzige Regeln. Nicht nur die offiziellen, sondern mehr noch die ungeschriebenen Gesetze beherrschen das Leben. In diesem Leben muss jeder höllisch aufpassen, dass er nicht unter die Räder kommt. Er muss sich mit denen, die das Sagen haben, gut arrangieren. Er muss die, die schwächer sind, erbarmungslos ausnützen und nieder halten, um nicht selbst ausgenützt zu werden. Leben ohne Jesus, Leben vor Ostern ist ein Leben wie im Gefängnis, ein Leben, in dem der Mensch dem Menschen zum Wolf wird. Für denjenigen aber, die vorzeitig aus diesem erbarmungslosen Leben entlassen wird, ist das alles nicht mehr interessant. Er hat eine ungleich größere Aufgabe vor sich. Das unerwartet neu geschenkte Leben will erlernt und geübt werden. Die Kunst des Lebens nach Ostern fällt uns nicht zu wie en Hokuspokus. Sondern wir finden uns darin wieder wie die neugeborenen Kinder im Leben. Alles will erlernt werden. Nicht nur bei Kindern: Mancher hat das auch als Erwachsener bewusst auch selbst als Schlaganfallpatient oder als Hirntumoroperierter oder auch nur als Angehörige eines solchen erlebt oder miterlebt. Jeder Schritt muss geübt, jeder Handgriff probiert werden, jedes Wort hundertfach geformt werden bis es beim Anderen so ankommt, wie es gemeint war. Da gibt es viele Stolperfallen, Hindernisse, Rückschläge – mehr aber noch beglückendes Gelingen.
Was dieses „Neu geboren“ bedeutet, welches Glück davon ausgeht, wird erst bewusst, wenn man das eingeschränkte Leben er l e b t, durchlitten hat. Wir müssen das nicht selbst erleben, uns nicht nach Leiden sehnen, um den Unterschied zu erfahren. Jesus hat es für uns durchlitten. Wir dürfen im Bedenken seiner Passion, seines Leidens und Sterbens diesen Wechsel nachvollziehen und dankbar werden. Wir dürfen zum Kreuz gehen und wissen: „Er ist erstanden, er ist wahrhaftig auferstanden.“ Wir sind vorzeitig entlassen, wir sind frei.

Und dann findet der Schreiber des Briefes wunderbare Worte und Bilder für die Folgen der vorzeitigen Entlassung: Zieht euch anders an, zieht euch um, legt den Zorn ab, den Grimm, die Bosheit, das schändlliche Lästern, die zynischen Worte. Das sind die Kleidungsstücke, die man im Gefängnis sich zulegt, aber die passen jetzt nicht mehr.
Zieht stattdessen an herzliches Erbarmen, Freundlichkeit, Demut, Sanftmut, Geduld. Und damit das nicht alles rumflattert im Wind, haltet alles zusammen mit dem Band der Vollkommenheit, mit der Liebe. Und auch wenn diese Gefühle und Regungen von tief innen kommen, als Kleidung getragen dürfen sie nach außen leuchten in unserer Leben und das unserer Nächsten. Wir dürfen dieses neue Leben lernen, alte Gewohnheiten, die uns nicht gefallen, unsere Trägheit, unsere Unachtsamkeit ablegen. Normalerweise sind wir bis an unser Lebensende damit beschäftigt uns wegen unserer Unzulänglichkeiten zu rechtfertigen. Oft werden Menschen für immer darauf festgenagelt, was sie sich einmal haben zuschulden kommen lassen. Aber jetzt mit Ostern ist etwas dazwischen gekommen. Christus hat den Schuldbrief getilgt, der mit seinen Forderungen gegen uns war, und hat ihn weggetan und ans Kreuz geheftet. Jetzt sind wir vorzeitig entlassen aus dem Gefängnis. Wir werden nicht mehr ausschließlich als solche angesehen, die sich etwas haben zuschulden kommen lassen, sondern wir sind geliebt. Darum lernt, als Geliebte zu leben. Lernt das neue Leben. Wie schön ist es das zu wissen. was für eine Energie setzt das fei! Ich kann mit freundlichem Blick auf meinen Nächsten zugehen. Er kann mir ja nichts, und wahrscheinlich will er mir auch nichts Böses. In mir ist die Kraft der Liebe Christi. Es ist schön das neue Leben zu lernen. Nicht alles wird gleich beim ersten Mal gelingen. Es gibt Rückschläge. Es gibt überraschende Stolperfallen. Es braucht Geduld. Kleinkinder brauchen manchmal für den nächsten Schritt zehn Versuche, bis es klappt. Aber wenn es gelungen ist, strahlen sie eine große Freude aus, lachen und geben unglaubliche Töne des Glücks von sich. Lernen wir das neue Leben. Die Zeit dafür ist uns geschenkt. Aus dem Gefängnis des alten Lebens mit all seinen Zwängen sind wir vorzeitig entlassen. Passion und Ostern, beides gehört zusammen. Wir dürfen den Unterschied leben. Denn Jesus lebt – mit ihm auch ich! Amen.

Mein Dank geht an Gerhard Schäberle-Königs für ein paar wesentliche Ideen in dieser Predigt.


Wir hören einen Abschnitt aus dem Buch des Propheten Jeremia, im neuenten Kapitel die beiden Verse 32 und 33:
So spricht der HERR: Ein Weiser rühme sich nicht seiner Weisheit, ein Starker rühme sich nicht seiner Stärke, ein Reicher rühme sich nicht seines Reichtums. Sondern wer sich rühmen will, der rühme sich dessen, dass er klug sei und mich kenne, dass ich der HERR bin, der Barmherzigkeit, Recht und Gerechtigkeit übt auf Erden; denn solches gefällt mir, spricht der HERR.
Liebe Gemeinde!
Der Prophet Jeremia nennt diese drei noch immer so wichtigen Dinge, auf die sich Menschen verlassen haben und immer noch verlassen: Weisheit, Kraft und Reichtum. - Mal abgesehen davon, dass alle drei Kategorien immer relativ gesehen werden müssen, weil es sicher immer jemand gibt, der noch stärker, reicher oder auch schlauer ist, schämen braucht man sich dieser Gaben sicher nicht – das vorweg. Weisheit, Stärke und Reichtum sind Geschenke, für die wir Gott danken sollten, sie annehmen und einsetzen zum Guten. Das ist überhaupt keine Frage. Das ist auch nicht Jeremias Problem: Er ruft hinein in eine Zeit, als in Jerusalem manches schief lief, weil die Menschen eben nicht mehr den gemeinschaftlichen Nutzen im Blick hatten, sondern das eigene Ansehen, die eigene Geltung. Und so setzten sie ihre Gaben denn auch ein. Immerhin kann man mit Intelligenz die Leute beeindrucken, mit Reichtum kann man sich viel leisten, mit Kraft kann man Macht ausüben.
Bei Jeremia hört sich das dann so an:
Sie treiben's mit Gewalt im Lande und gehen von einer Bosheit zur andern, ein Freund täuscht den andern, sie reden kein wahres Wort; sie haben sich daran gewöhnt, dass einer den andern betrügt. Wer ist nun weise, dass er verkündete, warum das Land verdirbt und öde wird wie eine Wüste, die niemand durchwandert?
Was hat der denn?“, würden Jeremias Gegner nun sagen, „in Jerusalem leben wir doch prächtig! Man muss nur das nötige Kleingeld haben! - Natürlich sind es unsichere Zeiten. Man weiß ja nie, was die Großmächte (damals war das Ägypten) so unternehmen. Aber solange wir Kredite gewähren (damals hieß das „Tribut zahlen“), ist das doch kein Problem. Mit Geld lässt sich vieles lösen. Hetz doch die Leute nicht auf, Jeremia.“
Doch Jeremia hält dagegen: „Ein Reicher rühme sich nicht seines Reichtums. Geld kann man nicht essen. Überhaupt: Woher habt ihr euren Reichtum? Verlasst euch nicht auf den Tempel. Er bringt euch vielleicht Steuern ein und Gelder von den Pilgern, die immer wieder hierher reisen. Vielleicht spürt ihr dort auch Gottes Nähe und ihr glaubt, dass ihr allein deshalb schon privilegiert seid, weil ihr den Tempel zu eurem Aushängeschild gemacht habt. Aber wichtiger als in den Tempel zu gehen ist es Gottes Gebote wirklich zu halten.“ Gegen das Geld setzt Jeremia das Recht und das Gesetz.

Damit trifft er die Herrschenden in Jerusalem. Und damit trifft er auch uns. Auf welche Karte würden wir setzen – auf Reichtum oder auf Recht? Verlassen wir uns auf unseren Wohlstand, auf unsere Wirtschaftskraft – auf‘s Häusle und das Ersparte? Manches Produkt, das wir günstig erwerben können, ist auf unmenschliche Weise zu Niedriglöhnen irgendwo in der Welt produziert worden. Wir können manchmal nur ahnen, was unser Wohlstand andere Menschen kostet – übrigens auch im eigenen Land, wenn prekäre Löhne für gute Arbeit gezahlt werden, wenn Menschen entlassen und ihre Arbeit anderen zusätzlich aufgedrückt wird. Auch in der Kirche mit ihren Einrichtungen ist das nicht viel anders. Auch da, wo der gekreuzigte Christus auf dem Logo oder im Namen der Körperschaft geführt wird, ist Geld, ist Sparen, ist Reichtum ein Thema. Wie steht das mit dem Recht? - Recht ist wichtiger als Besitz. Bisweilen erkennen wir das ja.
Aber die Priester und Mächtigen in Jerusalem werden Jeremia antworten: „Wir halten uns an das Gesetz.“ „Juristisch ist alles einwandfrei.“, hören wir von den Chefetagen heute. Wir setzen auf Weisheit, auf unsere Schläue und Intelligenz. Mit Weisheit kann man viel machen – auch in der Diplomatie mit den Großmächten.
Ein Weiser rühme sich nicht seiner Weisheit.“, antwortet Jeremia. Es geht nicht darum clever den eigenen Vorteil zu nutzen. Vielmehr geht es um Gerechtigkeit. Der verschwenderische Lebensstil des Königs ist ein Skandal angesichts der Armut des Volkes. - Mit eurer Schlauheit und euren Beziehungen übervorteilt ihr die Fremden in unserem Land, auch die Waisen und Witwen. Es geht um gerechtes Handeln, um Fairness, darauf will ich mich verlassen.“ Und wie setzen wir unsere Klugheit ein, liebe Gemeinde? Als Christen glauben wir, dass alles von Gott kommt. Doch fragen wir wirklich nach Gottes Willen? Schauen wir darauf, dass auch die Ärmeren Gerechtigkeit erfahren?
Ich denke, der Weinbergbesitzer aus der Schriftlesung macht uns vor, was gemeint ist: Er gibt jedem, der bei ihm gearbeitet hat, so viel Lohn, wie dieser benötigt um seine Familie und sich selbst zu ernähren. Ihm ist es egal, was die anderen denken, und vor allem ist ihm sein eigener Profit egal. Schließlich hätte er doch viel sparen können, wenn er den später angeheuerten Arbeitern einfach weniger gezahlt hätte. Wäre nicht das weise gewesen? Dieser Arbeitgeber hat sich nicht schlau verhalten. So wird er sich am Markt nicht durchsetzen können. Wenn sich das rumspricht, wird er morgens nie mehr Arbeiter finden. Der bringt sich doch in den Ruin. Er wird seinen Wein viel teurer verkaufen müssen als die anderen. Wer nimmt den denn schon noch? - Oder mit einem Beispiel von heute: Nur weil ein gerechter Lohn gezahlt wird, nur weil Arbeitsschutzbedingungen beachtet werden, soll ich den transfair-Kaffee kaufen? Das ist doch weltfremd.
Und die Weltfremden sind nicht stark, sie setzen sich nicht durch, sie haben keine Macht. Und Jeremia antwortet den Menschen in seiner Zeit, den anderen Weinbergbesitzern und uns: Ein Starker rühme sich nicht seiner Stärke. Wohin das führt, sieht man ja: Ihr betrügt euch gegenseitig, übt Gewalt gegen Fremdlinge, vergießt unschuldiges Blut. Und dann lauft ihr noch allen möglichen anderen Göttern hinterher. Nein, wahre Stärke liegt im Vertrauen auf den Gott Israels, im Halten seiner Gebote, in der Barmherzigkeit unseres Gottes. Ja, Treue und Freundlichkeit, Güte und Gnade sollen das Denken und Handeln bestimmen. Denn gnädig und barmherzig ist unser Gott, geduldig und von großer Güte.
Und worauf verlassen wir uns, liebe Gemeinde? - Mein Haus, mein Auto, mein Boot, mein Anlageberater – oder vielleicht mein i-phone, meine Markenklamotten, meine guten Noten – mein sicherer Ausbildungsplatz? Sind es solche Statussymbole, mit denen wir beeindrucken und auftrumpfen? Verlassen wir uns auf unsere eigene Stärke, auf unsere Beziehungen unser Können und unsere Schläue? Versuchen wir mit aller Macht unsere eigenen Interessen oder die unserer Gruppe, Klasse, Partei oder unseres Vereines durchzusetzen? Oder erkennen wir , dass wir Barmherzigkeit erfahren haben, dass Gott mit uns gnädig, gütig und geduldig ist? Ist uns bewusst, dass uns alles, unser ganzes Leben geschenkt ist? Haben wir nicht immer wieder und gerade in den letzten Wochen und Monaten in aller Öffentlichkeit mit ansehen müssen, wie schnell körperliche und wirtschaftliche Stärke schwinden kann, wie auch ein großes und starkes Schiff untergeht, wie schnell Reichtum vergehen kann, oder wie Macht und Einfluss durch einen kleinen, aber entscheidenden Fehler dahin sein können? Als Christinnen und Christen orientieren wir uns an Jesus Christus. Und er hat bei diesem Spiel um Macht und Geld nicht mitgemacht. Er wollte nicht beeindrucken, er wollte dienen. Er wollte nicht übertrumpfen, sondern helfen.
Wer sich rühmt, der rühme sich des Herrn. Wir sollten das, was uns gegeben ist, nicht gering schätzen, denn es ist Jesus Christus selbst, der sich zur Erlösung gegeben hat. Gott hat uns zuerst geliebt und in seiner Liebe uns beschenkt. Das dürfen wir weiter geben und darauf dürfen wir stolz sein!
Und der Friede Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen. Amen.


Wir hören einen Abschnitt aus dem 1. Korintherbrief, Kapitel 1,Verse 26 bis 31:
Seht doch, liebe Brüder, auf eure Berufung. Nicht viele Weise nach dem Fleisch, nicht viele Mächtige, nicht viele Angesehene sind berufen. Sondern was töricht ist vor der Welt, das hat Gott erwählt, damit er die Weisen zuschanden mache; und was schwach ist vor der Welt, das hat Gott erwählt, damit er zuschanden mache, was stark ist; und das Geringe vor der Welt und das Verachtete hat Gott erwählt, das, was nichts ist, damit er zunichte mache, was etwas ist, damit sich kein Mensch vor Gott rühme.
Durch ihn aber seid ihr in Christus Jesus, der uns von Gott gemacht ist zur Weisheit und zur Gerechtigkeit und zur Heiligung und zur Erlösung, damit, wie geschrieben steht (Jeremia 9,22-23):  »Wer sich rühmt, der rühme sich des Herrn!«

Nicht viele Weise, nicht viele Angesehene, nein Törichte, Schwache.... Worüber redet der Apostel denn da? - In einer Welt, in der die Schönen, Klugen, gut Ausgebildeten, die Redegewandten die Vorausdenkenden, die Vordenker das Sagen haben, in einer Welt, die uns weismachen will, dass Besitz, Geiz und Technik geil ist, klingt dieses Wort von der Berufung der Geringen hohl.
Aber es will uns Mut machen. Es kommt nicht darauf an, was du bist oder erreicht hast in der Welt, sondern auf deine Berufung für das Reich Gottes!
Der Apostel schreibt seinen Brief ganz schonungslos. Die Gemeindeleiter, die ihn als erste zu lesen bekommen und seinen Inhalt an die Gemeinde weiterzugeben haben, schlucken sicher erst einmal: Was töricht ist vor der Welt, also die Sonderlinge hat Gott erwählt. Was schwach ist in den Augen der Welt, die prekär lebenden, die Behinderten und seelisch Kranken hat Gott erwählt. Was gering ist und verachtet, die Arbeitslosen und Bildungsfernen, auch sie hat Gott erwählt.
Und damit gibt er sich noch immer nicht zufrieden: Er setzt noch oben drauf, dass die Weisen, die Starken, alle, die etwas gelten in der Welt, zunichte werden. Warum wird er wohl so drastisch geschimpft haben? Gibt es keine diplomatischeren Worte, keine sanftere Art? - Schließlich hat er den Brief doch ganz nett begonnen: Ich danke meinem Gott allezeit euretwegen für die Gnade Gottes, die euch gegeben ist in Christus Jesus, dass ihr durch ihn in allen Stücken reich gemacht seid, in aller Lehre und in aller Erkenntnis.
Aber genau darauf bezieht sich der Apostel hier: Es geht um den Reichtum, der durch die Lehre und die Erkenntnis Gottes entsteht. Es geht um die Gnade, die den Gemeinden durch Jesu Tod und Auferstehung zuteil geworden ist. - Es geht nicht um weltlichen Reichtum an Geld oder Immobilien, sondern allein um geistlichen Reichtum. Reichtum darin, dass wir erkennen, was Jesus von uns will, wie er uns vorgelebt hat miteinander umzugehen und die Gaben, die wir bekommen haben, recht in den Dienst der Gemeinde zu stellen.
Der Apostel will seiner Gemeinde Mut machen, mit dem was da so alles an Gaben vorhanden ist, vorwärts zu gehen, einander anzuerkennen in gleicher Weise. Da ist dann einer, der schön singen kann, einer der zuhören kann, eine, die den Raum schmücken kann, eine die heilen kann und einer, der für die anderen kocht. Da kann jemand gut reden, eine andere macht alle fröhlich mit ihrem Lachen, einer schreibt Gedichte, eine sammelt Geld, einer betet...
Ich glaube, dass ich da noch lange reden kann – und irgendwann ist jede und jeder hier im Raum angesprochen. Keiner ist ohne Gaben, keiner ohne seinen Platz in der Gemeinde. Darin sind wir reich durch die Gnade Christi. Wir müssen es nur erkennen und einsetzen.
Und dann ist da die Welt. Da gibt es professionelle Sänger, Commedians, Dekorateure, Eventmanager, Schriftsteller, Musiker, Therapeuten aller Arten und Gesinnungen, architektonisch gestylte, überwältigende Räume.
Und wenn wir uns dann dagegen wahrnehmen, wie wir uns als Gemeinde ausnehmen, kann einem schon ganz schön Angst werden. Wie sollen wir bestehen mit unseren Angeboten, wenn die Konzerte in den Konzerthallen der Umgebung so viel besser klingen, wenn die fernöstliche Heilkunst so hoch gepriesen wird, die Light-show und das Catering bei den Mittelalterspektakeln und Messen so viel aufregender ist? Ein Feuerwerk der Sinnesreize überflutet uns. Wie enttäuschend muss da ein kleiner Kirchenchor in der zugigen Kirche mit den harten Bänken, eine selbst gekochte Suppe auf dem Gemeindefest, ein wenig besuchter Gesprächsabend auf den zufälligen Neuling wirken? Und dann beginnen die Klagen über die mangelnden finaziellen Mittel und die dünne Personaldecke, dann beginnt der Streit über die Verteilung eben dieses Geldes auf die Gruppen und Dienste. Wir machen uns ein Bild von der Kirche, formulieren Leitbilder und evaluieren, zertifizieren und diskutieren....
Aber genau davor warnt der Apostel so scharf. Lasst euch von den Kriterien, die in der Welt so vieles gelten und die so viel Ärger und Streit auslösen, nicht gefangen nehmen. Denn wenn ihr untereinander uneins seid, darüber streitet, wer was leisten kann, wer welche Beiträge besser und professioneller leisten kann, wen und wie viel man „von außen“ holen sollte, dann wird das verdeckt, was wir eigentlich weitergeben wollen: den Frieden des Herrn und seine Gnade.
Seien wir ehrlich: Egal wie viel Geld wir in die Gemeindearbeit stecken, sie wird nie erreichen können, was mit viel Werbemitteln und staatlichen Zuschüssen und nicht zuletzt hohen Eintrittsgeldern geboten wird. Das kann nicht Sinn und Zweck von Gemeinde sein. Unser Auftrag, unsere Berufung ist eine andere: Wir sollen die Lehre von Jesus Christus, sein Sterben und seine Auferstehung als heilsame Gnade und friedensstiftende Wahrheit weitergeben. Und das sollen wir glaubhaft durch unser Leben und die Gaben, die jeder und jedem von uns geschenkt sind, tun. Wenn das funktioniert und Gottes Geist in uns wirkt, dann werden wir mit dem vor der Welt Schwachen und Ärmlichen mehr für die Menschen, die in die Gemeinde kommen, erreichen als mit noch so schönen Räumen, Klängen, wohlgesetzten Worten und vorzüglichen Speisen.
Man kann sogar noch einen Schritt weitergehen: Die professionelle Show ist vielleicht ein großer Genuss. Ich will ja gar nichts dagegen sagen. Und ich bestreite nicht, dass ich selbst immer wieder gern solche Events besuche und mich daran erfreue, aber letztlich gehe ich danach nach Hause, vielleicht um eine Erinnerung oder eine Erkenntnis, etwas, das in mir nachschwingt, reicher. Und trotzdem bin ich wieder allein, nicht mehr eingeladen. Es geht nicht weiter. Und genau da ist der Unterschied. Wenn die Begegnung mit einer christlichen Gemeinde gelingt, ob nun im Gottesdienst, auf einem Fest oder bei einem Gesprächsabend oder Konzert, dann geht es weiter. Vielleicht habe ich meinen Platz entdeckt, wo ich mich mit meinen – zugegebenermaßen begrenzten Kenntnissen und Fähigkeiten einbringen kann. Wenn die Begegnung gelingt, dann erreicht mich der Geist Gottes in denen, die ihr Bestes gegeben haben, damit ich mich wohlfühle. Da sind die Kriterien ganz andere.
Gottes Geist ist stark. Er erreicht die Menschen, wo immer er es will, wo immer einer ernsthaft sucht. Da schreckt kein falscher Ton in der Musik, da ist keine Bank zu hart, da stört es nicht, wenn es langsam geht oder einer nicht die rechten Worte findet. Über ihren Glauben soll die Gemeinde reden, die Menschen besuchen, geduldig sein und zuhören. Vertrauen soll sie ausstrahlen. Das alles ist wichtiger als die vermeintliche Stärke, Klugheit, der vermeintliche Reiz der Schönheit und des Wohlklangs.
Gott, der große Meister hat ein Bild von seiner Kirche, jenseits von unseren Leitbildern und unserem Management. Und dieses Bild will er dereinst vollenden - mit uns als seinen Schülern und Helfern. Wir schwingen den Pinsel, aber er führt uns durch den Heiligen Geist die Hand. Und das soll uns Mut machen, weiter daran zu arbeiten, auch wenn der Meister mal mehr und mal weniger Helfer hat, die mit anpacken. Wichtig ist, dass die Gemeinde einig ist. Wenn jeder malt, was er denkt, ist auf dem Bild nichts zu erkennen. Andererseits ist jede gefragt, dass sie da alles einbringt, wo sie es kann. Und wenn einmal etwas nicht so herauskommt, wie es der Meister gewünscht hat, dann müssen wir eben demütig mit ansehen, wie ein anderer das übermalt, was wir gerade geschafft hatten. Aber so wird das Bild der Gemeinde schön, auch wenn es noch weit entfernt ist von der Vollendung.
Das Unvollkommene mit Liebe weitergegeben, gilt so viel mehr. Ist nicht manch ein Weihnachtsgeschenk, das der Enkel mit Mühe und doch recht ungeschickt zusammengebastelt und liebevoll eingewickelt hat, so viel schöner als das teure Elektrogerät, in letzter Minute im Fachmarkt aus dem Regal gezogen und beim Verpackungsservice nach allen Regeln der Kunst verschnürt?
Genau so meint es Paulus, wenn er den Korinthern die Leviten liest. Mitten hinein in ihren eifersüchtigen Streit, den wir nur vermuten können, sagt er ihnen, dass sich nicht einer für besser halten soll als den anderen. Der Geist Christi ist unabhängig von vollkommener Präsentation. Er selbst ist vollkommen. Wo er weht, ist Vollkommenheit, egal wie die Welt das beurteilt.
Ruhm und Ehre gebühren ihm, dem Ewigen allein, dem Meister kommt der Ruhm zu, nicht den Schülern und Helfern. Und was in ihm getan wird, genügt zu Ruhm und Ehre: Gerechtigkeit, Heiligung, Erlösung, das sind die Begriffe, die wirklich zählen im Reich Gottes. Gerechtigkeit, das heißt, leben wie es vor Gott recht ist, das ist, was die Gemeinde ausstrahlen soll. Heiligung, also im Glauben Gutes tun, das ist, was die Gemeinde erreichen soll. Zu beidem soll sie einladen und die Erkenntnis weitergeben, solches Leben ermöglichen und Raum dafür geben. Und das können wir! - Wenn denn Streit, Geltungssucht, der Blick nach den Anderen und vermeintlich Besseren wirksam eingedämmt werden. Dazu sind wir erlöst, frei von allen Ansprüchen der Welt durch Christus und deshalb ermutigt der Apostel auch uns: Wer sich rühmt, der rühme sich des Herrn. Wir sollten das, was uns gegeben ist, nicht gering schätzen, denn es ist Jesus Christus selbst, der sich zur Erlösung gegeben hat. Gott hat uns zuerst geliebt und in seiner Liebe uns beschenkt. Wie sollte das, was wir können und vollbringen im Glauben, nicht genügen vor ihm? - Ihm sei Ruhm und Ehre in Ewigkeit.


Wir hören einen Abschnitt aus dem Markusevangelium, Kapitel 1,40-45:
Und es kam zu ihm ein Aussätziger, der bat ihn, kniete nieder und sprach zu ihm: Willst du, so kannst du mich reinigen. Und es jammerte ihn, und er streckte die Hand aus, rührte ihn an und sprach zu ihm: Ich will's tun; sei rein! Und sogleich wich der Aussatz von ihm, und er wurde rein. Und Jesus drohte ihm und trieb ihn alsbald von sich und sprach zu ihm: Sieh zu, dass du niemandem etwas sagst; sondern geh hin und zeige dich dem Priester und opfere für deine Reinigung, was Mose geboten hat, ihnen zum Zeugnis. Er aber ging fort und fing an, viel davon zu reden und die Geschichte bekanntzumachen, so dass Jesus hinfort nicht mehr öffentlich in eine Stadt gehen konnte; sondern er war draußen an einsamen Orten; doch sie kamen zu ihm von allen Enden.
Herr, segne unser Reden und Hören.

Liebe Gemeinde, Auf ihn will ich vertrauen in meiner schweren Zeit; es kann mich nicht gereuen, er wendet alles Leid. Ihm sei es heimgestellt; mein Leib, mein Seel, mein Leben sei Gott dem Herrn ergeben; er schaff's, wie's ihm gefällt!
So haben wir das eben in der 3. Strophe gesungen. Es gibt wieder, wie der Aussätzige in unserem Bibelabschnitt reagierte: Er vertraute sich, sein Leben, seine soziale Stellung, alles was er war, Gott an: Schaff mit mir nach deinem Willen. „Wenn du willst....“, so sagte er. Und Jesus wollte. Jesus will, dass er in den Tempel gehen kann, dass er und auch wir in der Gemeinde leben dürfen, dass alle rein sind – vor Gott. Er richtet sich damit gegen die, die die Regeln festlegen – ausgrenzen wollen. Wenn es denn die Oberen für nötig halten zu definieren, was rein ist und was unrein, wer dazugehört und wer nicht, dann soll das halt so sein. Dann sorgt Jesus eben dafür, dass der Mensch rein ist. Offensichtlich war das einfacher als die gesellschaftlichen Normen zu ändern. Und ich glaube, dass das auch heute manchmal so ist.

Aber fangen wir vorn in der Geschichte an: Sie wird im Markusevangelium erzählt. Dieses Evangelium beginnt mitten drin. Jesu Geburt und Kindheit ist dem Autor nicht wichtig. Er beginnt direkt mit der Taufe, die Johannes am Jordan zur Reinigung den Menschen spendete. Auch Jesus ließ sich von ihm taufen. Hier wird Jesus den Menschen vorgestellt als Gottes „lieber Sohn, an welchem ich Wohlgefallen habe. Den sollt ihr hören.“ Ein paar Verse später heißt es: „Nachdem aber Johannes gefangengesetzt war, kam Jesus nach Galiläa und predigte das Evangelium Gottes und sprach: Die Zeit ist erfüllt, und das Reich Gottes ist herbeigekommen. Tut Buße und glaubt an das Evangelium!“ Und dann werden noch im ersten Kapitel die Heilungen und Geistaustreibungen berichtet, mit denen Jesus in Israel Aufsehen erregte. Immer mehr Menschen folgen ihm nach – immer mehr Menschen setzen ihre Hoffnung auf ihn. Und so wird dann am Ende des ersten Kapitels die Geschichte von der Heilung des Aussätzigen erzählt. Dadurch, dass dieser Mensch von dem Erlebten weitererzählt – übrigens gegen den erklärten Willen Jesu – nimmt das Wirken Jesu erst seinen Lauf. Allerdings nimmt auch die Feindschaft gegen ihn unter den Herrschenden ihren Anfang.
Was tut sich da?
Sehen wir das einmal fiktiv aus der Perspektive des Kranken: Ich stehe im Abseits. Alle halten sich fern von mir. Und sie erwarten, dass ich mich fernhalte. Von meiner Familie musste ich mich trennen, von Freunden und Kollegen, fernhalten soll ich mich auch von den Gottesdiensten. „Da gehörst du nicht hin - nicht zu uns – zu Gott erst recht nicht!“ Außerhalb von Städten und Dörfern muss ich mich aufhalten. Zum Tempel – zum Heiligtum habe ich schon lange keinen Zugang mehr. Gott hat mich verlassen, das sagen sie zu mir. Gott ist so klar und rein, dass er mit mir nichts mehr zu tun haben will. Ich fühle mich verlassen. Wie sehr sehne ich mich nach einer Berührung, einem freundlichen Blick vielleicht nur, einem guten Wort. Von Zärtlichkeit und Nähe will ich ja gar nicht mehr träumen. Das einzige, was mir bleibt, ist aus der Ferne beobachten, was sich tut. Ich habe von Johannes dem Täufer gehört. Seine Taufe macht rein. Ach, wie schön wäre es, wenn er mich reinigen könnte. Buße tun. Ja, dass würde ich machen. Ich habe gelernt, wie schnell Vorurteile und Verurteilungen auf einen selbst zurückschlagen. Wie oft habe ich die, die sich falsch verhalten haben, die gegen das Gesetz Gottes nur im Geringsten verstoßen haben, verurteilt, gemieden. Ja, auch Aussätzige habe ich aus der Stadt weisen lassen. Und jetzt bereue ich meine fehlende Barmherzigkeit so sehr. Ich habe gesündigt. Und ich darf nicht mehr in den Tempel um Buße zu tun. Die Versammlungen bei Johannes am Jordan? - Ich habe mich nicht getraut dorthin zu gehen. Und jetzt ist Johannes gefangen. Aber ich habe von diesem Jesus gehört. Er ist ganz in der Nähe. Er soll schon viele unreine Geister ausgetrieben haben. Ob er mich reinigen will? Kann ich das bringen und mich an ihn wenden? Wird er mir nahe kommen? Wird er mich zurückweisen? - Aber was kann mir schon noch passieren. Isoliert und verachtet – schlimmer geht es doch nicht mehr. Auch wenn der Weg weit ist, auch wenn alles schmerzt beim Gehen. Ich will ihn sehen, ich will ihn fragen. Da ist er. Das muss er sein. Endlich darf ich ihn sehen. Ich werde vor ihm niederknien. „Willst du, so kannst du mich reinigen.“

So kompliziert sein Leben bisher sich gestaltete, so geregelt sein Spielraum eingeschränkt war, so einfach und schlicht geschieht die Begegnung mit Jesus. So schlicht und einfach können wir Menschen bei Jesus auftauchen. Einfach das geschundene Herz und den geschundenen Körper hinhalten, alles, was geschehen ist, alles, was so weh tut. Und auch das können wir ihm hinhalten: wie das ist, keinen Weg zu sehen, gar keine Perspektive zu haben. Sehnsüchtig, traurig, hoffnungsvoll Jesus begegnen, das macht uns der Aussätzige vor.
Seine Frage ist nicht etwa: „Kannst du mir helfen?“ - Nein, bemerkenswerterweise sagt er: „Willst du?“ Da klingt etwas an, was Jesus später selbst in tiefster Not gesagt hat: „Nicht mein, sondern dein Wille geschehe.“ Ich lege mein Leben dir ans Herz. Mach du! Was auch immer, wie auch immer – aber mach du! Und genauso schlicht, wie ihm der Aussätzige begegnet ist, reagiert Jesus: „Ich will es tun; sei rein.“ Aber eines ist dann doch geschehen: Jesus hat ihn berührt. Wie mag sich das angefühlt haben? So lange war da keine Nähe mehr zu spüren. Niemand, der sich ihm zugewendet hatte. Und jetzt ist da Jesus. Eigentlich wollte er diesen Jesus doch gar nicht gefährden, nur nicht zu nahe kommen. Und dann kommt dieser den letzten Schritt doch auf ihn zu. Die Berührung – und mag sie noch so kurz und oberflächlich gewesen sein – sie trifft ihn ganz tief, im Innersten berührt, warm umgeben von seiner Nähe.
Nur wenige Worte fallen, aber Worte, die von Nahem betrachtet ganz viel ausdrücken: „Willst du?“ - „Ich will!“. Seit Menschengedenken verbinden wir dieses Frage-Antwort-Duo mit Liebe und Lebensgemeinschaft. Und das geschieht hier zwischen dem Aussätzigen und Jesus. Eine klare Botschaft ist das: „Du gehörst zu mir. Halte dich nicht fern. Lass dich nicht fernhalten. Bei mir bist du gut aufgehoben. Wie gut, dass du da bist.“ Das sagt Jesus zu dem, der auf ihn zukommt. Das sagt er zu uns heute und zu allen Zeiten, wenn wir nach ihm Verlangen haben, keinen Ausweg mehr sehen, allein und ausgeschlossen dastehen, wenn uns alles zu viel wird. „Ich will!“ Jesus schickt den Geheilten dann zu den Priestern. Nur sie können die Bescheinigung über dessen Reinheit ausstellen. Wenn sie grünes Licht geben, dann gehört er endgültig wieder dazu. Erst dann ist ihm ja wirklich gedient: Wenn er wieder aufgenommen ist in die Gemeinschaft seiner Familie, seines Ortes und der Tempelgemeinde. Dafür sorgt Jesus.
Er schickt ihn weg. Schweigen soll er von seiner Begegnung und davon, wie es zu der Reinigung kam.
Nun, diesen Wunsch erfüllt ihm der Geheilte nicht. Er muss das tun, was ihm so lange verwehrt war: reden, teilen und mitteilen... Und so darf Markus dann weitererzählen, wie die Menschen nun massenweise zu Jesus kommen. Von allen Seiten strömen sie herbei, aus ganz unterschiedlichen Lebenssituationen. Sie kommen und bringen ihre Kinder, ihre Alten. Sie bringen ihre Freunde mit und ihr Leid, ihre Alltagsgeschäfte und ihre Sorgen – alles, was sie eben beschäftigt. Und das tun sie auch noch heute. Wir dürfen und wir sollen ihm begenen und sagen:
Jesus, willst du, so berühre mich bitte.
Und die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen. Amen.


Wir sammeln uns um einen Abschnitt aus dem Buch des Propheten Jesaja, im 29. Kapitel steht da in den Versen 17 bis 24:
Wohlan, es ist noch eine kleine Weile, so soll der Libanon fruchtbares Land werden, und was jetzt fruchtbares Land ist, soll wie ein Wald werden. Zu der Zeit werden die Tauben hören die Worte des Buches, und die Augen der Blinden werden aus Dunkel und Finsternis sehen; und die Elenden werden wieder Freude haben am HERRN, und die Ärmsten unter den Menschen werden fröhlich sein in dem Heiligen Israels. Denn es wird ein Ende haben mit den Tyrannen und mit den Spöttern aus sein, und es werden vertilgt werden alle, die darauf aus sind, Unheil anzurichten, welche die Leute schuldig sprechen vor Gericht und stellen dem nach, der sie zurechtweist im Tor, und beugen durch Lügen das Recht des Unschuldigen. Darum spricht der HERR, der Abraham erlöst hat, zum Hause Jakob: Jakob soll nicht mehr beschämt dastehen, und sein Antlitz soll nicht mehr erblassen. Denn wenn sie sehen werden die Werke meiner Hände - seine Kinder - in ihrer Mitte, werden sie meinen Namen heiligen; sie werden den Heiligen Jakobs heiligen und den Gott Israels fürchten. Und die, welche irren in ihrem Geist, werden Verstand annehmen, und die, welche murren, werden sich belehren lassen.
Liebe Gemeinde,
da schaut einer durch einen Türspalt. So stelle ich mir das vor. Ein großes Tor. Alle kennen es nur verschlossen. Und wie es scheint, verbirgt sich dahinter etwas, das zu schützen es gilt.
Auf unser Seite sind die vielen, die alles mögliche in ihrem Leben falsch oder auch richtig gemacht haben. Große und Kleine, Arme und Reiche, Kranke und Gesunde sind da. Mächtige und Unterdrückte – Somali-Kinder, brasilianische Grundbesitzer, deutsche HartzIV-Empfänger, russische Millionäre, japanische Ingenieure, syrische Studenten, neuseeländische Bauern- und du und ich. Sie alle stehen da vor dem Tor. Aber sie sehen es gar nicht, weil sie so viel mit sich selbst zu tun haben. Sie streiten, trauern, kämpfen, suchen, fragen, reparieren, hassen, lieben, rufen, bauen, fahren, kaufen und verkaufen. Alles ist wichtig. Sie sind beschäftigt. Viele wissen ganz genau, was sie tun, wohin ihr Weg geht und was sie brauchen. Nur das Tor und den einen da am Tor sehen sie nicht.
Gerade hat er das Tor einen Spalt breit geöffnet. Ganz wenig - wer weiß, was sich dahinter verbirgt. Ganz leise quietscht es, niemand hört das. Und dann sieht dieser Eine das, was da vor allen liegt. Und dann kann er nicht mehr schweigen. Er kann nicht mit ansehen, was sich da auf der Welt tut, angesichts dessen, was ihm sich offenbart hat.
Wir haben es eben gehört: Gebirgiges Kargland verwandelt sich inObstgärten, Weinberge und Ackerböden. Und sogar auf dem Libanongebirge wächst Wald. Doch nicht allein die Natur verändert sich, auch wir Menschen werden verwandelt: Taube hören mehr als das, was gesprochen wird. Sie hören sogar Ungesagtes. Das geschriebene Wort wird laut und vernehmlich. Blinde sehen mehr als Sehende, sogar in Dunkelheit Verborgenes wird sichtbar. Niedergedrückte finden zu neuer Lebens- und Glaubensfreude, weil die einstigen Peiniger keine Rolle mehr spielen. Und schließlich geht der uralte Menschheitstraum in Erfüllung: Am Ende der Tage setzen sich Friede und Gerechtigkeit durch.
Jesaja, der an der Tür, sieht es und sagt es weiter. Und er sagt auch: „...noch eine kleine Weile...“. Ja, es ist schon da das Reich Gottes. Aber die Tür ist zu – zu, aber nicht verschlossen. Sie verbirgt etwas vor unseren Blicken und dem Eindringen - wenn wir denn überhaupt die Tür erahnen, die der Prophet hier ganz kurz aufgetan hat um einen Blick durch den Spalt zu wagen.
„Eine kleine Weile..“! Hey Jesaja, das kann ja so nicht sein. Im 8. Jahrhundert vor Christus hast du gelebt und gesprochen. Und bis heute ist nichts von alledem wahr geworden. Von wegen: eine kleine Weile! Was nützt uns schon dieses Phantasiegebilde, das du da beschreibst?
Als du das sahst, was wir da beschrieben hören, war es sehr konkret gefährlich in Israel. Jerusalem wurde um das Jahr 701 vor Christus von der Großmacht Assyrien und ihrem König Sanherib belagert. Eine eroberte und von der Fremdmacht belagerte Hauptstadt – das wäre der Anfang vom Ende der Souverenität des ganzen Landes. Da lässt man sich in der Phantasie gern in ein Friedensreich entführen. Aber wie hart schlägt man auf, wenn man sich plötzlich in der Realität wiederfindet?!
Heute am 11. September kommen einem Erinnerungen, die so gar nicht zu einem Friedensreich passen wollen.
Nicht nur internationaler Terrorismus, havarierte Atomkraftwerke, Bürgerkriege im nördlichen Afrika, Hungerkatastrophen ein paar Breitengrade südlich davon, gnadenlose Plünderungen von Urwäldern in Südamerika, Unterdrückung der Menschen in Diktaturen, gewalttätige Jugendliche in unseren Städten, all das und vieles mehr hält uns gefangen in der Welt vor der Tür. Es ist schon erstaunlich: Wir warten noch heute sehnsüchtig darauf, dass uns ein Jesaja erzählt, was er sieht.
Offenbar ist unsere Situation gar nicht so grundverschieden von seiner Lage vor fast drei Jahrtausenden.
Das kennen wir doch auch: Dass es solche Menschen gibt, die Jesaja erwähnt. Leute, die trotz allen Veränderungen noch immer nichts verstehen und nie zur Einsicht und Verhaltensänderung kommen werden. Irre und Irregeleitete, Taube und Blinde – die sterben nicht aus. Aber mitten da hinein sagt Jesaja dieses Wort: „Denn es wird ein Ende haben mit den Tyrannen und mit den Spöttern aus sein, und es werden vertilgt werden alle, die darauf aus sind, Unheil anzurichten“, mehr noch sagt er: „... die Ärmsten unter den Menschen werden fröhlich sein“.
Darauf dürfen wir vertrauen. Die Ärmsten werden durch den schmalen Spalt in der Tür gehen dürfen, durch das Nadelöhr sozusagen. Sie erleben das, was da vorhergesagt ist.
Das Bild von dem Nadelöhr ist ja übrigens aus dem Neuen Testament. Jesus sagt es. Tausend Jahre nach Jesaja öffnet sich mit ihm das Tor ein Stück weiter. Jesu Botschaft vom Reich Gottes ist nicht viel anders als die des Jesaja in unserem Abschnitt: Lahme gehen, Aussätzige werden rein, Blinde sehen und den Armen wird die frohe Botschaft zuteil. Jesus gibt uns in der Bergpredigt auch den Schlüssel zu dem Tor: Selig sind die geistlich Armen, und die, die Leid tragen, die Sanftmütigen, die, die nach Gerechtigkeit hungern, die Barmherzigen, die, die reinen Herzens sind, die Friedensstifter, die Verfolgten.
Warum gerade sie alle? - Sie sind es, die das Tor erkennen. Sie haben den Mut dem Gottesmann, Propheten, Gottessohn zu folgen. Nichts hält sie mehr. Sie sind nicht so sehr beschäftigt mit dem Aufrechterhalten ihrer Privilegien und dem Verdecken ihrer Fehler, dass sie erkennen. Hingegen werden die, die Menschen in ihren Rechten beschneiden und unterdrücken, die Tyrannen und Diktatoren, genau wie die, die im Kleinen Unheil anrichten, so nicht einziehen in das Reich Gottes.

Ja, wir wären doch naiv, wenn wir dächten, dass Menschen so einfach und automatisch ins Paradies einziehen könnten. Jesaja sagt es: Die Menschen werden von selbst nicht klüger oder einsichtiger oder frömmer – nur weil sie die schöne neue Welt gezeigt bekommen haben. Wer nur einen Blick riskiert und ungerührt weiterlebt, wird das Paradies nicht betreten.

Jesaja weiß: „Wenn das Volk sieht, was meine Hände in seiner Mitte vollbringen, wird es meinen Namen heilig halten.“ Aber noch sieht das Volk nicht, jedenfalls nicht in der ganzen Vielfalt. Und noch kann und will es nicht vertrauen, dass Gottes Zusage wahr wird. Viel zu sehr sind sie alle beschäftigt mit „Lösungen“ für die großen und kleinen Probleme der Welt, mit Euro-Rettungsschirmen, Atomausstieg ohne Verzicht auf Gewinn und Komfort, Jagd auf einen Diktator, dessen Anhänger seine Anliegen eh schon und auch weiterhin vertreten werden, Waffengeschäften, die den Frieden sichern sollten und doch gefährden – und was da so vieles mehr zu nennen wäre. So bleibt das große Tor zu. Die neue Welt würde ersticken und erdrückt werden, wenn all das hineinschwappen würde.
Aber, so ermutigt uns Jesaja, ihr werdet sehen. Gott findet sich nicht ab mit unserer Mutlosigkeit. Der kleine Spalt wird weiter sich öffnen und dann werden die Flügel aufgestoßen. Gottes Wort gilt.
Nur noch kurze Zeit“, dann werden wir sehen, nicht nur sehen, sondern hineingehen und leben. Dann stehen wir unter dem Torbogen der Verheißung. Vor uns das Paradies: Gottes neue Welt. Jesajas Vision ist keine überspannte Tagträumerei. Unser Problem mit Visionen ist das, dass wir uns abgewöhnt haben, ihnen zu vertrauen. Wir lesen und hören das alles und freuen uns daran – vielleicht. Aber wer traut sich schon, das ernst zu nehmen? Das ist einfach zu verrückt. Und haben wir nicht schon manchmal jemanden belächelt, der auf die großen Fragen der Welt mit Gottes Antworten kommt? Aber so seltsam es klingt: Wir brauchen solche „Türöffner“ wie diesen Jesaja – nötiger denn je. Er erinnert uns, dass Gott sich nicht zufrieden gibt. Gott kann die Welt vom Kopf auf die Füße stellen. Gott kann aus jedem Ende einen Anfang machen. Und wichtig: Gott kann es nicht nur, Gott wird es machen: Blinde sehen in Nacht und Finsternis, Taube hören im Lärm der Zeit mehr als das gesprochene Wort, Arme freuen sich an Gott und am Leben mit ihm.
Es steht übrigens nicht da: Gott wird dreinschlagen und seine Feinde vernichten, auslöschen, entmachten mit harter Hand – das wäre die Logik unserer Welt „vor dem Tor“. Der Prophet behauptet im Namen Gottes, und das ist wirklich fast zu schön um es zu glauben, dass wir Menschen wie von selbst Gott in die Mitte unseres Lebens lassen und uns an ihm freuen – ohne Zwang, ohne Druck, ohne Kampf.
Das kann funktionieren, denn das Reich Gottes ist schon angebrochen. Es ist da hinter dem Tor. Und immer wenn es einer ein wenig öffnet, dann weht etwas von Gottes Geist herüber in die Welt vor dem Tor. Dann halten die inne, die von dem Geist berührt werden und fangen an Gerechtigkeit zu üben. Da werden Menschen heil an Leib und Seele, da hört der Hass auf, da wird Gewalt aufgehalten, Traurige werden getröstet, Ängstliche bekommen Mut, da wächst Hoffnung und Leben, da springen Kerker auf und Fesseln werden gelöst, da werden Hungernde satt, da blüht die Wüste auf.
Möge sich das Tor, das Jesaja da so vorsichtig geöffnet hat, nicht mehr schließen und möge es sich immer weiter öffnen. Gott halte uns wachsam, dass wir es sehen und beachten.
Amen.


Liebe Gemeinde,
als mich Ihre Pfarrerin vor mehr als einem halben Jahr auf mich zukam und fragte, ob ich diesen Gottesdienst übernehmen könnte, habe ich nach kurzem Überlegen gerne ja gesagt.
Aber was, wenn ich das nie ernst gemeint, verdrängt, vergessen, oder einfach heute morgen verschlafen hätte? Ich hätte mich hier wohl nie wieder sehen lassen dürfen. Wie hätte man über mich gedacht, wenn ich einfach nein gesagt hätte? Dann wäre heute wahrscheinlich ein anderer hier? Wäre ich dann trotzdem hergekommen - als Zuhörerin? Wie würde man das finden? Würde... hätte... wäre... - wie auch immer, ich bin hier. Aber so eine Geschichte hat Jesus einmal kurz vor seinem Tod seinen Gegnern erzählt. Er erzählte sie, um sie anzusprechen in einer Sprache und in einer Situation, die sie sehr wohl kennen und einordnen können. Er wusste ihre Absicht, er wollte sie erreichen, wo es in ihrem Leben klemmt, sie zur Umkehr und zum Handeln bewegen, bzw. dazu, ihr Handeln zu überdenken und korrigieren. Hören wir Worte aus dem Matthäusevangelium im 21. Kapitel die Verse 28 bis 32:
Was meint ihr aber? Es hatte ein Mann zwei Söhne und ging zu dem ersten und sprach: Mein Sohn, geh hin und arbeite heute im Weinberg. Er antwortete aber und sprach: Nein, ich will nicht. Danach reute es ihn, und er ging hin. Und der Vater ging zum zweiten Sohn und sagte dasselbe. Der aber antwortete und sprach: Ja, Herr! - und ging nicht hin. Wer von den beiden hat des Vaters Willen getan? Sie antworteten: Der erste. Jesus sprach zu ihnen. Wahrlich, ich sage euch: Die Zöllner und Huren kommen eher ins Reich Gottes als ihr. Denn Johannes kam zu euch und lehrte euch den rechten Weg, und ihr glaubtet ihm nicht; aber die Zöllner und Huren glaubten ihm. Und obwohl ihr's saht, tatet ihr dennoch nicht Buße, so dass ihr ihm dann auch geglaubt hättet.
Dieser Abschnitt ist Jesu Antwort auf eine Frage. Die Frage stellen ihm die Ältesten und Hohepriester im Tempel zu Jerusalem und sie lautet: Aus welcher Vollmacht tust du das, und wer hat dir diese Vollmacht gegeben? Die Gegner nehmen Bezug auf die Wunder, die von Jesus berichtet werden. Ängstlich haben sie die Nachrichten von ihm verfolgt. Wer macht ihnen da die religiöse Vormachstellung streitig? Sie wollen ihm eine Falle stellen. Wenn er jetzt sagt, er sei von Gott selbst bevollmächtigt, dann haben sie ihn. Das darf nach dem Gesetz nicht sein. Jesus aber weiß darum und tappt nicht hinein. Er wird sein Todesurteil so nicht selbst schreiben.
Vielmehr nimmt er Bezug auf den Täufer Johannes. Dem Matthäusevangelium zufolge ist Johannes mehr als nur ein Vorläufer Jesu, mit ihm hat der Weg zum Reich Gottes schon begonnen. Das heißt: Wer Johannes anerkennt, der bekennt sich letztlich auch zu Jesus. Und Johannes ist beliebt im Volk. Er gilt als Prophet, also als von Gott Berufener. Wenn die Hohepriester dies bestreiten, so bekommen sie Ärger im Volk. Wenn sie aber sagen, dass die Taufe des Johannes vom Himmel ist, dann wäre da die Frage, warum sie diesem nicht gefolgt sind. Die Ältesten und Hohepriester legen sich nicht fest. So sind sie durch Jesu Antwort/Frage erst einmal gefangen. Und Jesus lässt nicht locker und erzählt ihnen diese Geschichte, die wir eben gehört haben.
Die Menschen damals – wie auch wir heute - verstanden sofort, was gemeint war. Einiges an Schärfe versteckt sich für unsere Ohren vielleicht aber vielleicht. Ist die Geschichte doch so bekannt und in unsere Tradition eingeflossen. Wir haben durchaus Sympathien für den, der erst einmal nein sagt. Wir haben gelernt, nicht immer gleich Ja und Amen zu sagen. Wir sind darauf bedacht, nur Dinge zuzusagen, die wir dann auch einhalten können. Wenn das nicht gelingt, ist es immer peinlicher Entschuldigungen zu finden. Lieber erst einmal ablehnen, sich Zeit verschaffen, Termine prüfen...
Das war damals anders: In unserer Geschichte handeln ein Vater und zwei Söhne. Der Vater in unserer Geschichte geht zu seinem Sohn hin. Die Zuhörer merken auf: Warum lässt er ihn nicht rufen. Der Sohn muss kommen, wenn der Vater ruft – so gehört sich das. Geradezu zärtlich spricht er ihn an: „Mein Kind,..“. Ein enges Band ist da zwischen Vater und Sohn. Der Auftrag ist einfach, normal und alltäglich: Arbeite im Weinberg. Der Sohn des Weinbergbesitzers wird den Auftrag verstehen und wissen, was zu tun ist. Umso mehr erstaunt die Antwort: „Nein, ich will nicht.“ Keine Erklärung, keine Entschuldigung, keine Ausrede, nur schroffe Ablehnung. - Wie kann er auf das liebevolle Werben des Vaters so kalt reagieren? Das war nicht nur unverschämt, das war in jener Zeit ein Vergehen. Wer dem Vater die Arbeit verweigert, der verdient die Todesstrafe. Die Zuhörer sind fertig mit diesem Sohn. Aber so einfach bleibt es denn nicht. Der Sohn bereut seine Unverschämtheit, tut Buße: Er überlegt es sich noch und geht eben doch in den Weinberg und arbeitet.
Aber das bekommt der Vater vermutlich gar nicht mehr mit. Er wendet sich an den zweiten Sohn. Und der weiß, was sich gehört. „Ja, Herr!“, lautet seine Antwort. Er weiß um seine Position, sagt das erwartete – und tut es nicht. Die Zuhörer sind ratlos, als Jesus sie fragt: „Wer von beiden hat den Willen des Vaters getan?“ - Natürlich der, der die Arbeit getan hat, der zuerst gefragte Sohn. Die Moral der Geschichte ist einleuchtend. Am Handeln werden wir gemessen.
Versuchen wir das Gleichnis Jesu zu entschlüsseln. Die Hohepriester und Ältesten verstehen sofort. Wie in vielen Gleichnissen ist der Vater ein Bild für Gott. Sie selbst sind die, die Gott anrufen, ihn preisen. Sie haben viele Worte der Hochachtung und Verehrung. Sie wissen, was sich gehört. So gleichen sie dem zweiten Sohn. Und sie gleichen ihm auch darin, dass sie nicht nach ihrem Wort handeln. Sie erkennen den Täufer Johannes nicht an, sie tun keine Buße wie dieser es fordert. Jesus zieht klar die Linie. Die Zuhörer erkennen das und müssen eine Antwort geben, mit der sie sich selbst fällen. Den Hohepriestern werden Zöllner und Dirnen - Sünder und Sünderinnen wie der unverschämte erste Sohn - gegenübergestellt. Jene haben Buße getan, wie Matthäus in den Kapiteln zuvor berichtet. Sie gehören somit dem Reich Gottes an, sie gehen den Mächtigen darin voran.
Die Hohepriester und Ältesten im Jerusalemer Tempel sind getroffen. Nun hat dieser Jesus den Bogen endgültig überspannt. - Was das für Jesus bedeutet, wird deutlich an dem Gleichnis, was Matthäus direkt danach von Jesus überliefert: Das Gleichnis erzählt wieder von einem Weinbergbesitzer, der seine Boten zu den Pächtern des Weinberges schickt. Sie alle werden getötet, weil die Pächter ihre Abgabe nicht zahlen wollen. Und auch der Sohn des Besitzers wird getötet. Für wen der der Weinbergbesitzer steht, ist schon bekannt: Gott. Und der Gottessohn? Auch hier besteht kein Zweifel: Es ist Jesus. Die Vollmacht rettet nicht sein Leben, aber – und das ist das Paradoxe an diesen Geschichten – gerade ihr Ausgang beweist, dass er die Vollmacht von Gott hat.
Die Frage der Hohepriester und Ältesten hat eine Antwort gefunden, aber es ist kein Gespräch geblieben, bei dem es nur bei den Worten bleibt, sondern eines, in dem es auch um das Handeln geht. Und es muss ihnen deutlich geworden sein: Indem sie Jesus ausliefern, stellen sie sich gegen Gott, bleibt ihnen das Reich Gottes verschlossen.
Ein Sohn, der ablehnt und dann doch geht. Ein Sohn, der zustimmt und doch nicht geht. Gibt es einen dritten Sohn, der zustimmt und geht? Das wird die Gemeinde des Matthäus sein, denen der Evangelist diese Geschichte erzählt. Sie sind auf dem Weg ins Reich Gottes, sie folgen dem Gottessohn. Diskussionen gab es sicherlich immer wieder. Warum sind die Hohenpriester und Ältesten ihm nicht auch gefolgt? Woher können wir sicher sein, dass Jesus die Vollmacht von Gott hat? Was bedeutet ein Leben in der Nachfolge? Diese Geschichten wurden immer wieder erzählt, wurden von Generation zu Generation erzählt, mal hat man Juden und Heiden in ihnen gesehen, auch mal Katholiken nd Evangelische – Geschichten werden gebraucht und auch missbraucht. Letztlich aber sind es auch unsere Geschichten, weil auch wir darin vorkommen, weil auch danach gefragt wird, wo wir stehen. Bin ich geschickt zum Reich Gottes, stimmen meine Worte und mein Handeln überein? Wie auch immer, ich habe jederzeit die Chance zur Umkehr. Der erste Sohn bereut, er zeigt, dass er auf dem richtigen Weg ist, auf dem Weg der Gerechtigkeit. Und so kommt es nicht darauf an, was andere über mich denken, ob das, was ich sage mit irgendwelchen Normen übereinstimmt. Es kommt darauf an, dass das Nötige getan wird, dass das, was ich sage, wahr ist. Wahr in dem Sinne, dass es mit meinem Handeln übereinstimmt. Und wenn ich einen Fehler gemacht habe, dann ist es gut, wenn ich ihn erkenne, mein Handeln überdenke und korrigiere. So sind wir als Gemeinde auf dem Weg zu Gottes Reich, auf dem Weg der Gerechtigkeit. Amen.


Gnade sei mit euch und Friede von dem, der da war, der da ist und der da kommt. Wir hören einen Abschnitt aus dem Johannesevangelium. Im 21. Kapitel fin­den wir in den Versen 1 bis 14 folgendes:
Danach offenbarte sich Jesus abermals den Jüngern am See Tiberias. Er offen­barte sich aber so: Es waren beieinander Simon Petrus und Thomas, der Zwilling genannt wird, und Nathanael aus Kana in Galiläa und die Söhne des Zebedäus und zwei andere seiner Jünger. Spricht Simon Petrus zu ihnen: Ich will fischen gehen. Sie sprechen zu ihm: So wollen wir mit dir gehen. Sie gingen hinaus und stiegen in das Boot, und in die­ser Nacht fingen sie nichts. Als es aber schon Morgen war, stand Jesus am Ufer, aber die Jünger wussten nicht, daß es Jesus war. Spricht Jesus zu ihnen: Kinder, habt ihr nichts zu essen? Sie antworteten ihm: Nein. Er aber sprach zu ihnen: Werft das Netz aus zur Rechten des Bootes, so werdet ihr finden. Da warfen sie es aus und konnten's nicht mehr ziehen wegen der Menge der Fische. Da spricht der Jünger, den Jesus liebhatte, zu Petrus: Es ist der Herr! Als Simon Petrus hörte, dass es der Herr war, gürtete er sich das Obergewand um, denn er war nackt, und warf sich ins Wasser. Die andern Jünger aber kamen mit dem Boot, denn sie waren nicht fern vom Land, nur etwa zweihundert Ellen, und zo­gen das Netz mit den Fischen. Als sie nun ans Land stiegen, sahen sie ein Koh­lenfeuer und Fische darauf und Brot. Spricht Jesus zu ihnen: Bringt von den Fischen, die ihr jetzt gefangen habt! Simon Petrus stieg hinein und zog das Netz an Land, voll großer Fische, hun­dertdreiundfünfzig. Und obwohl es so viele waren, zerriss doch das Netz nicht. Spricht Jesus zu ihnen: Kommt und haltet das Mahl! Niemand aber unter den Jüngern wagte, ihn zu fragen: Wer bist du? Denn sie wussten, dass es der Herr war. Da kommt Jesus und nimmt das Brot und gibt's ihnen, desgleichen auch die Fi­sche. Das ist nun das dritte Mal, daß Jesus den Jüngern offenbart wurde, nachdem er von den Toten auferstanden war.
Liebe Gemeinde,

Fischer – Menschen bei der Arbeit. Es ist schwere Arbeit, Arbeit in der Nacht, bei Wind und Wetter draußen, gefährliche Arbeit. Für die eigene Ernährung und die der Menschen in der Region sollen die Fi­scher sorgen. Die Arbeit muss so viel erbringen, dass die Unterhaltung der Boote, der Netze und Werkzeuge gewährleistet ist, dass die Versorgung für die Familien gesi­chert ist. Aber heute ist es vergebliche Arbeit. Kein Fang, die Netze bleiben leer. Noch ist die Schicht nicht zu Ende, aber es ist aussichtslos, der Akkord ist nicht zu schaffen, das Soll wird nicht erfüllt. Ist es meine Unfähigkeit? Habe ich Schuld? War ich zu nachlässig? Fehlen mir die neuen und guten Ideen? - Ein schlechtes Gewissen plagt die Arbeiter, weil es wieder mal nicht gereicht hat. Was denken die anderen? Wie soll ich ihnen ins Gesicht sehen? Wie soll ich ihnen erklären, dass sie weiter hungern müssen? Wer hat Schuld? Szenenwechsel: Ein Fischkutter auf der Nordsee – Wieder nur kleine Fische, viel Beifang, wie es sich nennt, Quallen, Seesterne, tote oder wertlose Fische im Netz. Wenn nicht immer wieder Touristen dafür zahlen würden, bei einer Nachmittags­fahrt zu den Seehundsbänken mitzufahren, würde sich der Kutter bei den Treib­stoffpreisen nicht halten lassen. Längst ist das Meer überfischt von den großen Fischtrawlern der Tiefkühlkonzerne... Mit leeren Händen steht der Fischer da. Szenenwechsel: Golf von Mexiko – endlich sind wieder viele Garnelen im Netz. Nach dem Untergang der Deepwater Horizon vor einem Jahr war viel Öl ins Meer geströmt. Ans Hinausfahren war nicht zu denken. Und heute, ja da sind wieder Garnelen im Netz, aber sie haben schwarze Flecken. Wer will schon Garnelen mit Ölrückständen im Fleisch?... Mit leeren Händen steht der Fischer da. Szenenwechsel: Küste vor Japan – Noch sind da Fische, die den Fischern ins Netz gehen, aber im Hafen stehen die Kontrolleure mit den Geiger-Zählern... schnelles Ticken zeigt die hohe Aktivität der verstrahlten Fische an. Zuviel für den Verzehr... Mit leeren Händen steht der Fischer da. Die Existenz eines ganzen Berufstandes hängt von so kleinen Einflüssen ab. Und trotzdem: Jeder unserer Fischer wird sich schämen, weil er keinen Er­folg hat, nicht das Knowhow nicht die rechte Idee, wie trotzdem der Bedarf gestillt werden kann, das Überleben in der Region gesichert, der eigene Ar­beitsplatz und die Le­benbensgrundlage der Familie erhalten werden kann.
Unser Bibeltext stellt das schlaglichtartig an einem der Fischer dar. Es ist nicht ir­gendeiner, es ist Simon Petrus. Es ist der Jünger Jesu, der immer wie­der mal ver­sagt hat, in den Jesus aber auch immer wieder ganz großes Ver­trauen gesetzt hat. Hier ist er jetzt unter den Fischern, die die ganze Nacht vergebens gearbeitet ha­ben. Mit leeren Händen steht er da. Die Erzählung be­schreibt ihn als nackt. Nackt und bloß steht er da, ohne Fische, würdelos, er­folglos, gefährdet, ungeschützt, er kann nicht mehr. Da sieht er einen am Ufer stehen. Wer ist das? Wer sieht ihn da an in einem seiner schwächsten Momente? Welches Urteil wird er über ihn spre­chen. Er wird seinen Job los. Er wird schuldig sein. Angst steht ihm im Gesicht. Was wird der Fremde sa­gen?
Kinder, habt ihr nichts zu essen?“ - Das war wohl die schlimmste Frage. „Nein, wir haben nichts.“, müssen sie bekennen. Aber es kommt noch schlim­mer: Der Fremde gibt auch noch Tipps: „Werft das Netz rechts aus.“ - Was soll das? Erfah­rene Fi­scher lassen sich doch nicht sagen, was zu tun ist. Wenn nichts gefangen wurde, dann ist das so. Aber irgendwie nimmt die Ver­zweiflung wohl überhand und sie tun es doch. Jetzt ist eh schon alles egal. Versagt ist versagt. Und es kommt doch noch schlimmer: Der Fremde behält auch noch Recht. Das Netz ist voll. Das erinnert doch an Situationen der heutigen Arbeitswelt: Ist es Mobbing? Allen gelingt es die Vorgaben des Chefs zu erfüllen, nur ich schaffe es wieder mal nicht? Habe ich ver­sagt, weil ich erfolgreich sein wollte um jeden Preis, weil ich ehrgeizig gestrebt habe nach mehr. Haben Neider meine Position und die Sicherheit meiner Arbeits­stelle gezielt angegriffen und mich austricksen wollen? Aber da weist ihn ein anderer darauf hin und plötzlich erkennt Simon in dem Fremden am Ufer den Auferstandenen. Es ist der, der ihm Würde verliehen hat: „Weide meine Schafe.“ - „Von nun an wirst du Men­schenfischer sein.“ Petrus erinnert sich, wie er einst von Jesus aufgefordert wurde über das Was­ser zu laufen. Ja, es ist Jesus. Im Angesicht seines Herrn gewinnt Pe­trus seine Würde zurück. Er greift zu seinem Mantel und verhüllt seine Blöße. Mu­tig steigt er aus dem Boot. Heute wird er zu Jesus laufen, ob über das Wasser oder hindurch. Wenn Jesus da ist, dann gelingt alles. Und das ganz unmöglich geglaubte geschieht: Im seichten Uferwasser die Netze bis über den Rand füllen, das gelingt und die Netze reißen nicht einmal. Von jetzt auf gleich ist das Überleben gesichert, das Ansehen wieder aufge­richtet. Der Schmerz und die Enttäuschung sind überwunden, vergessen und vorbei. Und das, was dann erzählt wird, erinnert an die vielen Geschichten von Jesus, wie er den Menschen das zum Leben notwendige schenkt und übergibt. „Bringt von den Fischen.“ „Kommt und haltet das Mahl.“ - „Gebt ihr ihnen zu Essen.“, sagt er bei der Speisung der 5000. Da wussten es alle: Hier ist uns Jesus, der Auferstande­ne, selbst begegnet. Sie erkennen ihn im Brechen des Brotes im gemeinsamen Mahl. Hungrige werden gespeist, Gedemütigte kom­men zu neuer Würde. Das Reich Gottes ist nahe herbeigekommen. So wie Je­sus es gesagt hat.
In der Gegenwart Jesu wird Misserfolg, Mobbing, Druck und Demütigung umge­kehrt in Freude, volle Genüge und Sicherheit. Gerechter Lohn für die Arbeit – auch wenn sie hin und wieder ins Leere läuft – ist verheißen und wird sich erfül­len. Das Vertrauen darauf, dass er uns begegnet in den Tiefen unseres Versagens, hilft uns weiter, macht uns Mut. So wie die Jünger es doch noch einmal versucht haben, so sollen wir auch in unse­rem Leben die Hoffnung nicht aufgeben. Er will uns speisen. Er will das Brot mit uns brechen. In seiner Gemeinschaft zählt nicht der Erfolg, sondern die Gemein­schaft, die Barmherzigkeit und das Vertrauen in ihn. Er wird uns sagen, wie es weitergehen kann. Er wird uns begegnen in Menschen, denen wir vertrauen kön­nen, die gerecht und sozial denken und handeln, die die Welt und die Arbeitswelt umgestalten zu einer Welt, in der jede und jeder ein­bringen kann, was er kann und dafür genügend Lohn erhalten wird um gut zu leben.
Und nun sitzt dieser Petrus da wieder am Kohlefeuer mit seinen Freunden – so wie damals, als er vom Hahn mit seinem dreimaligen Krähen daran erin­nert wurde, dass er seinen Herrn verleugnet hat. Und da wird ihm bewusst, dass er eigentlich wieder nicht erfüllt hat, was sein Herr für ihn bestimmt hat. Menschenfischen, die Gemeinde Leiten, das hatte Jesus ihm aufgegeben – und er ist hier immer noch bei den Fischern am See Tiberias. Im Angesicht des Auferstandenen werden auch wir aufgefordert, endlich das anzupacken, von dem wir schon lange wissen, was gut ist: Endlich aufhören mit dem Über­fischen der Meere durch große Fangflotten, das den Preis der Fische niedrig hält, endlich aufhören mit der Ausbeutung schwer zugänglicher Ölvorkommen, was das Meer und die Garnelen verschmutzt, endlich aufhören mit der Atomkraft, die Lebensraum für Mensch und Tier dauer­haft zerstört. Das sind nur wenige Beispiele, wo wir aufgefordert sind zur Umkehr. Katasrophen und Misser­folge, wie sie Petrus erlebt hat und wir sie heute immer wieder erleben, sind auch manchmal der Schlüssel dazu, endlich etwas zu ändern am eigenen und öffentlichen Leben und seine Ta­lente dort einzusetzen, wo­hin man berufen ist, dort zu ar­beiten und zu wirken, wo man gebraucht wird und das zum Nutzen aller und zur Bewahrung der Welt und ihrer Zukunft.

Dass dies wahr wird, wünsche ich allen, die heute am Tag der Arbeit dort draußen sind und sich für die Würdigung der Arbeit, gerechten Lohn und so­ziale Verhält­nisse in der Welt einsetzen. Amen.


Wir sammeln uns um einen Abschnitt aus dem 1. Buch Mose, Kapitel 3, Verse 1 bis 24:

Aber die Schlange war listiger als alle Tiere auf dem Felde, die Gott der HERR ge­macht hatte, und sprach zu dem Weibe: Ja, sollte Gott gesagt haben: ihr sollt nicht es­sen von allen Bäumen im Garten? Da sprach das Weib zu der Schlange: Wir essen von den Früchten der Bäume im Garten; aber von den Früchten des Baumes mitten im Garten hat Gott gesagt: Esset nicht davon, rühret sie auch nicht an, daß ihr nicht sterbet! Da sprach die Schlange zum Weibe: Ihr werdet keineswegs des Todes sterben, son­dern Gott weiß: an dem Tage, da ihr davon esset, werden eure Augen aufgetan, und ihr werdet sein wie Gott und wissen, was gut und böse ist. Und das Weib sah, dass von dem Baum gut zu essen wäre und dass er eine Lust für die Augen wäre und ver­lockend, weil er klug machte. Und sie nahm von der Frucht und aß und gab ihrem Mann, der bei ihr war, auch davon, und er aß. Da wurden ihnen beiden die Augen aufgetan, und sie wurden gewahr, dass sie nackt waren, und flochten Feigenblätter zusammen und machten sich Schurze. Und sie hör­ten Gott den HERRN, wie er im Garten ging, als der Tag kühl geworden war. Und Adam versteckte sich mit seinem Weibe vor dem Angesicht Gottes des HERRN unter den Bäumen im Garten. Und Gott der HERR rief Adam und sprach zu ihm: Wo bist du? Und er sprach: Ich hörte dich im Garten und fürchtete mich; denn ich bin nackt, darum versteckte ich mich. Und er sprach: Wer hat dir gesagt, dass du nackt bist? Hast du nicht gegessen von dem Baum, von dem ich dir gebot, du solltest nicht davon essen? Da sprach Adam: Das Weib, das du mir zugesellt hast, gab mir von dem Baum, und ich aß. Da sprach Gott der HERR zum Weibe: Warum hast du das getan? Das Weib sprach: Die Schlange betrog mich, so dass ich aß. Da sprach Gott der HERR zu der Schlange: Weil du das getan hast, seist du verflucht, verstoßen aus allem Vieh und allen Tieren auf dem Felde. Auf deinem Bauche sollst du kriechen und Erde fressen dein Leben lang. Und ich will Feindschaft setzen zwi­schen dir und dem Weibe und zwischen deinem Nachkommen und ihrem Nachkom­men; der soll dir den Kopf zertreten, und du wirst ihn in die Ferse stechen. Und zum Weibe sprach er: Ich will dir viel Mühsal schaffen, wenn du schwanger wirst; unter Mühen sollst du Kinder gebären. Und dein Verlangen soll nach deinem Manne sein, aber er soll dein Herr sein. Und zum Manne sprach er: Weil du gehorcht hast der Stimme deines Weibes und ge­gessen von dem Baum, von dem ich dir gebot und sprach: Du sollst nicht davon essen -, verflucht sei der Acker um deinetwillen! Mit Mühsal sollst du dich von ihm nähren dein Leben lang. Dornen und Disteln soll er dir tragen, und du sollst das Kraut auf dem Felde essen. Im Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brot essen, bis du wieder zu Erde werdest, davon du genommen bist. Denn du bist Erde und sollst zu Erde werden. Und Adam nannte sein Weib Eva; denn sie wurde die Mutter aller, die da leben. Und Gott der HERR machte Adam und seinem Weibe Röcke von Fellen und zog sie ihnen an. Und Gott der HERR sprach: Siehe, der Mensch ist geworden wie unsereiner und weiß, was gut und böse ist. Nun aber, dass er nur nicht ausstrecke seine Hand und breche auch von dem Baum des Lebens und esse und lebe ewiglich! Da wies ihn Gott der HERR aus dem Garten Eden, daß er die Erde bebaute, von der er genommen war. Und er trieb den Menschen hinaus und ließ lagern vor dem Garten Eden die Cherubim mit dem flammenden, blitzenden Schwert, zu bewachen den Weg zu dem Baum des Lebens.

Liebe Gemeinde,
Frank Sinatra singt es: „and then I go and spoil it all by saying something stupid like I love you...“ Was da so lakonisch ausgedrückt wird - ...und dann verderbe ich mir alles, nur weil ich zu dir sage: Ich liebe dich..., das ist der Inhalt unseres Bibelabschnittes. Adam und Eva leben zusammen. Das ist einfach so. Hineingesetzt in einen Ort, an dem es alles gibt, was sie brauchen. Schön ist es. Tiere, Pflanzen, Wasser, Erde, Luft und ein anderer Mensch, der einem Gesellschaft gibt, .... Sie bestimmen ihr Le­ben, unbeschwert, ungestört.
Auch bei Frank Sinatra gibt es so etwas wie ein Paradies: Wir könnten den Abend miteinander verbringen, Tanzen gehen, danach auf einen Cocktail in einer kleinen ruhigen Bar sitzen.... Und wir könnten das sicher ergänzen mit ganz alltäglichen Dingen: Wir können reden, miteinander lachen, spazierengehen, spielen, uns ge­genseitig helfen, die kleinen und großen Probleme des Alltags zu erledigen. Wir sind nicht allein, wenn wir zusammen sind.
Und dann kommt es bei Frank Sinatra dazu – wie formuliert er es doch – dein Par­fum füllt meinen Kopf, die Sterne werden rot, die Nacht ist so blau. - Ja, und dann sagt er es: Ich liebe dich.
Das ist doch schön, wollen wir da gerade sagen, aber er bekennt: Jetzt habe ich al­les zerstört. Die Frau fühlt sich bedrängt. Wie oft hat sie das schon gehört, und dann war der Typ nach einer Nacht wieder weg. Oder sie hat einfach Angst, mehr geben zu müssen als sie will. Oder vielleicht ist sie gebunden und kann oder will der Liebe nicht den Raum geben, den ihr Gefühl fordert. Oder... Jedenfalls ist die romantische Stimmung weg. Der Zauber des Moments, das Schöne, Vollkommene ist verschwunden. Es ist eben etwas anderes, Liebe zu fühlen und zu genießen, Gemeinsam­keit zu erleben und gestalten, als sich festzulegen in einer Beziehung.

So stelle ich mir das mit Adam und Eva vor. Die beiden leben miteinander, sie ge­nießen es, sie gestalten ihre Beziehung und die Beziehung zur Umwelt. Alles ist ganz klar und funktioniert. Sie sind beschützt und haben, was sie brauchen. Und dann geschieht es. Eva sagt, es wäre die Schlange gewesen. Aber Schlangen kön­nen nicht mit Menschen sprechen, außer vielleicht mit Harry Potter. Viele Ausle­ger sagen, es wäre der Teufel, das Böse, gewesen. Aber etwas Böses kann ich in dem Akt, der da passiert, nicht erkennen. Wer auch immer, oder wie auch immer: Eva verliebt sich in diesen Adam. Und als schüchternes Zeichen ihrer Liebe schenkt sie ihm etwas: einen Apfel. Nicht irgendeinen Apfel, sondern den von dem einen Baum, der als verboten deklariert ist. Das zeigt Evas Mut. Sie überschreitet eine Grenze. Sie tut etwas, wofür sie Bewunderung erwarten darf. Sie setzt sich über Vorschriften hinweg, weil sie verliebt ist, weil sie etwas erreichen will. Adam soll sie ansehen. Nichts mehr wünscht sie sich. Durch das Tun des Verbotenen und dadurch, dass er daran teilhat, ist sie mit Adam verbunden. Er muss den Apfel essen.

Zum ersten Mal schaut Adam sie an. Da ist sie. Sie ist mutig. Sie opfert sich für mich auf. Sie riskiert etwas für mich. Sie ist anders als ich. Plötzlich empfindet auch Adam etwas. Wenn ich erkenne, dass ich geliebt werde, mit Liebe angesehen, dann ist das das schönste, was einem auf der Welt passieren kann. Ich fühle mich schön, wichtig, wertvoll. Und wenn der, der mir diese Liebe entgegenbringt, auch noch jemand ist, mit dem ich mich nachgewiesen dauerhaft vertragen kann, den ich eigentlich schon immer mag, mit dem ich schon eine Weile das Leben geteilt habe, dann darf da doch nichts mehr zwischen uns sein. Dann beginnt das Leben. Dann beginnt eine Beziehung, die nach außen strahlt und wirkt.
Aber so einfach ist das nicht immer. Bei Adam und Eva steht da die Straftat, dass Früchte vom verbotenen Baum genommen wurden, im Raum. Bei anderen solchen Begegnungen steht da ein anderer Partner zwischen den beiden. Möglicherweise sind da Eltern, die den „Neuen“ ablehnen. Oder vielleicht stehen da eben auch schlechte Erfahrungen im Wege, die es erst noch zu verarbeiten gilt. Jedenfalls ist diese glückliche Begegnung der zwei Verliebten nicht immer auch der Anfang ei­ner wirklichen Beziehung.
Manchmal fängt dann das Schwere erst an.
Da kommt es dann zum Rosenkrieg bei der Trennung vom bisherigen Partner. Da kommt es dann zum Zwiespalt um Freiheit und Nähe. Da kommt es zum Zerwürf­nis mit Freunden, Verwandten oder anderen Bezugspersonen. Man muss sich ent­scheiden, wohin man gehören will. Und dabei hätte es doch so einfach sein kön­nen, wenn man es nicht gesagt hätte... Freunde können das alles miteinander tun, was Spaß macht. Oder sie können es lassen. Niemand wird etwas dagegen haben. Aber wenn aus der Freundschaft Liebe, eine sexuelle Beziehung wird, dann haben da andere mitzureden, dann werden die gesellschaftlichen Konventionen aufgefah­ren. Dann gibt es Streit, Eifersucht, Neid, dann muss man sich rechtfertigen. Ja, dieses „Ich liebe dich“ erfordert Mut. Ich greife nach verlockenden Früchten von einem schönen Baum. Ich riskiere alles, was mich bisher geschützt und geborgen hat. Ich überschreite Grenzen um den anderen zu erreichen. Aber dass dies alles passiert, ist so alt wie die Menschheit. Das will uns unser Bi­belabschnitt sagen. Wenn Eva nicht den Adam „erkannt“ hätte, wie es die Bibel sagt – und wir wissen, was da gemeint ist, dann gäbe es uns Menschen nicht. Die­ser Teil unseres Menschseins, unsere Sexualität, unser Verliebtsein ist Grundlage allen menschlichen Seins. Wir müssen es tun. Es passiert einfach. Wir werden dann vertrieben aus dem Paradies der blauen Sommernacht, der roten Sterne und des zauberhaften Duftes. Wir setzen auf im Alltag. Aber wäre da nie die Sommernacht gewesen, wie sollte man den Alltag, Krankheiten, Streit oder Be­drängnis aushalten. Die Liebe ist notwendig. „Schön ist eigentlich alles, was man mit Liebe betrachtet.“ So hat das einmal Christian Morgenstern ausgedrückt. Die Liebe hilft über vieles hinweg.
Und so ertragen auch Adam und Eva die Vertreibung aus dem Paradies. Sie verlas­sen die Geborgenheit des Garten Edens. Damit verlassen sie aber auch die Abhän­gigkeit von Gott. Nicht ganz freiwillig tun sie das, verstecken sich, finden Ausreden, aber schließlich nutzt alles nicht mehr: Gemeinsam starten sie in ein selbstverantwortetes Leben - unter dem Geleit und Gebot Gottes.

Wenn man den Text so liest, hört sich das alles an, als wollte Gott bestrafen, aber sehen wir doch mal genauer hin: Eva soll Kinder bekommen. Mühe macht das, es ist gefährlich, ja. Aber das ist auch wichtig. Es entspricht unserem Selbstbewusst­sein. Kinder wollen, Kinder haben, das ist eine Aufgabe, die Mut und Können er­fordert. Diesen Schritt ist Eva gegangen. Und mit ihr ist Adam diesen Schritt ge­gangen. Auch er hat Verantwortung übernommen: für Eva, für seine Kinder. Und er hat Arbeit bekommen. Mit Mühe und im Schweiße seines Angesichtes soll er das tägliche Brot erarbeiten. Wie viele Menschen wünschen sich von Herzen, dass sie Arbeit hätten....

Hier in unserem Bibelabschnitt werden die „Klassiker“ unter den Tätigkeiten für Männer und Frauen genannt. Zur Zeit als die Bibel geschrieben wurde, waren das die Synonyme für verantwortungsvolle Arbeit. Heute ließe sich das ergänzen durch viel­fältige wichtige und verantwortliche Tätigkeiten, die Männer und Frauen so in der Welt tun. Wichtig ist der Mut, hinaus zu gehen, Verantwortung zu übernehmen für einen geliebten Menschen, für Kinder und Jugendliche für die gesellschaftliche Arbeit, Produktion und Verwaltung.


Auch Jesus hat das Paradies verlassen. Er hat seine Bestimmung erkannt. Er hat die Geborgenheit seines Elternhauses verlassen. Er hat sich nicht an das gehalten, was die politische und geistliche Führung seiner Zeit verlangt hat. Er hat sich zu Gott als seinem Vater bekannt. Er ist dafür durch Leiden und Tod gegangen. Und er ist auferstanden. Er lebt mitten unter uns und gibt uns Mut, wenn wir uns ver­lieben, wenn wir eine Aufgabe als die unsere erkennen, wenn wir für eine Über­zeugung oder ein Projekt brennen.

Es kommt darauf an, als Verliebte – in Liebe – im Wissen um Gut und Böse zu handeln, für uns, für unsere Mitmenschen für Gott. Wenn wir dabei auf Schwie­rigkeiten stoßen, dann ist das keine Strafe, sondern es soll prüfen, wie ernst wir es meinen.
Frank Sinatra wartet ab und überlegt, wie er die richtigen Worte, den richtigen Zeitpunkt finden wird, seiner Geliebten mitzuteilen, was er wirklich meinte und wie er es meinte, als er sagte: Ich liebe dich.
So wird uns Gott auch den Moment schenken, wenn wir spüren, dass es sich ge­lohnt hat, mutig zu sein, zu kämpfen, zu arbeiten und durchzuhalten, die Verant­wortung zu bewahren. Lassen wir uns nichts einreden, von wem auch immer. Amen.



Liebe Gemeinde,Ich glaube an Gott, den Vater, den allmächtigen Schöpfer des Himmels und der Erde.“ Ja, das glaube ich. Das Lied, das wir eben gesungen hat, drückt das etwas vorsichtiger, aber doch mit der gleichen Ehrfurcht aus: „Wir glauben Gott im höchsten Thron...“ Da sitzt er, der alles gemacht hat, alles geordnet hat, so dass es für dich und mich lebenswert wird. Er zieht die Fäden. Das Weltall ist so gebaut, dass keines das andere auf seinen Bahnen wirklich stört. Es ist so gebaut, dass wir hier auf der Erde Lebensraum finden. Der Abstand zur Sonne ist perfekt. Wäre die Masse unseres Planeten ein klein wenig größer oder kleiner, so wäre ein anderer Abstand, es wäre zu warm oder zu kalt.
Die Menschen der biblischen Zeit kannten noch nicht die Gesetzmäßigkeiten der Planetenbewegungen, sie kannten keine Fernrohre und keine Computersimulationen. Aber sie erkannten, dass da etwas ganz großes, planvolles, gewolltes um uns herum ist. Und das drückte der Prophet, den wir Jesaja nennen, so aus:

Wer misst die Wasser mit der hohlen Hand, und wer bestimmt des Himmels Weite mit der Spanne und fasst den Staub der Erde mit dem Maß und wiegt die Berge mit einem Gewicht und die Hügel mit einer Waage? Wer bestimmt den Geist des HERRN, und welcher Ratgeber unterweist ihn? Wen fragt er um Rat, der ihm Einsicht gebe und lehre ihn den Weg des Rechts und lehre ihn Erkenntnis und weise ihm den Weg des Verstandes? Siehe, die Völker sind geachtet wie ein Tropfen am Eimer und wie ein Sandkorn auf der Waage. Siehe, die Inseln sind wie ein Stäublein. Der Libanon wäre zu wenig zum Feuer und seine Tiere zu wenig zum Brandopfer. Alle Völker sind vor ihm wie nichts und gelten ihm als nichtig und eitel. Mit wem wollt ihr denn Gott vergleichen? Oder was für ein Abbild wollt ihr von ihm machen? Der Meister gießt ein Bild, und der Goldschmied vergoldet's und macht silberne Ketten daran. Wer aber zu arm ist für eine solche Gabe, der wählt ein Holz, das nicht fault, und sucht einen klugen Meister dazu, ein Bild zu fertigen, das nicht wackelt. Wisst ihr denn nicht? Hört ihr denn nicht? Ist's euch nicht von Anfang an verkündigt? Habt ihr's nicht gelernt von Anbeginn der Erde? Er thront über dem Kreis der Erde, und die darauf wohnen, sind wie Heuschrecken; er spannt den Himmel aus wie einen Schleier und breitet ihn aus wie ein Zelt, in dem man wohnt; er gibt die Fürsten preis, dass sie nichts sind, und die Richter auf Erden macht er zunichte: Kaum sind sie gepflanzt, kaum sind sie gesät, kaum hat ihr Stamm eine Wurzel in der Erde, da lässt er einen Wind unter sie wehen, dass sie verdorren, und ein Wirbelsturm führt sie weg wie Spreu. Mit wem wollt ihr mich also vergleichen, dem ich gleich sei? spricht der Heilige.
In dem, was der Prophet uns hier vorhält, geht es beileibe nicht nur um den Himmel und das Sternenzelt. Es geht vor allem um uns Menschen. So wie der Himmel geordnet ist, ist auch die Erde geordnet. Er hat Bäume, Gras, Tiere, das Meer und das Trockene geordnet. Er hat aber auch unser Leben mit den anderen Menschen in der Hand. Wo hat er mich hingestellt? Welche Menschen leben um mich herum? Mit wem habe ich Frieden? Wer bringt mich immer wieder in Rage mit seinem Tun und Lassen? Wozu hat er mich bestimmt? Warum kann ich dies gut und anderes schlecht? - Sollte das alles Zufall sein? - Ich glaube an Gott, den Schöpfer des Himmels und der Erde.
Gott hat unser Miteinander geordnet. Damit will ich jetzt nicht sagen, dass alle Obrigkeit von Gott eingesetzt ist. - Auch das hat die Kirche immer wieder versucht, den Menschen einzureden. Nein, ich meine damit nicht mehr und nicht weniger, dass er die Menschen so zusammenfügt, dass das Leben gelingen kann. Dazu gehören eben Menschen mit ganz unterschiedlichen Gaben und Begabungen. Jeder ist so von Gott gewollt und jeder hat so seinen Dienst. Daraus erfährt jeder seinen eigenen Wert. Es kommt darauf an, die eigenen Bestimmungen und Möglichkeiten zu erkennen und anzunehmen. Dabei sind wir nicht allein. Vereint in Gemeinde und Gemeinwesen können wir unsere einzelnen, vielleicht nur ganz kleinen, scheinbar unbedeutenden Gaben zusammenfügen nach Gottes Willen. Es ist immer wieder ganz wundersam anzusehen, wie es denn sich fügt und passt, wenn Menschen sich einander öffnen und einbringen, was sie können (und sei es noch so wenig). Daraus erwächst dann oft großer Segen für andere. Diese können sich dann an anderer Stelle einbringen – so wird die Ernte immer größer. Wohlgemerkt: Es geht um das Zusammenfinden der Menschen in immer wieder wechselnden Konstellationen, was Frucht für und mit anderen bringt, nicht um feste Zusammenschlüsse in Abgrenzung zu anderen.
Der Prophet lässt in seiner Bildsprache – aber dem Inhalt nach fast schon lakonisch – deutlich werden: All eure Zusammenschlüsse, Zugehörigkeiten zu Völkern und Ländern, Landsmannschaften und Vereinen, eure Ranglisten und Hierarchien sind nichtig und unwichtig. Ihr nehmt euch viel zu ernst in euren Abgrenzungen zu den Nachbarvölkern, Zuwanderern oder nur denen aus dem anderen Stadtteil. Eure politischen Bündnisse interessieren wie der Tropfen am Eimer, das Sandkorn in der Wüste. Wenn ihr die Zeitgeschichte und die Welt als eine Gemeinschaft aller lebenden Menschen betrachtet, dann zählt dieses Klein-Klein gar nichts. Nichtig ist es.
Gott hat alles geordnet. Und in diesem Tun sollen wir uns nun kein Bild davon machen. Er ist kein Alleinherrscher, der am Schaltpult der Macht die Knöpfe und Hebel bedient, wie uns das vielleicht in manchem Zeichentrickfilm oder Science-Fiction-Buch vorgestellt wird. Er sitzt nicht auf seinem Chefsessel und steuert grinsend und dem Lustprinzip oder reinem Zufall folgend die Geschicke der Erde. Du sollst dir kein Bildnis machen. Das zweite Gebot sagt es uns. Und wir wissen, dass wir nicht ermessen können, wie Gott die Welt in seiner Hand hat. Aber er hat sie in seiner Hand. Er stellt uns an den Ort, wo er uns braucht. Dort, wo wir sind, sollen wir uns einbringen, wie wir sind. Da haben wir dann durchaus Freiheiten. Da geht es um unser Erkennen der Aufgaben. Da geht es um unseren Willen Gutes zu tun. Da können wir unser Miteinander gestalten. Da sind wir wichtig, es zählt unsere Lust und unser Steuern. Wir werden zu Gottes Händen und Füßen. Da wächst Gottes Reich mitten unter uns. Das haben Menschen in den Jahrtausenden immer wieder erlebt und weitererzählt. Nur weniges davon hat Eingang in unsere Bibel gefunden. Und doch ist es so viel.

Wenn wir singen: „Wir glauben Gott im höchsten Thron“, dann ist auch das nur ein Bild, das letztlich nicht mit der Realität übereinstimmt. Augenzwinkernd redet der Prophet von dem Meister, der sich bemüht ein Bild zu machen, das nicht wackelt. Aber es wackelt eben doch immer wieder, wie schön oder geschickt wir uns unseren Gott auch abbilden. Überraschendes passiert, Wunder geschehen. Jedes Wundern und Staunen ist doch letztlich das Eingeständnis, dass ich es so habe nicht vorhersehen oder ahnen können, dass ich zu klein, zu nichtig, oder zu kleingläubig war, darauf zu hoffen. Zu vertrauen, dass Frieden wird, dass ein lieber Mensch bewahrt bleibt, dass Not und Armut ein Ende haben, das Gemeinde wächst. Gott sieht weiter als wir. Deshalb haben die Menschen ihn im Himmel oben verortet. Aber ist er nicht auch hier - neben dir oder mir? Die Menschen haben Gott auf einen Thron gesetzt, weil er alles lenkt und regiert. Aber ist er nicht auch im Geringsten unter unseren Brüdern? Wir malen ihn auf Bildern mit einem Strahlenkranz, ganz hell und im Licht. Aber ist er nicht auch bei uns, wenn es ganz dunkel ist in unserem Leben?

Auch im Evangelium von diesem Sonntag haben wir es gehört. Da ist nicht nur die gute Saat, da ist auch das Unkraut. Auch wenn es ein Neider, ein Böser, ein Feind eingestreut hat, es soll nach Gottes Willen wachsen. Wenn wir alle Kraft auf den Kleinkrieg auf diesem Feld, gegen dieses Unkraut ausrichten, dann kann das Gute nicht wachsen, dann verlieren wir das Ganze aus dem Blick. Dieses Tun ist nichtig. Gott weiß um das Unkraut, wenn es denn welches ist, und wird es zur rechten Zeit besiegen oder wird es zum Nutzen machen. Barmherzig, geduldig und gnädig ist Gott. Sollten wir es nicht auch sein?
Im nächsten Vers, der auf unseren Bibelabschnitt folgt, läuft das alles zusammen auf das „Er hat dich bei deinem Namen gerufen.“ Dort heißt es:
Hebet eure Augen in die Höhe und seht! Wer hat dies geschaffen? Er führt ihr Heer vollzählig heraus und ruft sie alle mit Namen; seine Macht und starke Kraft ist so groß, dass nicht eins von ihnen fehlt. Lassen wir uns also von ihm, dem Ewigen rufen. Unser Leben ist nicht ewig, aber auch nicht nichtig. Wir sind es wert, dass er unseren Namen kennt. Wir sollen nicht fehlen, wenn er seine Macht an der Welt erweist – zum Guten aller Menschen, jetzt und in Ewigkeit. Das glaube ich. Amen.


Wir hören und bedenken Worte aus dem Römerbrief Kapitel 14, Verse 7-9: Denn unser keiner lebt sich selber, und keiner stirbt sich selber: Leben wir, so leben wir dem Herrn; sterben wir, so sterben wir dem Herrn. Ob wir leben oder ob wir sterben, wir gehören dem Herrn. Denn dazu ist Christus gestorben und lebendig geworden, um Herr zu sein über Tote und Lebende.   Liebe Gemeinde, wenn wir in unserem Bibelabschnitt lesen: „Wir gehören dem Herrn.“, tut sich für mich die Frage auf: „Wem gehören wir eigentlich, wem wollen wir gehören? Spontan fiel mir das ein: Wenn wir verliebt sind, wollen wir ganz dem Geliebten gehören. „Wohin du gehst, will auch ich gehen... was mein ist, ist auch dein...“ Wir geben unsere Interessen und Gewohnheiten ein Stück weit für den Geliebten auf, helfen ihm, wo wir können, reiben uns auf für ihn, denken für ihn mit. Aber wenn wir ehrlich sind: Hoffen wir nicht ein bisschen, dass wir damit auf der anderen Seite auch über ihn verfügen? Verbinden wir damit nicht auch den Anspruch, dass er dasselbe auch für uns tut? Das einander Gehören bekommt da ein Geschmäckle von Entmündigung. Und das trägt ganz sicher nicht in die Zukunft. Rechte Partnerschaft will nicht besitzen. Das zeigen uns schon die Neugeborenen mehr als deutlich. Wenn das Paar nach der Geburt des Kindes wieder wie früher spät abends noch etwas feiern möchte und denkt, das Baby könne man einfach mitnehmen, wird das Paar sehr schnell merken, dass dieser kleine Mensch lauthals seiner Unzufriedenheit Ausdruck verleiht und seinen Eltern mit Unruhe und Quengeln deutlich macht: „Ihr könnt mit mir nicht machen, was ihr wollt. Ich bin nicht irgend ein Gegenstand, den ihr besitzt.“ Dennoch gehört das Kind zu seinen Eltern. Der geliebte Mann gehört zu der geliebten Frau. Aber es geht nicht um Besitz. Das Zugehörigsein hat etwas mit Verantwortung zu tun. So wie ich als Besitzerin eines Autos verantwortlich bin, wenn durch mein Fahrzeug irgendwo Schaden entsteht, so wie ich in allem mit meiner Aufsichtspflicht verantwortlich bin für die „Schandtaten“ meiner minderjährigen Kinder bin, so muss ich verantwortlich umgehen mit dem Menschen, der mir vertraut. Ich muss Rücksicht nehmen auf seine Interessen, seine gesundheitliche Unversehrtheit, seine eigene Entwicklung in beruflicher und persönlicher Hinsicht. Auf diese Weise gehören wir als getaufte Christen zu Jesus. Aber was heißt das, wenn da in unserem Bibelabschnitt steht, dass wir im Leben wie im Sterben dem Herrn gehören? - Ja, in der Taufe haben wir uns, oder haben uns unsere Eltern ganz in den Machtbereich Jesu übergeben. Eltern und Paten haben stellvertretend für uns die Verantwortung für unser Leben an Gott zurückgegeben. In der Konfirmation haben wir dem selbst zugestimmt. Wenn wir das für uns als Erwachsene so bestätigen oder für unsere Kinder so bestimmen, dann steckt dahinter die Hingabe an den Stärkeren, der unserem Glauben gemäß es gut mit uns meint, der die Macht hat uns zu behüten, zu fördern und zu leiten. In der Taufe findet dieses „so gehören wir dem Herrn“ seinen Ausdruck, wenn dem Täufling ein Wort der Bibel zugesprochen wird. Das häufig gewählte „Der Herr hat seinen Engeln befohlen, dass sie dich behüten auf allen deinen Wegen“ birgt ja die Vorstellung, dass dieser Gott mit allen himmlischen Heerscharen alles dafür einsetzen soll, dass es dem Kind, das wir ihm anvertrauen, gut geht. - Wir können uns auf ihn verlassen. Das haben seine Zeugen über Jahrhunderte bestätigt. Aber können wir über Gott verfügen und ihm das Kind einfach mit diesem fordernden Spruch „in den Arm legen“? Ich denke, dass da doch noch mehr dazugehört. Einerseits erhalten wir die Zusage: „In der Taufe nimmt Gott das Kind an.“, Gott übernimmt die Verantwortung für sein Kind, dessen Leben er gewollt hat. Aber dann muss auch von der anderen Seite diese Zugehörigkeit ihre Bestätigung finden, nicht nur im Wort. Der freie Wille des Täuflings wird seinen Weg durchs Leben bestimmen. Wenn meine Katze aus eigenem Antrieb des Nachts ihrer Wege gehen will, dann kann ich nicht auf sie aufpassen. Es sei denn, ich sperre sie ein. So geht es auch Gott mit seinen Kindern. Er sperrt sie nicht ein, muss sie eigener Wege gehen lassen, auch wenn es Wege sind, die fort von ihm führen. Aber er bleibt treu seinem Wort verantwortlich für sein Eigentum. Wenn wir zu ihm zurückkehren, nimmt er uns wieder an. Barmherzig, geduldig und gnädig ist er, so sagt es die Schrift. Die Freiheit zur eigenen Entscheidung ist für uns Menschen wichtig. Wir haben am Anfang über das Liebespaar nachgedacht. Nur wenn sich beide gewisse Freiheiten in den Entscheidungen und Lebensäußerungen lassen, unterschiedliche Meinungen akzeptiert werden, kann die Partnerschaft sich entwickeln und ein wirkliches, gleichberechtigtes Miteinander entstehen. Auch bei den Kindern ist es nicht anders: Wenn die Kinder in sehr engen Bahnen erzogen werden, nicht nach ihren eigenen Wünschen und Bedürfnissen gefragt, nicht in die Entscheidungen der Familie einbezogen werden, dann kommt es früher oder später dazu, dass die Kinder im unbeobachteten Moment „über die Stränge schlagen“, den Weg aus der Abhängigkeit von der Familie heraus suchen und so bei schlechten Freunden, Drogen oder in der Abhängigkeit eines vorschnell gewählten Lebenspartners landen. Wie oft finden diese Kinder nie wieder in ihre ursprüngliche Familie zurück? Die Verantwortung der Eltern für ihr Kind endet mit der Volljährigkeit – dem Gesetz nach zumindest. Die Verantwortung für einen erworbenen Gegenstand endet mit dem Wiederverkauf oder der sachgerechten Entsorgung. Die Verantwortung Gottes für den Getauften endet nicht. In dem Sinne gehören wir ihm – und das im Leben und im Sterben und auch danach. Das unterscheidet von dem weltlichen Verständnis von „Gehören“. Gut zu wissen, dass ich Gott gehöre, am Anfang meines Lebens und auch am Ende. Gerade am Ende des Lebens ist das ein besonderer Zuspruch und Trost. Wenn der Tod eines Tages nach mir greift, dann wird Christus ihm entgegentreten: „Sie gehört mir und nicht dem Tod. Dazu bin ich gestorben und von Gott auferweckt worden, damit alle, die mir gehören, mit mir leben werden. Dieses Menschenkind trägt mein Wasserzeichen, mit dem es in der Taufe gekennzeichnet wurde. Es gehört zu mir. Es gehört dem Leben bei Gott und nicht dem Tod.“ Gut zu wissen, dass ich Gott gehöre, am Anfang des Lebens und am Ende, und mitten im Leben auch. Das macht mich frei von der Macht anderer Menschen. Wenn Christus der Herr in meinem Leben ist, dann ist er der Bestimmer und nicht andere Menschen. Es ist doch kein Zufall, dass so viele Menschen sich zum Widerstand gegen Adolf Hitler und sein Regime entschlossen haben, dies aus ihrem Glauben heraus taten: Dietrich Bonhoeffer, Graf von Moltke oder die Geschwister Scholl zum Beispiel. Sie folgten nicht Führer und Vaterland, sondern richteten ihr Leben nach dem Glauben aus. Das gab ihnen die Freiheit zu sagen: „Nein, mit mir nicht!“ Wenn Christus der Herr in meinem Leben ist, dann macht mich das frei. Ich gehöre ihm und nicht einer Ideologie ,einem System, nicht meinem Chef und auch nicht meinem Lebenspartner oder meinen Eltern oder meiner Clique – übrigens auch nicht einer Kirche, Sekte, Religionsgemeinschaft. Ich muss mich nicht verbiegen, um anerkannt zu werden. Ich bin so frei – ich bin schon wer. Ich bin Gottes geliebtes Kind. Für mich ist Christus gestorben und auferstanden. Ich bin mit seinem Geist beschenkt. So, und da setzt jetzt auch meine Verantwortung als Christin ein. Wenn ich mich Gott anvertraue, das Geschenk des Geistes annehme, auf seine Hilfe und Führung traue, dann hat das auch Folgen für mein Handeln. Wenn ich vor einer Entscheidung stehe in meinem Leben, dann tue ich gut daran, zu fragen: „Was würde Jesus tun?“ „Wie lautet Gottes Wille?“ „Was steht in der Bibel?“ So wie es in einer gelingenden Partnerschaft und in einem guten Eltern-Kind-Verhältnis ist, dass nämlich der eine weiß, was der andere will und in Freiheit und Verantwortung so entscheidet, dass beide damit leben können, so soll es auch für uns Christinnen und Christen im Verhältnis zu Gott sein. Und dazu gehört es, zu lernen, was er uns in der biblischen Botschaft sagen will, ihn im Gebet nach seinem Willen zu fragen, in der Gemeinde den Umgang miteinander zu üben und sich in seinen Dienst zu stellen in dem Bewusstsein: Ich hab aus reinem Triebe sein Eigentum zu sein gewagt. Das macht uns wirklich frei. Amen.



Wir hören einen Abschnitt aus dem 1. Petrusbrief, Kapitel 5,5-11: Alle aber miteinander haltet fest an der Demut; denn Gott widersteht den Hochmüti­gen, aber den Demütigen gibt er Gnade. So demütigt euch nun unter die gewaltige Hand Gottes, damit er euch erhöhe zu seiner Zeit. Alle eure Sorge werft auf ihn; denn er sorgt für euch. Seid nüchtern und wacht; denn euer Widersacher, der Teufel, geht umher wie ein brüllender Löwe und sucht, wen er verschlinge. Dem widersteht, fest im Glauben, und wisst dass eben dieselben Leiden über eure Brüder in der Welt gehen. Der Gott aller Gnade aber, der euch berufen hat zu seiner ewigen Herrlichkeit in Christus Jesus, der wird euch, die ihr eine kleine Zeit leidet, aufrichten, stärken, kräf­tigen, gründen. Ihm sei die Macht von Ewigkeit zu Ewigkeit! Amen. Kennen Sie eigentlich das Café Sorglos in Villingen-Schwenningen? Ich denke, die Mehr­zahl eher nicht. – Das Café Sorglos ist eine Einrichtung der Gewerkschaften, der Stadt, des Diakonischen Werkes und anderer karitativer Einrichtungen im Landkreis. Ort des Cafés ist zum Beispiel eine Wär­mestube in Schwenningen. Aber es ist eben mehr als nur das. Aufwärmen, wenn man auf der Straße lebt, das ist natürlich ganz zentral, aber die Einrichtung kann mehr, der Personenkreis, der dort ein- und ausgeht ist viel größer. Es gibt Kaffee, Kuchen, warme Mahlzeiten für wenig Geld. Es gibt Gespräche und Bera­tung für alle, die das brauchen, vor allem Langzeitarbeitslose. - Es ist eine Einrichtung für alle, die Sorgen haben, Sorgen, ob sie mor­gen noch genug zu essen haben, ob sie sich eine ärztliche Behandlung und Medi­kamente leisten können, wo sie ihre Kinder unterbringen können, wenn sie auf Ar­beitssuche gehen, wie sie ihre Sucht bekämpfen können, oder wenn sie sich ein­fach nur einsam fühlen.Alle eure Sorgen werfet auf ihn.“ Das ist die Mitte unseres Bibelabschnittes. Für mich sind Einrichtungen wie das Café Sorglos und ihre haupt- und ehrenamtli­chen Mitarbeiterinnen das Bild dafür, wie Menschen ihre Sorgen formulieren, ab­geben, teilen können. So wie Jesus vorbehaltlos alle Menschen angenommen und sich ihre Anliegen zu eigen gemacht hat, so handeln Menschen auch heute noch diakonisch, einfach so. Manche gehen ins Café Sorglos nicht, weil sie ein warmes Essen suchen oder konkrete Hilfe brauchen, sondern weil sie Gemeinschaft su­chen, etwas sinnvolles tun wollen. Und so werden sie zu Gesprächspartnern, Rat­gebern und Helfern – ganz spontan, aber von ganzem Herzen, weil jemand zufällig seine Sorgen auf diesen Nächsten geworfen hat. Und das tut gut – beiden. Am Anfang haben wir von der Demut gehört. Demut, manche meiner Schüler kön­nen mit dem Begriff nichts anfangen. „Was ist Demut?“, immer wieder begegnet mir die Frage. Die Antwort fällt mir nie ganz leicht, denn es ist doch sehr vieles, was dazugehört. Wir versuchen das dann immer gemeinsam zu entwickeln. „Mut“ das steckt in dem Wort, und ich denke, dass das nicht ganz falsch ist hier von Mut zu reden. Wenn unser Beispiel von der Wärmestube etwas mit Demut zu tun hat, dann ganz gewiss auch etwas mit Mut. Es ist nicht ganz einfach, öffentlich zuzuge­ben, dass man arm, bedürftig oder anders in Not ist. Der Schritt auf ein Hilfsange­bot hin ist immer mit Mut verbunden, und sei es der Mut der Verzweiflung. Ich muss zu mir und meiner Situation stehen. Ich muss meinen Stolz beiseite legen. Und das ist es, was wir „demütig“ nennen. Der Demütige erkennt, dass es so wie bisher nicht weiter geht, dass etwas geändert werden muss, dass er es allein nicht schafft.Hochmut“ ist das Gegenteil von „Demut“. Hochmut ist zur Schau gestellte Stär­ke, die sicher vorhandene Schwächen verbergen soll. Hochmütige prahlen mit ih­ren Reichtum, Erfolg, Besitz, Fähigkeiten, Intelligenz, Kraft oder was immer Men­schen so zu bieten haben – übrigens auch die Demütigen, nur sie reden nicht drü­ber. Und so müssen diese Dinge – muss der Hochmut auch im Café Sorglos vor der Tür bleiben. Die Mitarbeiter und auch die, die zufällig mal vorbeikommen, legen den Hochmut ab, werden auch demütig, weil etwas ganz anderes zählt: die Hilfe und die liebevolle Zuwendung für den Nächsten. Können wir vor dem Hintergrund die ersten Verse aus unserem Bibelabschnitt besser hören? Alle aber miteinander haltet fest an der Demut; denn Gott widersteht den Hochmüti­gen, aber den Demütigen gibt er Gnade. So demütigt euch nun unter die gewaltige Hand Gottes, damit er euch erhöhe zu seiner Zeit. Alle eure Sorge werft auf ihn; denn er sorgt für euch. Die „gewaltige Hand Gottes“ - das passt noch nicht so wirklich, wenn ich eben von diakonischem Handeln geredet habe. Nein, die Kirche, die Einrichtungen der Dia­konie sollen nicht die gewaltigen – schon gar nicht die gewalttätigen - Hände Gottes sein. Das wäre schlimmstes mittel­alterliches Verständnis. Nein, die Armen, die Mühseligen und Beladenen stehen gemeinsam mit den sogenannten Starken demütig vor den Situationen, die uns im Leben begegnen. Gott kann und will helfen. Er ist stark, er kann das Böse über­winden. Wir brauchen nur den Mut uns helfen zu lassen, bzw. uns als Helfende in seinen Dienst zu stellen. Dann sind wir seine Hände, dann spüren wir seine Hän­de, die sich nicht gegen uns, sondern gegen das Böse wenden. Wenn wir uns ihm im Gebet und in unserer Verantwortung füreinander unterstellen, mutig das tun, was seinem Willen entspricht, dann werden wir herausgehoben aus der Verzweif­lung am eigenen und fremden Leid. Dann werden wir erhöht. Ein konkretes Beispiel: Eine Rentnerin, verwitwet, die Tochter weit entfernt, gera­de ist sie in eine Alteneinrichtung gezogen. Manches ist noch zu tun in der neuen Wohnung, professionelle Handwerker sind zu teuer bei der kleinen Rente, der Hausmeister hat schon so viel getan – und sicher erwartet auch er ein Trinkgeld. Und weil auch sonst die Rente nicht weit reicht, nimmt sie Angebote der Diakonie wahr, das Café Sorglos, den Arbeitslosentreff und anderes. Sie hilft praktisch mit, redet mit den Menschen, überwindet Einsamkeit, erkennt Sinn in der Arbeit, kann Ratschläge geben, denn ihr Leben war auch nicht immer leicht. So lernt sie auch den jungen arbeitslosen Elektriker kennen. Sie lädt ihn ein, kocht für ihn – hört ihm zu bei seinen Eheproblemen und ganz nebenbei repariert er die Lampen, in­stalliert den Fernseher und streicht eine Wand und richtet die Schranktür. Am Abend des Tages haben beide das Gefühl, geholfen zu haben und dass ihr Leben einen Sinn hat – und das ist nicht nur ein Gefühl, das ist wirklich so. Dazu brauchten sie beide fast kein Geld, nur den Mut aufeinander zu zu gehen, sich für­einander zu öffnen die Sorgen zu teilen. Das meint auch der Schreiber des Petrus­briefes, wenn er sagt: ... und wisst dass eben dieselben Leiden über eure Brüder in der Welt gehen. Nur hier habe ich jetzt den Anfang des Satzes unterschlagen: Dem widersteht, fest im Glauben, nämlich dem Widersacher, dem Teufel, der umher geht wie ein brüllen­der Löwe und sucht, wen er verschlinge. Was ist nun damit gemeint? Ich denke, das sind die Kräfte, die uns in die Indivi­dualisierung treiben wollen, die Demut verhindern, Hochmut fördern wollen. „Geld, Gold, ein sorgenfreies Leben“, hieß es einmal in der Werbung für eine Lot­terie. Das Rund-um-sorglos Paket ist ja schon zum geflügelten Wort geworden. Stammt es eigentlich aus einer Versicherungswerbung, oder war es eine Bauspar­kasse oder doch etwas ganz anderes, ein Auto vielleicht? Wie auch immer, da ist er der brüllende Löwe, der uns weismachen will, dass das Leben einfach und schön sein kann, wenn man nur auf XY vertraut... Aber Lotte­rien, Bausparkassen oder Versicherungen befreien uns nicht wirklich von unseren Sorgen. Geld kann manche Ängste beruhigen, ja, aber Sorgen haben wir dann im­mer noch. Und ich denke, Sorgen haben ist menschlich. Wir sorgen uns um Freunde, von denen wir lange nichts gehört haben, um kranke Verwandte, um die Zukunft unserer Kinder, die politische und wirtschaftliche Zukunft unserer Stadt und unseres Landes ... Es gibt so vieles. Wer Gefühle hat und sie zulässt, der hat auch Sorgen. Wer sich engagiert und Pläne hat, hat auch Sorgen. Das, wovor unser Briefschreiber warnt, sind nicht die Sorgen, sondern er warnt uns vor denen, die vorgaukeln sie uns nehmen zu können. Versprechungen von Reichtum, Sicherheit und Besitztum sind das eine, schnelle Lösungen von kleinen und großen Problemen das andere. Brüllende Löwen, die Arbeitsplätze, Wirt­schaftswachstum, Bildung, Kriminaltitätsbekämpfung versprechen, gibt es viele heutzutage – schlagen Sie nur die Zeitung auf, machen Sie den Fernseher an. Da finden Sie dann auch gleich noch Rat, wie die Wohnung schöner wird, wie Sie den Mann fürs Leben finden und sich erfolgreich um einen Traumjob oder Ausbil­dungsplatz bewerben, oder gar zum Superstar werden. Seid nüchtern und wachsam! Es geht nicht um die Versprechungen, nicht um ein sorgenfreies Leben, nicht um Selbstbespiegelung und Stolz. Es geht darum, das Leben anzunehmen mit Sorgen, Bedrängnissen und Krankheiten, mit Niederlagen und Fehlern. Menschliches Leben ist nicht perfekt. Aber menschliches Leben ist ein Leben, das sich an Gemeinschaft orientiert, das den anderen sieht und mit ihm teilt – Sorgen und Freuden. Christen haben zu allen Zeiten solche Gemeinschaften gelebt. „Wie geht es dir?“, das ist die Frage, die eine ehrliche Antwort sucht. Der Gott aller Gnade aber, der euch berufen hat zu seiner ewigen Herrlichkeit in Christus Jesus, der wird euch, die ihr eine kleine Zeit leidet, aufrichten, stärken, kräf­tigen, gründen. Das wird er tun in dem Bruder, der Schwester, in der Gemeinschaft der Christen hier und weltweit. Wenn wir unsere Sorgen Jesus Christus anvertrau­en, im Gebet, im Gespräch in der Gemeinde oder im Café Sorglos, dann bricht da­mit ein Stück mehr von Gottes Reich in dieser Welt an, für mich und dich und für alle. Amen.



Liebe Gemeinde,
… „Er ist nicht da!“, vielleicht haben Sie das ja heute Morgen schon gesagt, leise gemurmelt oder auch nur gedacht, als Sie hier in die Kirche kamen. Und wenn nicht - Sie kennen das: Wir kommen hinein in den vertrauten Raum, gehen wie selbstverständlich zu „unserem“ Platz – und dann – ja dann sind da ganz selbstverständlich die Menschen, die wir dort immer treffen, auf die wir uns gefreut haben. Wenn der Platz neben mir frei bleibt, fehlt etwas. Der Raum um uns wirkt plötzlich fremd, leer, viel zu groß. Vielleicht wissen wir ja: „Ach so, sie besucht ja heute ihre Kinder.“ - „Er ist verreist.“ - „Die Frau ist im Krankenhaus.“ oder ähnliches. Aber wie fühlen wir uns, wenn wir nicht wissen, warum der Platz neben mir leer blieb? Da spielt es keine Rolle, wie viele andere da sind, irgendwie ist Kirche leer. Und andersherum: Wenn die Person, auf die ich mich gefreut habe da ist, ist es fast egal, wie viele oder wenige andere noch da sind. Ich fühle mich wohl, alles ist gut. Mit der vertrauten Person an meiner Seite kann ich erfassen, wie schön und groß der Raum ist, wie breit und lang, ich kann die anderen Menschen wahrnehmen als Mitfeiernde, höre sie singen und beten. Der Freund eröffnet mir erst den Zugang. Mit ihm an der Seite bin ich eingewurzelt in die Gemeinschaft.
Dieser Wunsch nach Gemeinschaft drückt sich in dem Kinderspiel „Mein linker, linker Platz ist leer, ich wünsche mir die Lilli her..“ ebenso aus, wie in dem kurzen enttäuschten Bericht: „Es war niemand da!“ Und wenn wir dem nachgehen, stellen wir fest, dass die Frau, die das gerade sagte, mit hunderten von Mitbürgern auf einem Neujahrsempfang war, aber eben den lieben, vertrauten Menschen, den sie gern gesehen und gesprochen hätte, nicht getroffen hat. Dabei spielt es nicht einmal eine Rolle, ob derjenige, der mir da fehlt, ein besonders guter Freund ist, oder ob es nur eine Bekanntschaft ist, die sich genau auf diesen Ort und diesen Anlass bezieht. Wenn er oder sie nicht da ist, beginne ich mir Sorgen zu machen. Aber auch wenn ich weiß, dass die Sorgen unbegründet sind, denke ich trotzdem daran, ob es ihr oder ihm gut geht. Vielleicht wünsche ich ihn einfach neben mich. Lasse meine Gedanken zu ihm gehen. Vielleicht höre ich ihn singen, so wie ich ihn sonst neben mir höre. Beim Gebet schließe ich ihn mit ein. In der Predigt spüre ich, wie er bei bestimmten Stichworten auf der Bank umherrutscht, unruhig wird. Mir fällt ein, dass er letzte Woche beim Aufstehen Schwierigkeiten hatte, ob das wohl wieder besser ist? Es ist erstaunlich, wie wir mit solchen Methoden uns über die Leere hinweghelfen können. Das geht manchmal ganz von allein. Und ganz gewiss kennen Sie dies nicht nur aus der Kirche, sondern auch vom Arbeitsplatz, dem Markt am Samstagmorgen, dem Vereinsabend oder der Arztpraxis.
Und eben so ging es auch den Jüngerinnen und Jüngern Jesu. Noch vor Kurzem durften sie erfahren: Der Auferstandene ist wieder da. Mitten unter ihnen wurde er gesehen. Spürbar war er da. Und jetzt? Zum Himmel aufgefahren ist er. - So weit weg! Nein, Sorgen machen, ist nicht wirklich nötig. Mit trostreichen Worten hatte er sich verabschiedet. Er hat ihnen sogar versprochen, den Heiligen Geist, den Tröster zu schicken... Aber was nutzt das. Er ist nicht da. Ich muss den Weg allein gehen, er erscheint mir viel weiter als sonst. Irgendwie sind die anderen so weit weg von mir. Wie soll ich mich verhalten? Irgendwie entwurzelt. Wie soll ich mich verhalten? - Dazu haben wir im Evangelium gehört, was Jesus seinen Jüngern selbst gesagt hat: Liebt ihr mich, so werdet ihr meine Gebote halten. Und ich will den Vater bitten, und er wird euch einen andern Tröster geben, dass er bei euch sei in Ewigkeit: den Geist der Wahrheit, den die Welt nicht empfangen kann, denn sie sieht ihn nicht und kennt ihn nicht. Ihr kennt ihn, denn er bleibt bei euch und wird in euch sein. Eindeutiger geht es nicht. Wenn die Jünger seine Gebote halten, ihn lieben, dann wird sein Geist unter ihnen sein. Sie werden abgegrenzt von der übrigen Welt und wachsen zusammen in seinem Geist, dem Geist der Wahrheit. Sie kennen sich untereinander, beten und singen, loben Gott miteinander und halten untereinander seine Gebote. Dann kann Jesu Geist in ihrer Mitte sein. Dann hören und spüren sie ihn, als sei er da. Das einander Kennen, das ist Jesus wichtig. Dann ist keiner allein, dann ist Freiheit da zum Atmen, zum Wahrnehmen, zum Ausmessen und Testen der Dimensionen, zum Aufeinanderzugehen.
Und das, was Jesus bei der Himmelfahrt seinen Jüngern zugesagt hat, gilt für die christlichen Gemeinden in aller Zeit und an allem Ort. Und hier sollten wir nun den Bibelabschnitt für den heutigen Sonntag hören. Es ist ein Abschnitt aus dem Brief an die Gemeinde in Ephesus. Wir hören, was dem Apostel für seine Gemeinde wichtig war. Er kann nicht bei ihnen sein, ruft sie aber auf, den Geist Gottes unter sich wirken zu lassen in der Gemeinde. Er gibt ihnen Anweisungen und wünscht ihnen, dass sie erfahren: Ich bin nicht allein. Er betet für sie und mit ihnen. Auch wenn er nicht da ist, können sie ihn hören, wissen, wie er auf sie einging, mit ihnen sprach, als er sie besuchte, ihre Gemeinde gründete. Hören wir also sein Gebet, das er im Brief an die Epheser schickte.
Deshalb beuge ich meine Knie vor dem Vater, der der rechte Vater ist über alles, was da Kinder heißt im Himmel und auf Erden, dass er euch Kraft gebe nach dem Reichtum seiner Herrlichkeit, stark zu werden durch seinen Geist an dem inwendigen Menschen, dass Christus durch den Glauben in euren Herzen wohne und ihr in der Liebe eingewurzelt und gegründet seid. So könnt ihr mit allen Heiligen begreifen, welches die Breite und die Länge und die Höhe und die Tiefe ist, auch die Liebe Christi erkennen, die alle Erkenntnis übertrifft, damit ihr erfüllt werdet mit der ganzen Gottesfülle. Dem aber, der überschwänglich tun kann über alles hinaus, was wir bitten oder verstehen, nach der Kraft, die in uns wirkt, dem sei Ehre in der Gemeinde und in Christus Jesus zu aller Zeit, von Ewigkeit zu Ewigkeit!
Der Apostel betet darum, dass Christus in den Herzen der Gemeinde wohne. Welch ein schönes Bild! Durch den Geist soll der inwendige Mensch stark werden, so stark, dass er nicht allein, einsam sein muss, sondern Jesus selbst Platz darin findet, mit ihm geht und ihm die Welt eröffnet. „Ich möcht, dass einer mit mir geht...“, so singen die Kinder manches Mal. Ja, Jesus geht mit uns, in uns und in unserem Nächsten. In dem Gegenüber, in dem Menschen neben uns, da will er sein. Mag der andere äußerlich noch so fremd sein, Jesus lebt in ihm. Wenn ich mich darauf einlasse, begleitet er mich, bin ich nicht mehr allein. Mit „allen Heiligen“, also allen, die Jesus Raum in ihrem Leben geben und an ihn glauben, kann ich die Tiefe, Länge, Breite, Höhe des Raumes erfassen und durchmessen. Ich bin nicht allein, ich bin eingewurzelt und kann in der Fremde nicht fallen. Der Grund für die Wurzelbildung wird auch genannt: Es ist die gegenseitige Liebe. Wenn ich sie spüre, dann ist alle Erkenntnis und damit auch alle Angst überwunden. Nichts ist mehr zu hoch, zu tief, zu weit, zu lang. Gottes Liebe im Nächsten trägt mich wie auf Flügeln der Morgenröte. So ist es nun an uns, diese Liebe in uns und unter uns wohnen zu lassen. Damit meine ich zunächst nicht nur hier in der Kirche, sondern überall. In der Nachbarschaft, in Vereinen, auf Marktplätzen wie im Metzgergeschäft, vor allem am Arbeitsplatz oder dem Flur des Arbeitsamtes, überall sind Christen, die Gottes Liebe weitertragen und die Welt so ein Stück „wohnlicher“ machen. Wir sind es, die den anderen Kraft und Mut geben können, sie begleiten und ihnen helfen können, die Welt zu erfassen, mit den Problemen umzugehen. Wir können ihnen das Gefühl geben: „Du bist nicht allein!“ Und das ist keine große Aufgabe, aber eine wichtige, lebenswichtige.
Uns auf diese Aufgabe vorzubereiten, uns zu stärken und das Verhalten zu üben, ist die christliche Gemeinde ein guter Ort. Im Vertrauen darauf, dass der eine Glaube uns zusammenführt und eint, können wir über manches Trennende, wie unterschiedliche Herkunft, anderen Bildungsstand, die Vergangenheit, Fettnäpfchen und manches Gerede hinwegsehen und mutig ein Miteinander erproben: Das beginnt mit dem freundlichen Blick zum Nachbarn. Das geht weiter im Aufeinanderzugehen. Das ist ein nettes Wort, ein „Wie geht es dir?“. Das ist eine Postkarte, die sagt: „Ich denke an dich.“ - Eine Einladung zum Kaffee, ein gemeinsamer Spaziergang (vielleicht nachher von der Kirche nach Hause?) lassen Gemeinschaft, Gemeinde wachsen. Und das gibt Sicherheit, wenn es darum geht, die Inhalte des Glaubens zu erfassen, zu begreifen, zu verinnerlichen. Ich wünsche allen christlichen Gemeinden und allen Menschen, dass keiner an keinem Tag mit dem schalen Gefühl nach Hause geht: „Es war niemand da.“ Und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen. Amen.


Das Wort der Bibel, das wir am Sonntag Reminiszere bedenken, ist ein Abschnitt aus dem Brief des Paulus an die Römer. Im 5. Kapitel finden wir in den Versen 1-11:
Da wir nun gerecht geworden sind durch den Glauben, haben wir Frieden mit Gott durch unsern Herrn Jesus Christus; durch ihn haben wir auch den Zugang im Glauben zu dieser Gnade, in der wir stehen, und rühmen uns der Hoffnung der zukünftigen Herrlichkeit, die Gott geben wird. Nicht allein aber das, sondern wir rühmen uns auch der Bedrängnisse, weil wir wissen, dass Bedrängnis Geduld bringt, Geduld aber Bewährung, Bewährung aber Hoffnung, Hoffnung aber lässt nicht zu Schanden werden; denn die Liebe Gottes ist ausgegossen in unsre Herzen durch den heiligen Geist, der uns gegeben ist. Denn Christus ist schon zu der Zeit, als wir noch schwach waren, für uns Gottlose gestorben. Nun stirbt kaum jemand um eines Gerechten willen; um des Guten willen wagt er vielleicht sein Leben. Gott aber erweist seine Liebe zu uns darin, dass Christus für uns gestorben ist, als wir noch Sünder waren. Um wie viel mehr werden wir nun durch ihn bewahrt werden vor dem Zorn, nachdem wir jetzt durch sein Blut gerecht geworden sind! Denn wenn wir mit Gott versöhnt worden sind durch den Tod seines Sohnes, als wir noch Feinde waren, um wie viel mehr werden wir selig werden durch sein Leben, nachdem wir nun versöhnt sind. Nicht allein aber das, sondern wir rühmen uns auch Gottes durch unsern Herrn Jesus Christus, durch den wir jetzt die Versöhnung empfangen haben.
Liebe Gemeinde,
 „Er lebt im Frieden mit sich und der Welt.“ .- Wer kann das schon von sich selbst sagen. Aber doch, es gibt sie, diese Menschen. Friedlich, geduldig, voller Liebe, genügsam, großzügig... Es gibt sicher noch viele Eigenschaftswörter, die solche Menschen beschreiben. Wer sind sie? Kennt nicht jeder von uns – vielleicht mit etwas Nachdenken – so jemand? Vielleicht sind Sie ja selbst so? Wie auch immer, die Menschen, die mir dabei in den Sinn kommen, sind auch oft solche Menschen, die Schlimmes erlebt, oder Schweres vor sich haben. Da fällt mir die Frau ein, die ihre Kinder nach gescheiterter Ehe allein durchbringen musste. Ich denke an den Mann, dessen Frau an einer unheilbaren Krankheit leidet und sichtlich verfällt. Da ist der Krebskranke, der noch wenige Monate zu leben hat. Und dann ist da die alte Frau, die im Krieg nicht nur Haus und Hof, sondern auch ihre Würde eingebüßt hat. All das ist Bedrängnis. All das ist eigentlich nicht Frieden. Und doch – diese Menschen, die sich mit dem Unabänderlichen abfinden, die das Schreckliche sehen oder gesehen haben, die sind es, die Frieden ausstrahlen. Wie kommt das? - Mit den Worten unseres Bibelabschnittes müssen wir antworten: „... wir wissen, dass Bedrängnis Geduld bringt, Geduld aber Bewährung, Bewährung aber Hoffnung, Hoffnung aber lässt nicht zu Schanden werden; denn die Liebe Gottes ist ausgegossen in unsre Herzen durch den heiligen Geist, der uns gegeben ist.“ Das unabänderlich Grausame, das da vor uns oder hinter uns liegt, oder uns aktuell bedrängt, fordert heraus. Es ist schwer zu sagen, aber es ist eben die einzige weiterführende Antwort, die wir geben können: „Das ist denn so!“ Geduldig müssen wir sein. Bei Hiob heißt es so schön, als ihn seine Geschwüre jucken: „Er nahm eine Scherbe und schabte sich.“ Hadern, die Frage nach Gerechtigkeit, das bringt nicht weiter. Es ist so. Die Welt, mein freier Wille, das Böse, die Feinde... Schuldige finden wir immer und überall. Aber das macht es nicht besser für mich – der Frieden wäre weiter entfernt denn je. Neben dem Leiden müsste ich mich auch noch auseinandersetzen mit denen, denen ich die Schuld zuweise. Freunde sind sie dann nicht mehr! Aber brauche ich nicht Freunde, wenn ich in Not bin? Noch schlimmer wird es, wenn ich Gott die Schuld zuweise. Will ich diesen Freund von mir trennen? Ich denke, der erste Schritt – so schwer er ist, ist wirklich das Akzeptieren der Bedrängnis. So wächst Geduld. In Geduld mich üben, das heißt, einen Schritt nach dem anderen machen, keine schnellen – vielleicht vorschnellen - Lösungen anstreben, mit anderen und im Gebet nachdenken und spüren, was als nächstes gut und richtig ist. Glauben und Vertrauen ist es, was sich hinter diesem Wort Geduld verbirgt. So bewährt sich die Entscheidung, das Unabänderliche zu akzeptieren. Geduld bringt Bewährung. In den kleinen Schritten, im Durchhalten, erkennen wir dann die kleinen Lichtblicke, die andere Seite der Dinge, die positiven Wendungen, die Kraft der Erfahrungen, den Ansporn, der aus kleinen Erfolgen erwächst. Das ist Hoffnung. - Und sie lässt nicht zu Schanden werden. Wer hofft, gibt nicht auf, hat nicht verloren. Er kann weiter gehen, über das Leid hinaus sehen. Das ist so wie beim Segen. Der, der seinen Segen gibt, sieht über das hier und jetzt hinaus und verheißt uns den Frieden. „Der Herr erhebe sein Angesicht über dich und gebe dir Frieden.“, heißt es im aaronitischen Segen, den wir immer wieder am Ende eines Gottesdienstes hören. Wer so gesegnet ist, hoffen darf und will, der sieht über den eigenen Tellerrand hinaus. Er stellt die eigenen Bedürfnisse hinten an und tut, was Frieden schafft: Die Frau stellt ihre Wünsche, ihre Karriere hinten an und gibt alles, damit es den Kindern gut geht. Der Mann kümmert sich liebevoll um seine Frau, auch wenn die Attraktivität der Jugend durch die Krankheit längst verschwunden ist. Der schwer Kranke gibt seine Erfahrungen im Durchstehen seiner Krankheit weiter in einer Selbsthilfegruppe. Die kriegstraumatisierte Frau tritt ein gegen Waffen und Kriege, gegen Hass und Unterdrückung in der Welt. An dieser Stelle möchte ich jetzt doch noch das aktuelle einfügen. - Ich habe mir ja lange überlegt, ob ich dazu etwas sagen soll, aber doch, es passt einfach gut: der Fall Käßmann. Auch durch persönliche Schuld kann Bedrängnis entstehen. Was die Bischöfin gemacht hat war nicht in Ordnung, darüber sind wir uns einig. Aber so sind Menschen, sie machen Fehler, manchmal schlimme Fehler, sie werden schuldig. Und dann ist es nur richtig, anzuerkennen, dass das so ist. Das hat Frau Käßmann gemacht und ist zurückgetreten. Schade, gerade hatte sie ihrem Amt Farbe gegeben, sich hinein gefunden. Nun, aber sie hat ihre Bedürfnisse hinten an gestellt, ihre Schuld anerkannt, dem gemäß gehandelt. Das werden viele als wohl tuend empfinden, die vielleicht wegen sehr viel geringerer Schuld ihren Job verloren haben. Frau Käßmann hat durch ihr Handeln möglichen Schaden in der Glaubwürdigkeit von ihrer Kirche abgewendet. Sie wird sich bewähren, Hoffnung ausstrahlen und so zum sozialen Frieden beitragen. Auch in diesem, ebenso wie in den anderen Beispielen drückt sich Liebe aus, Liebe zur Kirche, Liebe zur Mitmenschlichkeit – eine Liebe, die aus dem Leiden, der Bewährung, der Hoffnung erwächst. Und diese Liebe trägt über die aktuelle Bedrängnis hinaus, erfasst andere Bereiche des Lebens, andere Menschen. Diese Liebe ist es, die wir spüren, wenn wir solchen vom Leid – oft unsichtbar – gezeichneten Menschen treffen. Durch sie spüren wir Gottes Liebe, seinen Heiligen Geist, der ausgegossen ist zur Versöhnung und zum Frieden. Auch Paulus ist so ein Mensch. Auch er ist durch Leiden gegangen, Gefängnis, Verfolgung, Seenot, all das wird von ihm berichtet. Aber eines ist dabei noch wichtig zu beachten: Paulus sagt nicht „ich rühme mich“, sondern „wir rühmen uns“. Es geht um das kollektive Rühmen, die gemeinsame Freude. Nicht, dass wir uns an den Beschwernissen der anderen freuen sollen, das wäre zynisch. Nein, wir sollen uns rühmen, uns immer wieder gegenseitig der Freude versichern, dass wir es gemeinsam geschafft haben, den Geplagten das Akzeptieren, die Geduld, die Bewährung möglich zu machen, so dass von ihnen Friede ausgeht für alle. Dieses rechte Rühmen, das über den einzelnen hinaus geht, meint Paulus. Er nennt und richtet sich an die junge Christengemeinde in Rom. Sie ist in Bedrängnis durch das Römische Imperium. Sie können beim besten Willen dort kaum nach Gottes Geboten leben. Und da ist es Gott selbst, der den Menschen entgegenkommt. Durch Jesus Christus hat er seinen Friedenswillen den Menschen vor Augen geführt, in seinem Leiden und Sterben. Durch ihn hat Gott seine Liebe in die Herzen der Menschen gegossen. Wenn ein Mensch also wahrhaft Frieden findet – mit anderen, mit sich, mit Gott – so ist das eine Erfahrung, die sich aus diesem großen Geschenk an uns ergibt. Es ist Gott, der auf seine Ansprüche verzichtet, um Frieden zu schaffen. Diese Erfahrung des Beschenktseins versucht Paulus immer wieder ins Gedächtnis und Bewusstsein seiner Leser zu bringen. Denn sie ist letztlich Ausgangspunkt und Bedingung dafür, all die Bedrängnisse, Beschwernisse, Kummer und Sorgen des Lebens recht zu verstehen und die richtigen Konsequenzen daraus zu ziehen. Wenn das denn alles so einfach wäre! Ist es nicht heute bei uns so, dass meist alles damit anfängt, dass wir lernen und erfahren, dass Gott es gut mit uns meint, dass er sich uns zuwendet, vergibt und uns erlöst? Und wenn in dieses Gefühl des Beschenktseins ein Leid, eine schlimme Erfahrung, Not hinein bricht, dann können wir das kaum ertragen. Wir suchen nach unseren Fehlern, nach den Sünden der Welt. Wir fragen, warum Gott uns verlassen hat. Könnte es sein, dass das, was wir in der Gesellschaft wahrnehmen: Unfriede, Einsamkeit, schwindende Bedeutung des Glaubens und der Kirche, verfallende Werte – dass das ein Symptom unserer Nachfolge Jesu ist? Nehmen wir es deshalb als so belastend wahr, weil Gottes Verheißung so anders ist? Sollten wir nicht aufhören, das alles nur zu beklagen und wie Don Quichote dagegen anzukämpfen mit unseren kläglichen Mitteln? - Und diese Frage ist berechtigt und soll ja nicht zur Untätigkeit angesichts von Ungerechtigkeit und Leid aufrufen: Denn durch Jesus ist Gott auf uns zugekommen, hat uns gerecht gemacht, das heißt: Wir sind ihm so recht, wie wir nun einmal sind. Ein für alle Mal ist Jesus für uns gegeben. Sollten wir nicht einfach versuchen das alles, was uns heute anficht und bedrängt, zunächst einmal zu akzeptieren, wie es „denn so ist“? Daraus wächst nach Paulus Bewährung und damit der Zusammenhalt der Christen, daraus wächst Hoffnung und Liebe. In dieser Liebe werden wir im Heiligen Geist – auch als kleine, jämmerliche Schar – Wege finden, mutig die kleinen – und dann auch die großen und bedeutenden - Schritte zu gehen, Erfahrungen zu nutzen, Eitelkeiten und Besitz hinten an zustellen, etwas von Gottes verborgener Herrlichkeit auszustrahlen und letztlich Frieden zu schaffen – mit sich, Gott und der Welt. Amen.



Ja, - ein Gedicht, das ist es, was mir als erstes beim Betrachten des Bibelabschnittes für den heutigen Sonntag einfiel. Es ist ein Gedicht von Kurt Tucholsky, ein etwas freches Gedicht, aber es trifft. Kurt Tucholsky, schon älter geworden, erzählt es. Ich versuche ihn wiederzugeben, wie er zu mir oder einer anderen Frau spricht:
Du lernst ihn in einer Gesellschaft kennen.
Er plaudert. Er ist zu dir nett.
Er kann dir alle Tenniscracks nennen.
Er sieht gut aus. Ohne Fett.
Er tanzt ausgezeichnet. Du siehst ihn dir an ...
Dann tritt zu euch beiden dein Mann.
Und du vergleichst sie in deinem Gemüte.
Dein Mann kommt nicht gut dabei weg.
Wie er schon dasteht; du liebe Güte!
Und hinten am Hals der Speck!
Und du denkst bei dir so: »Eigentlich ...
Der da wäre ein Mann für mich!«
Ach, gnädige Frau! Hör auf einen wahren
und guten alten Papa!
Hättst du den Neuen: in ein, zwei Jahren
ständest du ebenso da!
Dann kennst du seine Nuancen beim Kosen;
dann kennst du ihn in Unterhosen;
dann wird er satt in deinem Besitze;
dann kennst du alle seine Witze.
Dann siehst du ihn in Freude und Zorn,
von oben und unten, von hinten und vorn ...
Glaub mir: wenn man uns näher kennt,
gibt sich das mit dem happy end.
Wir sind manchmal reizend, auf einer Feier ...
und den Rest des Tages ganz wie Herr Meyer.
Beurteil uns nie nach den besten Stunden.
Und hast du einen Kerl gefunden,
mit dem man einigermaßen auskommen kann:
dann bleib bei dem eigenen Mann!

Tja, eigentlich ist die Predigt jetzt fertig. Das ist die Aussage des Bibelabschnittes und seine Auslegung in Kurzform. - Aber so schnell lass ich Sie denn doch nicht gehen! Sie ahnen es schon, der Bibelabschnitt ist das bekannte Wort zur Trauung: „Was Gott zusammengefügt hat, das soll der Mensch nicht scheiden.“ Tucholsky drückt das so aus: Und hast du einen Kerl gefunden,
mit dem man einigermaßen auskommen kann:
dann bleib bei dem eigenen Mann!
Und da ist schon mal ein ganz wichtiger Aspekt angesprochen: ein Kerl, mit dem man einigermaßen auskommen kann. Hier ist die Grenze gesetzt: Einer, mit dem man nicht – oder nicht mehr auskommen kann, er ist nicht gemeint. Der Spruch von den Ehen, die im Himmel geschlossen und auf Erden geschieden werden, hat hier seine Berechtigung. Manchmal ist das eben so, dass sich Menschen so weit auseinander entwickeln, dass sie eben nicht mehr miteinander auskommen. Manchmal war jemand eigentlich schon vor der Hochzeit so ganz und gar anders als ich, aber wir waren verliebt, vielleicht haben wir zu schnell ja gesagt. All das ist Erde auf Erden. All das ist menschlich. All das fällt nicht unter das Wort von der Scheidung. Wir wünschen uns das Paradies auf Erden, aber nicht alle Ehen sind von Gott zusammengefügt, sind eben Erde auf Erden, manchmal leider auch Hölle auf Erden. Hüten wir uns also davor zu schnell Scheidungen abzulehnen, als böse oder unanständig hinzustellen! Aber dazu sollten wir uns jetzt doch einmal den Bibelabschnitt zum heutigen Sonntag anhören Mk 10,2-9.(10-16) : Und Pharisäer traten zu ihm und fragten ihn, ob ein Mann sich scheiden dürfe von seiner Frau; und sie versuchten ihn damit. Er antwortete aber und sprach zu ihnen: Was hat euch Mose geboten? Sie sprachen: Mose hat zugelassen, einen Scheidebrief zu schreiben und sich zu scheiden. Jesus aber sprach zu ihnen: Um eures Herzens Härte willen hat er euch dieses Gebot geschrieben; aber von Beginn der Schöpfung an hat Gott sie geschaffen als Mann und Frau. Darum wird ein Mann seinen Vater und seine Mutter verlassen und wird an seiner Frau hängen, und die zwei werden ein Fleisch sein. So sind sie nun nicht mehr zwei, sondern ein Fleisch. Was nun Gott zusammengefügt hat, soll der Mensch nicht scheiden. Und daheim fragten ihn abermals seine Jünger danach. Und er sprach zu ihnen: Wer sich scheidet von seiner Frau und heiratet eine andere, der bricht ihr gegenüber die Ehe; und wenn sich eine Frau scheidet von ihrem Mann und heiratet einen andern, bricht sie ihre Ehe. Ja, deutliche Worte findet Jesus. Da gibt es keinen Zweifel. Scheidung geht mit Ehebruch einher. Das ist so. Es ist den Menschen bestimmt, mit dem Partner oder der Partnerin, der/die von Gott mir zugeführt worden ist, wie ein Fleisch zu leben. Aber wenn wir es genau betrachten, dann verurteilt er ein Scheitern nicht. „Um eures Herzens Härte willen“, sagt er. Darum hat Mose den Scheidebrief zugelassen. Er verurteilt auch die Ehebrecherin in der sehr bekannten Geschichte nicht. „Wer ohne euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein..“. Jesus kennt die Verletzlichkeit unserer menschlichen Beziehungen. Er weiß, dass Ereignisse im Leben Menschen verändern. Solche Ereignisse sind oft schwer verkraftbar, Tod von Angehörigen, oft auch Kindern, schwere Krankheiten, wirtschaftlicher Ruin, Langzeitarbeitslosigkeit. Diese Dinge verändern mich und dich, verändern unser Leben, machen unser Herz hart. Das ist gemeint. Ein hartes Herz ist ein Leid geprüftes Herz, zwei harte Herzen, die sich nicht mehr erweichen lassen, weil sie einander immer wieder das schlimme Ereignis vor Augen führen. Hier gibt es für beide nur noch den einen Weg in die Freiheit: den Weg, den der andere nicht geht: Trennung. Und wenn sich dann andere Partner auf den Wegen finden, dann erweicht das die Herzen wieder, neues Leben, neue Liebe erwacht. Ja, wenn das so ist – könnte man ja jetzt sagen, warum sollte man denn dann an der Ehe so sehr festhalten? Warum bestätigt Jesus dann dieses Wort gegen Ehebruch, dieses Wort vom Zusammenbleiben? Nun, in der Zeit Jesu und – wie er sagt: von der Schöpfung an - war es ja so, dass die Ehen, die geschlossen wurden, vor allem eine Wirtschaftsgemeinschaft waren, die dem Fortbestehen des Stammes dienten. Die Arbeit in der Landwirtschaft war so viel, dass sie nur von zweien zu leisten war, und die Nachkommen mussten ja auch versorgt werden. Das zeigt auch das Wort, das Luther mit „zusammengefügt“ übersetzt hat: Eigentlich steht da „gemeinsam unter das Joch gespannt“. Wenn die Tiere, die gemeinsam den Wagen oder den Pflug ziehen, nicht gut aufeinander eingespielt sind, wenn gar einer davon ausfällt, dann fährt die Karre buchstäblich in den Dreck! In dieser Zeit war es eine Katastrophe, wenn einer der Partner starb. Eine Witwe – gar eine ohne Kinder – war dem Hungertod geweiht, oder sie fiel der Herkunftsfamilie oder der Stammesgemeinschaft zur Last. Wie viel weniger angesehen musste da eine geschiedene Frau sein, die an ihrem Los irgendwie auch noch Schuld war. Und auch der geschiedene Mann musste eine Helferin suchen. Wir brauchen nicht viel Fantasie um zu wissen, welche Verwerfungen das in der Stammesgemeinschaft hervorrufen konnte. In einer überschaubaren Gesellschaft dienten stabile Ehen dem Frieden und dem Fortbestand des Stammes. Aber auch heute sind stabile Ehen wichtig, vor allem, wenn Kinder da sind. Alle Mitglieder der Familie sind produktiver, kreativer, wenn sie glücklich sind, sich geborgen und versorgt fühlen und nicht immer an ihre Probleme denken müssen. Auch in Armut können Kinder glücklich aufwachsen, wenn sie sich in der Familie sicher und geborgen fühlen können. Ja – das ist gut und richtig, aber es ist eben auch zu schön um wahr zu sein. Gerade die Familien, die diese Liebe und Stabilität untereinander brauchen, sind oft die, die an den wirtschaftlichen oder gesundheitlichen Problemen zerbrechen, weil sich die Partner auseinander entwickeln. Am schwersten trifft das heute meist die Kinder, die zu beiden Elternteilen eine Beziehung entwickelt haben, die spüren: Ich brauche Mama und Papa für mein Leben. Und ich brauche es, dass die beiden zusammen schaffen, damit mein Leben sicher und gut wird. Die Kinder sind es, die mit ihren einfachen Gedanken ein ganz klares Bild vom Reich Gottes haben. Der direkt anschließende Bibelabschnitt im Markusevangelium spricht denn auch genau davon. Der Evangelist hat diesen Zusammenhang hergestellt, indem er an den Text von der Ehescheidung den von der Kindersegnung anschließt: Und sie brachten Kinder zu ihm, damit er sie anrühre. Die Jünger aber fuhren sie an. Als es aber Jesus sah, wurde er unwillig und sprach zu ihnen: Lasst die Kinder zu mir kommen und wehret ihnen nicht; denn solchen gehört das Reich Gottes. Wahrlich, ich sage euch: Wer das Reich Gottes nicht empfängt wie ein Kind, der wird nicht hineinkommen. Und er herzte sie und legte die Hände auf sie und segnete sie. Ja, so sieht es aus, das Reich Gottes: Die Kinder werden umarmt, geknuddelt und geküsst – gesegnet. Sie werden von ihren Eltern dorthin gebracht, wo es ihnen gut geht, gegen alle Widerstände, die sich entgegenstellen. Sie sind Zukunft, Leben, ihnen gehört die Liebe Jesu und die Liebe der Familie. Sie sind es auch immer wieder, die sich in Krisen ganz deutlich zu Wort melden. Sie haben eine ganz ausgeprägte Meinung zu Herzensangelegenheiten, nicht nur wenn sie selbst Scheidungskinder sind. Ihr eigenes Suchen ist oft von der Hoffnung begleitet, die Liebe möge ewig währen. Doch wo und wann Gott zwei Menschen zusammenfügt, ist doch oft ganz unabhängig von Heirat. Wenn wir erwachsen werden, müssen wir das mehr und mehr lernen. Manchmal fügt er Menschen zusammen, die einander brauchen, die wie füreinander geschaffen sind, man liebt die gleiche Musik, hat ähnliche Erfahrungen gesammelt im Leben, denkt und urteilt gleich, man kann sich das gemeinsame Leben vorstellen, aber dann ist da noch der Mensch, mit dem man einmal die Ehe eingegangen ist. Wie gut, wenn dann einer der beiden neu verliebten sagt: „Scheidung? - Das müssen wir unseren Kindern nicht antun!“ und dann eben beide bei ihren Ehepartnern bleiben, bis der Tod uns scheidet. Solche Begegnungen außerhalb der Ehe können schön sein, sind vielleicht von Gott sogar gewollt, sind Prüfungen, sind Ausblicke – vielleicht in die Zeit nach dem Tod des Partners. Sie nehmen mir die Angst vor dem Alleinsein. Es kommt nur darauf an, wenn es geht, verantwortlich mit dem Geschehen umzugehen. Der Mensch, dem ich in der Trauung meine Treue zugesagt habe, mit dem ich einen großen Teil meines Lebens erlebt habe, mit dem ich erst eine erwachsene Person geworden bin, mit dem ich Kinder erzogen habe, nur ihm kann ich wirklich vertrauen, dass er auch dann zu mir steht, wenn ich alt werde, schwach oder krank. Genauso muss ich natürlich auch bereit sein, mein Teil dazu zu leisten. Gott fügt immer wieder Menschen zusammen, in der Ehe, im Beruf, als Freunde, auch als Verliebte, vor allem als Eltern und Kinder. Wie auch immer die Beziehung sich gestaltet. Gott will, dass wir einander lieben. Jesus ruft uns auf, diese Liebe verantwortlich zu gestalten, verantwortlich vor unseren Kindern, verantwortlich in Hinsicht auf den Frieden mit allen unseren Nächsten, und vor allem verantwortlich vor dem Menschen, dem wir unser Wort gegeben haben. Amen.




Liebe Gemeinde,

als ich den für den heutigen Sonntag vorgesehenen Bibelabschnitt gelesen habe, dachte ich: „Da muss ich die Gemeinde mal mit in meinen Religionsunterricht nehmen.“ – Und das tue ich jetzt mal einfach ein Stück weit. Sicher werden viele die Stelle auch schon seit der Schulzeit kennen. – Vergessen Sie einfach, was Sie schon wissen. Wir sind in der 6. Klasse.

„Erinnert ihr euch? Vergangenen Herbst haben wir auf der Schwäbischen Alb einen Schäfer besucht. Er hat uns erzählt, wie er mit seiner Herde dort als Landschaftspfleger herumzieht. Weiße, braune, gefleckte und auch schwarze Schafe gehören zu der Herde. Jedes sieht anders aus, manche groß, manche klein. Der Schäfer kennt alle seine Schafe. Die Muttertiere haben Namen, er kann die Lämmer den Müttern zuordnen. Beim Scheren hat er ganz engen Kontakt zu ihnen, kennt jeden Körper genau, wacht über das Wohlergehen. Kleine Wunden, Zeckenbisse, Verletzungen, Infektionen erkennt er sofort und versorgt sie. Es ist eine gesunde Herde. Sie ernährt den Schäfer und seine Familie. Auch wenn die Wolle der Tiere heute nichts mehr einbringt, weil sie nicht so weiß und weich ist wie die der gezüchteten Rasseschafe, die ihr Leben in Ställen verbringen.

Vor zweitausend Jahren in Israel war das noch anders, jede Faser Wolle war gefragt, jedes Gramm Fleisch nötig, Landschaftspflege stand eher nicht im Vordergrund. Was aber ebenso war: Der Schäfer hatte eine ganz enge Beziehung zu seinen Schafen.

Und so erzählt Jesus einmal genau davon. Ein Schäfer zieht mit seinen 100 Schafen durch die Steppe, einen ganzen Tag lang. Morgens auf dem noch feuchten Grasland, in der Mittagshitze eher im schattigen Gestrüpp, gegen Abend sucht er einen geschützten Ort. Er macht ein Feuer und setzt sich nieder. Er lässt sein Auge über die Herde gehen und zählt: 1, 2, 3, ... 98, 99,... Da fehlt doch eines? – Noch mal zählen ... wieder 99. Eines ist verloren, so oft er auch zählt. Wo ist es verschwunden? Was soll ich tun?

Jetzt frage ich euch: „Ja, was soll der Schäfer tun, welche Möglichkeiten hat er?“ Die Kinder haben viele Ideen: Den Hund bei der Herde lassen und suchen gehen. Kann der Hund allein aufpassen? Werden nicht andere Schafe weglaufen? – Das Schaf, das nicht aufgepasst hat, ist doch selber Schuld. Vielleicht ist es eh schon zu schwach, nichts mehr wert. Nein, es gehört doch zur Herde. Der Schäfer hat es lieb. - Einfach warten, bis das Schaf von allein zurück kommt. - Mit den Schafen zurückgehen. Nein, die sind ja müde. – Was ist, wenn wilde Tiere kommen? Ist da die Herde mehr gefährdet oder das einzelne Schaf? – Nach langem hin und her ist bisher noch jede Klasse sich einig geworden: Der Schäfer muss losgehen. Er muss das verlorene Schaf suchen. Man kann es doch nicht einfach allein lassen. Das überlebt es nicht. Es wird Angst haben, blöken, damit wilde Tiere anlocken, oder wird sich verletzen und kein Futter finden. Nein, es muss gesucht werden. Die Herde wird es schon allein schaffen mit dem Hund und dem Feuer.

Und genau das erzählt auch Jesus. Der Hirte lässt die 99 allein und sucht das eine verlorene Schaf. Geduldig sucht er. Schließlich hat es der Hirte sogar gefunden. Und was tut er? – Er hält keine Strafpredigt. Er macht keine Vorwürfe. Er zieht ihm nicht die Ohren oder die Beine lang. Nein, er ist gnädig, er greift in das Fell des zitternden Schafes. Er streicht ihm über den Kopf, damit es sich beruhigt. Und dann – dann legt er es sich auf die Schultern. Heimtreiben kann er das vom Umherirren geschwächte Schaf nicht mehr. Den weiten Weg zurück schafft es nicht mehr. Der Hirte ist barmherzig, nimmt es auf die Schultern und trägt es heim.

Einer, der gefunden hat, ist im Glück. Ein Hirte, der sein Schaf heim trägt, kann nicht so tun, als wäre nichts geschehen. Er ist einfach froh. Die große Freude hat ihn gepackt. Mein Schaf ist wieder daheim. So geht er überall herum. Er ruft seine Freunde und seine Nachbarn:

Freut euch mit mir; denn ich habe mein Schaf gefunden, das verloren war.

Und das Schaf? – Das ist sicher auch froh. Es ist ja gerettet!

Hier verstehen die Schülerinnen und Schüler immer ganz leicht, was gemeint ist. Viele haben schon mal als kleine Kinder - so oder so – erlebt, dass sie sich von ihren Eltern getrennt irgendwo vorfanden – verloren waren. Und es war genau so. Die Eltern haben geduldig gesucht, sich einfach gefreut als sie mich fanden, waren gnädig, haben nicht geschimpft, sie haben mich in den Arm genommen, heimgetragen. Und das Geschehen hat mich – und auch meine Eltern verändert: Vertrauen ist gewachsen, auf beiden Seiten.

Aber Jesus redet noch weiter: Er sagt: „Wer ist unter euch, der es nicht genau so macht wie dieser Hirte?“ Könnt ihr nicht alle zustimmen?

Wie weit her das mit dem Zustimmen ist? Nun ja, ich denke mancher empfindet das doch als ungerecht. Denn Jesus setzt der Geschichte dann noch einen drauf: „Ebenso wird auch im Himmel mehr Freude herrschen über einen einzigen Sünder, der umkehrt, mehr als über neunundneunzig Gerechte, die es nicht nötig haben umzukehren.“ Der Himmel freut sich über einen, der umkehrt! Und die 99 anderen? Die, die sich Mühe geben, recht und anständig ihr Leben zu leben – den Anschluss nicht zu verlieren? Was ist mit uns? – Keine Angst. Die 99 Gerechten müssen nicht neidisch sein. Es ist nicht schön, verloren zu gehen! Das haben wir ja mit den Kindern eben durchdacht.

Und – die zurückgebliebene Herde profitiert auch: Sie haben es allein geschafft. Das stärkt ihr Selbstvertrauen und den Zusammenhalt. So wie ich manchmal meine Klasse bewusst eine Zeit lang unbeaufsichtigt lasse. Meist arbeitet sie dann viel konzentrierter. Kleine Streiche untereinander lassen sie. Die Unsicherheit schweißt zusammen. Wenn man nicht bei jeder Kleinigkeit die Lehrerin um Rat fragen kann, entdeckt man, dass auch die anderen helfen können und wollen. Und das alles tut der Klasse auch gut.

Aber: Seit Jesus diese Geschichte vom verlorenen Schaf, das der Hirte findet, erzählt hat, schütteln Menschen den Kopf über den Schlusssatz. Das kann doch nicht sein. Mehr Freude über den einen Sünder, mehr Freude an So-Einem?

So nachvollziehbar die Geschichte von dem Hirten mit seinem Schaf ist, hier merken wir, dass Jesus eigentlich etwas ganz anderes bezwecken möchte. Die Geschichte ist ein Gleichnis, so etwas wie eine Fabel, nur mit Menschen. (So erklären es die Kinder.) In den Gleichnissen erzählt Jesus von Gott. Wir dürfen uns ja kein festes Bild von ihm machen. Deshalb erzählt Jesus immer wieder in unterschiedlichen Bildern. Vom Verlorenen erzählt er nach unserem Gleichnis noch von der Frau, die eine verlorene Münze wiederfindet, und von dem Vater, dessen Sohn nach langer Zeit wiederkommt. Wir müssen also verstehen, welche Botschaft hinter den Geschichten steckt. In unserem Fall ist es eindeutig. Es geht darum, dass zusammenwächst, was zusammengehört, um Vollständigkeit und um die Freude, die Dankbarkeit, wenn das Schaf, die Münze oder der Sohn wiedergefunden sind. Der Hirte hat Gutes getan an dem einen Schaf, das er gerettet hat, aber auch an den anderen. Sie können sicher und geborgen sich fühlen. Der Hirte wird auch sie geduldig suchen, sie gnädig trösten und ihnen mit ganzer Barmherzigkeit helfen, wenn das nötig wird. Dank und Freude sind angebracht!

Aber warum erzählt Jesus dieses Gleichnis? Sie ist ein Argument in einem Konflikt. Wir haben heute Glück: Lukas beschreibt gleich am Anfang die Situation, in die hinein Jesus die Gleichnisse vom Verlorenen erzählt.

Es geht darum: „Sage mir mit wen du umgehst, und ich sage dir, wer du bist.“ Nach diesem Grundsatz beurteilen die Gesetzeslehrer und die Pharisäer, was sie bei Jesus sehen. Die verantwortlichen Männer im Ort sehen, von was für Leuten Jesus umgeben ist. Sie sagen: „Bei diesem Jesus sind Leute, die würde ich nicht mal grüßen.“ Zu Jesus kommen Zöllner, die überhaupt ja nicht nach Gottes Willen fragen. Und die anderen? – Sünder – allesamt!

Sie kommen um ihm zuzuhören. Nun gut, Zuhören kann man ja nicht verbieten. Aber dann lädt Jesus diese Männer zum Essen ein. Er setzt sich mit denen da an den Tisch. So wird der Ärger bei denen, die das aus der Ferne beobachten, größer.

Jesus hört und sieht dieses Murren. Er fängt aber nicht an zu streiten. Er fängt an zu erzählen. Er erzählt unsere Geschichte für die, die über ihn murren. Er erzählt die Geschichte für die, die ihm zuhören.

Ich stelle mir vor, wie die Zöllner und Sünder am Tisch zugehört haben, und auch, wie die murrenden Männer etwas weiter weg zugehört haben. Da geht der Streit zwischen Jesus und den Männern, die sich um ihn wegen seiner schlechten Gesellschaft Sorgen machen, erst richtig los. Einer traut sich und sagt: „Willst du etwa sagen, dass diese Leute da, die da an deinem Tisch..., die von denen wir wissen, dass bei ihnen alles nichts mehr nützt, dass die Gefundene sind?? Willst du sagen: Gott hat an dir und deiner seltsamen Tischgesellschaft seine wahre Freude? Willst du sagen: Die sind nicht mehr verloren? Wir sehen davon nichts! Da ist keiner, der Buße getan hätte. Da ist keiner, der ein neues Leben angefangen hätte. Zöllner sind sie, Sünder – schon vergessen? Du hast sie vielleicht an deinem Tisch gefunden, aber willst du sagen, dass sie deshalb auch Gott gefunden hat? Willst du sagen: Auch Gott geht jedem einzelnen nach? Willst du sagen, Gott gibt sich nicht zufrieden mit uns Gerechten? Willst du allen Ernstes behaupten: Wer mit dir am Tisch sitzt, über den freut sich der Himmel?“

Ganz außer Atem ist der Mann gekommen, der Jesus seine Vorwürfe macht. Aber Jesus sagt: „Du hast mich recht verstanden. Ich sage euch. Genau so freut man sich im Himmel über den einen Sünder, der gefunden wurde. Man freut sich über ihn mehr als über 99 Gerechte, die man nicht zu suchen braucht.“

„Man freut sich im Himmel...“ Hier lernen meine Schülerinnen und Schüler nun noch, dass es bei den Gleichnissen auch immer um Beschreibungen des Reiches Gottes, des Himmelreiches geht. Ja, und wir können heute und hier schon etwas von diesem Himmelreich erkennen, wenn wir erleben, wie die Verlorenen gefunden und angenommen werden. Wir können uns dankbar freuen, wie die Gemeinde wächst, im Vertrauen darauf, dass niemand endgültig verloren geht. In Gottes Reich sollen wir vollständig versammelt sein. Das gibt Hoffnung, dass auch wir gesucht und gefunden werden, egal was wir getan haben, wie wir verloren gingen. Ob wir nun nur geträumt und den Anschluss verpasst haben, oder ob wir abgeirrt sind, weil wir etwas verlockendem gefolgt sind, oder ob wir abhanden kamen, weil wir zu schwach waren zu folgen. Der geduldige, gnädige und barmherzige Gott wird uns suchen, finden und in seine Gemeinde stellen. Die Gemeinde wird dadurch gestärkt im Vertrauen zu sich selbst und in der Liebe zueinander, damit niemand mehr verloren wird. Ist das nicht Grund zu danken und sich zu freuen?

Vielleicht hören Sie das mit, wenn ich Ihnen den so bekannten Bibelabschnitt aus dem Lukasevangelium, Kapitel 15, Verse 1-8 jetzt vorlese:


Es nahten sich ihm aber allerlei Zöllner und Sünder, um ihn zu hören. Und die Pharisäer und Schriftgelehrten murrten und sprachen: Dieser nimmt die Sünder an und isst mit ihnen.

Er sagte aber zu ihnen dies Gleichnis und sprach: Welcher Mensch ist unter euch, der hundert Schafe hat und, wenn er eins von ihnen verliert, nicht die neunundneunzig in der Wüste lässt und geht dem verlorenen nach, bis er's findet? Und wenn er's gefunden hat, so legt er sich's auf die Schultern voller Freude. Und wenn er heimkommt, ruft er seine Freunde und Nachbarn und spricht zu ihnen: Freut euch mit mir; denn ich habe mein Schaf gefunden, das verloren war.Ich sage euch: So wird auch Freude im Himmel sein über einen Sünder, der Buße tut, mehr als über neunundneunzig Gerechte, die der Buße nicht bedürfen.




  • Liebe Gemeinde,

    „Wer hat Ihnen denn gesagt, dass im Leben immer alles leicht sein muss?“ – So hat es einmal eine –in meinen Augen - sehr weise, ältere Frau zu mir gesagt, als ich damals als Studentin wieder einmal am Klagen war, warum alles so kompliziert, so mit Zweifeln, Scheitern und Gewissensentscheidungen verbunden ist. – Ja, sie hatte Recht, die Frau, deren Leben wirklich nicht gerade und einfach verlaufen war. Nach einem abgebrochenen Musikstudium, einer gescheiterten Ehe im Ausland, allein zurück in Deutschland mit drei farbigen Kindern hat sie ihren Lebensunterhalt mit Klavierunterricht und Schreibarbeiten verdient. Nein, leicht hatte sie es nicht, aber sie konnte und kann viel geben. Sie konnte und kann lieben, ihren Mitmenschen das Gefühl geben: Ja, du bist wichtig. Sie war und ist fröhlich und zuversichtlich, sie hat das angenommen, was ihr aufgegeben war, und ist daran gewachsen.

    An diese Frau denke ich, wenn ich die Worte Jesu aus dem Markusevangelium (Mk 8,31-38) höre: Wer mir nachfolgen will, der verleugne sich selbst und nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach. Denn wer sein Leben erhalten will, der wird's verlieren; und wer sein Leben verliert um meinetwillen und um des Evangeliums willen, der wird's erhalten. Denn was hülfe es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewönne und nähme an seiner Seele Schaden? Sie hat sich selbst verleugnet, hat das getan, was notwendig war um ihrer Kinder willen. Ihr Studium wieder aufnehmen? Ihrer Herkunft entsprechend leben? – Das ging nicht. Wer hat denn gesagt, dass es im Leben immer leicht sein muss? Sie hat den Weg genommen, den ihr die Liebe gebot, den Weg, der ihr und den Kindern ein möglichst liebevolles Miteinander gewährte. Die Welt war damit nicht zu gewinnen, aber sie fand Freunde, Gemeinschaft, auch und vor allem in der Gemeinde. Sie blieb nicht allein.

    Sehen wir uns noch einmal die Situation an, in die hinein Jesus diese Worte sagte: Die Welt war aufmerksam auf ihn geworden. Er hatte fünftausend Menschen gespeist, einen Tauben und einen Blinden geheilt. Die Wundergeschichten machten die Runde. Die Leute spekulierten, welcher Prophet in Jesus zurückgekommen wäre. War er gar der Messias? – Da hinein sagt Jesus seinen Jüngern das ganz andere: Leiden sind da, Ungerechtigkeit, ja, auch der Tod. Ganz Mensch muss er es erdulden. Klar, dass diese Aussage seinen Freunden nicht gefiel! Natürlich wollen sie ihn schützen. Aber das will Jesus nicht zulassen. Nein, den Problemen aus dem Weg gehen, Beziehungen nutzen, soziale Systeme in Anspruch nehmen, Besitzstand wahren – das war für ihn korrupt. Das, was Petrus ihm anbietet, weist er als teuflisch zurück. Er muss da durch. Nur so kann er der Welt zur Rettung werden.

    Im Evangelium steht dieses dann ganz eng im Zusammenhang mit der neuen Welt, dem Reich Gottes. Es beginnt immer dort, wo Menschen den Weg verlassen, neu beginnen, auch wenn es schwer ist. Himmel und Erde begegnen sich da, wo die Liebe eigene Wünsche in den Hintergrund treten lässt und den anderen sieht. Jesus ist ein anderer geworden. Der Zimmermann wurde zum Prediger, Lehrer, Wundertäter. Petrus ist ein anderer geworden, vom Fischer zum Menschenfischer. Ihm ist klar, dass er alles zurücklassen muss, wenn er diesem Jesus nachfolgen will. Und da hat sich auch seine Sicht auf die Welt verändert. Seit er unterwegs ist, hat er begonnen vieles in Frage zu stellen. Ist die Welt, so wie sie ist, wirklich so, wie sie aus Gottes Sicht sein sollte? Sind die Verhältnisse so unabänderlich? Für die Hoffnung auf eine neue Welt hatte Petrus sein altes Leben aufgegeben. Gerechtigkeit und Frieden, das sind die äußeren Zeichen dieser neuen Welt, auf die er hoffte, auf die wir hoffen, aber sie wird nicht kommen, wenn wir nicht annehmen, was uns ganz persönlich als Auftrag auferlegt wird. Dies zu erkennen ist manchmal ein schmerzhafter Weg, aber es ist ein Weg, der sich lohnt.

    Jesus ist den Weg durch Leiden zum Kreuz für uns vorausgegangen. Und: Er ist auferstanden. - Übrigens geht es auch der Frau, von der ich anfangs erzählt habe, gut. Alle Kinder stehen erfolgreich im Beruf und versorgen ihre Mutter. Sie selbst ist durch die Schreibarbeiten zur Mitarbeiterin eines Professors  – und schließlich Mitautorin eines theologischen Werkes geworden. Die Wirklichkeit von Leiden und Kreuz hat bei Jesus – und in unserem Beispiel - nicht das letzte Wort behalten. Dies zu bekennen ist Grundlage unseres Glaubens. Es stärkt uns, auch wenn wir mit diesem Bekenntnis meist nicht sehr cool dastehen. Jesus sagt ganz klar: Wer sich aber meiner und meiner Worte schämt unter diesem abtrünnigen und sündigen Geschlecht, dessen wird sich auch der Menschensohn schämen, wenn er kommen wird in der Herrlichkeit seines Vaters mit den heiligen Engeln. Wir dürfen und wir sollen für unseren Glauben einstehen. Wir sollen es weitersagen und vorleben: Glauben bedeutet, die Welt so zu sehen, wie sie ist, und dabei zu wissen, dass das Reich Gottes im Kommen ist. Glauben heißt auch, sich selbst so zu sehen, wie man ist – mit allen Schwächen, Fehlern und Ängsten, und dabei darauf zu vertrauen, dass Gott auch uns ins wahre Leben führt. Das lernen wir am Vorbild derer, die im Leben sozusagen ihr Kreuz wirklich auf sich nehmen und Jesus nachfolgen. Sie lehren uns trotz vieler Schwierigkeiten aus allen Situationen das Beste zu machen und möglichst wenig zu jammern.

    Das, was Jesus da von seinen Jüngerinnen und Jüngern abverlangt, ist viel. Es ist zu viel, dass es ein einzelner trägt, so wie er es letztlich allein getragen hat. Wir sind aber nicht allein. Keiner muss seinen Glauben allein leben. Das ist das Wesentliche, das uns in den Gemeinden trägt. Das Bekenntnis, das doch so schwer zu verstehen ist, ist es gerade, das uns in eine Gemeinschaft stellt. Es gibt unserem manchmal schweren Weg einen Sinn. Wir sind als Christinnen und Christen beieinander im Gottesdienst. Wir treffen uns, kennen einander. Im Abendmahl erleben wir die Gemeinschaft miteinander und mit unserem auferstandenen Herrn Jesus Christus. Wir können einander vergeben, so wie Gott uns in Jesus Christus vergeben hat. In der Liebe nehmen wir  unsere Nächsten an, ihr Leiden ist unser Leiden, ihre Zweifel sind unsere. Unterschiedslos sind wir für den Nächsten da, der uns braucht. Und da ist keiner gerade zu schwach, keiner zu wenig oder zu dumm. Manchmal kann man mit ganz kleinen Dingen, scheinbar unbedeutenden Worten helfen. So wie mir dieser eine Satz, diese eine Frage, die ich am Anfang genannt habe: Wer hat Ihnen denn gesagt, dass im Leben immer alles einfach sein muss?“ schon so oft geholfen hat, die kleinen und großen Schwierigkeiten im Leben anzunehmen und zu meistern.

    Und die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen. Amen.




  • Gnade sei mit euch und Friede, von Gott unserem Vater und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

    Wir hören Worte aus dem 4. Buch Mose, im 6. Kapitel, die Verse 22 bis 27:

    Und der HERR redete mit Mose und sprach: Sage Aaron und seinen Söhnen und sprich: So sollt ihr sagen zu den Israeliten, wenn ihr sie segnet:

    Der HERR segne dich und behüte dich;

    der HERR lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig;

    der HERR hebe sein Angesicht über dich und gebe dir Frieden.

    Denn ihr sollt meinen Namen auf die Israeliten legen, dass ich sie segne.

    Liebe Gemeinde,

    es ist ein besonderer Moment im Gottesdienst, wenn diese alten Worte gesprochen werden. Oft werden sie in besonderer Weise – ja feierlich – eingeleitet. Dann steht die Gemeinde auf. Der Liturg hebt seine Hände und spricht mit Jahrtausende alten Worten den Segen:

    Der Herr segne dich und er behüte dich;

    der Herr lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig;

    der Herr hebe sein Angesicht über dich und gebe dir Frieden.

    Vielleicht ist der Augenblick des Segnens überhaupt einer der wichtigsten Momente eines Gottesdienstes. Die Worte sind unübertroffen schön. Von weit her erreichen sie unser Ohr. Der heutige Predigttext erzählt, wie Gott Aaron, dem Urvater aller Priester, gebieten lässt, mit diesen Worten das Volk zu segnen. Martin Luther hat 1526 dafür gesorgt, dass dieses Segenswort Eingang in den evangelischen Gottesdienst gefunden hat. Kein anderes Wort, so war Luther der Ansicht, solle bei der Entlassung aus dem Gottesdienst gesprochen werden. Und so erhebt sich die Gemeinde bis heute am Ende jedes Gottesdienstes, um den Segen Gottes mit jenen Worten zu empfangen. Die Jahr-tausende alten Worte sind vertraut, viel mehr als alle anderen Segensworte der Bibel. Das ist auch gut so, denn jede und jeder weiß im Grunde, was kommt. Wir können uns – ohne wachsam sein zu müssen – in der Formel des Segens bergen.

    Der aaronitische Segen enthält sechs Wünsche in drei Reihen. Die Worte sind kunstvoll ausgewählt und zusammengestellt. Dabei ist es so, dass die Spannung zum Ende hin ansteigt. Das erste Wort wünscht Segen, das letzte Frieden. Dies geschieht keineswegs allgemein. Vielmehr machen die Formulierungen deutlich, dass es um ein ganz intimes Geschehen geht. „Der HERR segne dich“. Im Deutschen hört man die Brisanz nicht mit. Im Hebräischen steht hier der Gottesname „Jahwe“, die vier Buchstaben, mit denen sich Gott dem Mose im br3ennenden Dornbusch gegenüber zu erkennen gab: „Ich bin, der ich bin.“. Das heißt der Segen ist etwas Besonderes, im Segen gibt Gott seinen Namen preis. Wer seinen Namen preisgibt, liefert sich damit aus und macht sich kenntlich. Den Namen preiszugeben ist offenbar ein ganz persönliches, fast intimes Ereignis. Ich mache mich kenntlich, wenn ich meinen Namen preisgebe. Menschen können mich anreden und behaften. Mein Wort und meine Tat können mit einem Namen identifiziert werden. Im Segen nun wird der Name Gottes auf die Gemeinde gelegt. Auf jeden Einzelnen, und zwar damit er – Gott selbst – die Gemeinde segne. Nicht der Pfarrer segnet, nicht die Prädikantin und nicht der Liturg, sondern Gott selbst segnet die Gemeinde. Pfarrer, Diakoninnen und Prädikanten haben nur die Aufgabe, den Namen Gottes mit den Worten des aaronitischen Segens auf die Gemeinde zu legen, die Gott selbst segnet. Das Besondere dabei ist, dass der Segen kein kollektives Geschehen ist, sondern ein persönliches. Der Einzelne wird angesprochen und gesegnet. Jede und jeder wird persönlich angeredet. Die Formulierung lautet nicht: „Der Herr segne euch…“, sondern es heißt: „Der Herr segne dich“. Das heißt: Im Segen ereignet sich etwas zwischen Gott und dir als Einzelnem. Gott wendet sich dir zu.

    Liebe Gemeinde, insofern stehen wir beim Segen als Einzelne vor Gott. Und wie sieht das aus? Wie stehen wir da? Mutig und feige, traurig und fröhlich. Wir stehen vor ihm mit unserem Gelingen und unserem Versagen. Wir stehen da mit unseren Versuchen, gut und menschlich zu sein und mit unserer Schuld. Wir stehen da mit unseren Sorgen, mit Gedanken, die wir nicht auszusprechen wagen, mit uneingelösten Träumen. Wir stehen vor Gott,
    gesund oder krank, kraftvoll und lebensfroh manchmal und dann wieder betrübt und im Herzen beschwert. Beim Segen stehen wir als Einzelne vor Gott: Manche von uns sind jung, unbeschwert, gespannt auf das Leben, voller Freude und mit Mut im Herzen. Die Häupter der Anderen sind bereits von den Jahren und manchen Falten geziert, von der Last und der Freude des Lebens gezeichnet, bepackt mit den Siegen und Niederlagen. Manche von uns sind aufgehoben in gelingenden Beziehungen und andere fühlen sich entwurzelt. So stehen wir vor Gott. Und so, liebe Schwestern und Brüder, wie wir da stehen, werden wir als Einzelne gesegnet.

    Und der Segen, das sind eben nicht nur einfach gute Wünsche, Glück, Erfolg, Reichtum, Gesundheit, wie wir sie von wohlwollenden Mitmenschen so oft zugesprochen bekommen. - Ja, auch das tut uns gut, aber ob die Wünsche in Erfüllung gehen? Das, was wir beim aaronitischen Segen in den sechs Wünschen in drei Reihen hören, das sind Wünsche, deren Erfüllung uns der dreieinige Gott nach biblischem Zeugnis zugesagt und versprochen hat. Lassen Sie uns dem nachgehen:

    „Der Herr segne dich.“ Alles, was Gott geschaffen hat, soll nicht verloren gehen. Deshalb drückt ihm der Schöpfer seinen Stempel auf, signiert sein Werk, segnet es. – So die Wortherkunft: kennzeichnen = signieren, segnen. - Er bekennt sich zu dir, zeichnet dich aus mit seinem Zeichen, das du in der Taufe bekommen hast. „Fürchte dich nicht. Ich habe dich bei deinem Namen gerufen. Du bist mein.“

    „Und er behüte dich.“ - Behütet und bewahrt werden, das war die große Erfahrung des auserwählten Volkes Israel. Gott hat sein Volk aus der Gefangenschaft geführt und es trotz aller Gefahren und Rückschläge sicher durch die Wüste ins gelobte Land geführt. Der wohl am häufigsten als Taufspruch gewählte Abschnitt aus Psalm 91 drückt diese Erfahrung des Behütet- und Bewahrtseins des Volkes Israel aus: „Der Herr hat seinen Engeln befohlen, dass sie dich behüten auf allen deinen Wegen.“

    „Der Herr lasse sein Angesicht leuchten über dir“. Das leuchtende Angesicht drückt Freude aus. Unser Angesicht leuchtet, wenn wir uns auf den anderen freuen, uns freuen ihn zu sehen. So wie eine Mutter oder ein Vater voll Liebe ihren Sohn oder ihre Tochter ansehen, wenn sie stolz auf ihr Kind sind. So sieht Gott seinen Sohn an und so sieht er auch uns an. Da wird mir warm, da spüre ich Gottes Blick auf mir und über mir, Mut machend, aufmunternd, erhellend.

    „... und sei dir gnädig“. Dass Gott uns gnädig anschauen möge, das müssen wir uns immer wieder wünschen. Gott sei Dank hat er schon früh festgelegt, dass er uns eben nicht buchhalterisch ansieht, dass er eben nicht den stechenden Blick für uns übrig hat, sondern dass er uns so ansieht, wie wir aus seiner Sicht sein könnten. Gnädig ist das, liebevoll und aufbauend. Diese Gnade Gottes ist uns zugesagt im Psalm, wie wir ihn im Eingangsteil gebetet haben: „Gnädig und barmherzig ist Gott, geduldig und von großer Güte.“

    Die dritte Reihe nun weist über unseren Horizont hinaus. Der Heilige Geist, der Geist Gottes öffnet den Blick in die Zukunft auf sein kommendes Reich des Friedens:

    „Der Herr hebe sein Angesicht über dich und gebe dir Frieden.“ Wieder geht es um Gottes Nähe, um seine Weite, die uns umgibt, um seinen Blick, der uns umhüllt und unseren eigenen Blick weit machen kann. Frieden meint mehr als Waffenstillstand. Der Shalom Gottes meint das Leben, wie es nach Gottes Willen sein könnte für mich selbst, für andere, für Gottes ganze Schöpfung. Gottes Friede meint ein Beziehungsgleichgewicht, das Leben für alle in Fülle möglich macht.

    Wie weit dieser Friede manchmal von der Wirklichkeit unseres Lebens entfernt ist, hat wohl jeder von uns schon mehr als einmal erfahren. Aber Gottes Perspektive ist eben höher als unsere. Er hebt sein Angesicht über meines und sieht mehr als ich.

    Ich stelle mir den aaronitischen Segen immer ganz real vor: Da ist der Töpfer. Er hat ein Gefäß geformt mit seinen Händen. Er ritzt am Boden seinen Namen ein, damit es nicht mehr verloren geht. (segnen) Dann wird er es vorsichtig in den Ofen setzen und aufpassen, dass es nicht kaputt geht. (behüten) Wenn es fertig ist, hält der Töpfer sein Werk in den Händen und sieht es mit leuchtenden Augen und Stolz an
    (lässt sein Angesicht leuchten), auch wenn es hier und da ein paar kleine Unebenheiten oder Macken hat. Das macht das Gefäß doch erst zu etwas Besonderem! (gnädig) Und dann wird er sich umsehen, wo dieses Gefäß wohl gebraucht werden kann (Angesicht heben) und es einer sinnvollen Bestimmung zuführen, damit es auch anderen Menschen zum Nutzen und zur Hilfe wird. (Frieden)

    Was uns da am Ende des Gottesdienstes zugesagt wird, findet seine Erfüllung in den Zusagen der hebräischen Bibel, aber auch in den Geschichten und Briefen des Neuen Testaments. Deshalb gilt der Segen dann auch allen Menschen. Wir dürfen den Segen empfangen und annehmen, weil seine Zusagen wahr sind. Amen.

    Und die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen.




  • Liebe Gemeinde,

    „Beten Sie?“, das ist eine ganz intime Frage. Manchen fällt die Antwort leicht: „Klar, bete ich. Deshalb bin ich doch hier in den Gottesdienst gekommen. Die Psalmen, die Fürbitte und das Vaterunser mitzubeten ist mir wichtig.“ Jemand anderes entgegnet aber vielleicht: „Aber Jesus spricht doch vom Beten im stillen Kämmerlein, also daheim, privat! Da bete ich vor jeder Mahlzeit und vor dem Einschlafen.“ Ich sage Gott, was mich bewegt, und bete für meine Familie. Manchmal schicke ich auch ein Stoßgebet los, etwa bei einem heiklen Gespräch: Lieber Gott, gib mir die richtigen Worte! Oder im Auto, wenn ich falsch reagiert habe und nichts passiert ist: Danke, Herr!“

    Vielleicht antwortet aber auch der eine oder die andere: „Nein, eigentlich bete ich nie. Mir ist vieles andere am Glauben wichtig. Aber das Gebet ist nicht dabei. Es kommt mir dabei so vor, als wollte ich das, was ich eigentlich selbst in die Hand nehmen sollte, an einen anderen abschieben.

    Beten Sie? Darauf gibt es sicher noch viel mehr Antworten, überlegene, dankbare, nachdenkliche und sehnsüchtige. Die Antwort auf diese Frage ist sehr individuell und trifft uns ganz intim in unserer Gefühlswelt. Sicher hätte mancher auch gar nicht gern jedem Auskunft gegeben. Umso faszinierender finde ich den Abschnitt aus Jesu Bergpredigt, den wir eben gehört haben. In aller Schlichtheit bekommen wir hier zu hören, wie wir beten dürfen, auch wenn wir gar keine Erfahrung damit haben oder auch wenn wir beim Beten in Routine verfallen und nicht mehr die rechten Worte finden. Immer wieder soll uns dieses Lehrstück, dieser Katechismus, ermahnen und helfen. Schauen wir uns ein paar Stücke dieses Katechismus genauer an:

    Zuerst richtet sich Jesus gegen den Missbrauch des Gebets. Stellen Sie sich vor, Sie sind auf der Rietstraße unterwegs. Als das Abendläuten vom Münsterturm einsetzt, stellen Sie sich vor ein Schaufenster und beten öffentlich. – Ich will hier niemand davon abhalten beim Abendläuten – auch in der Fußgängerzone – ein stilles Gebet zu Gott zu schicken, ganz im Gegenteil – Trotzdem, es steckt ein wichtiger Hinweis in Jesu Warnung: Das Gebet ist Reden mit Gott. Wer aber mit dem Hintergedanken betet: Da schaut her, wie gut ich beten kann! – dem geht es gar nicht um Gott, sondern um sich selber.

    Aber auch das Beten im häuslichen Bereich steht auf dem Prüfstand: Ist unser Tischgebet ein ehrlicher Dank an Gott oder eine Demonstration, vielleicht weil die Gäste es so von mir erwarten oder weil ich die Kinder diese Tradition lehren will? - Spiele ich mich in der Gebetsgemeinschaft auf und will gar die Anwesenden im Gebet noch belehren - oder formuliere ich schlicht gemeinsame Anliegen um sie vor Gott zu bringen? Wer da heuchelt, sagt Jesus, hat seinen Lohn schon gehabt. Wenn er den Beifall der Leute bekommt, hat er ja, was er wollte.

    Haben nach diesem Anfang der Worte Jesu vom Beten also diejenigen Recht, die sagen: Ich muss zum Beten nicht dahin gehen, wo andere Leute sind, auch nicht in die Kirche?

    Natürlich fördert es Jesus, dass wir persönlich und privat mit Gott reden. Aber zugleich hält er zum gemeinsamen Gebet an. Auch er hat es so gehalten: Er hat im einsamen Zwiegespräch mit Gott geredet und an anderer Stelle wieder gemeinsam mit seinen Jüngern. Deshalb beginnt er bei dem „Mustergebet“, wie man das Vaterunser nennen könnte, in der Mehrzahl, also mit Vater unser. Dazu feiern wir eben auch gemeinsam Gottesdienst, um zu unserem gemeinsamen Vater zu beten. Und wo sollte man denn das Beten lernen, wenn nicht in der Gemeinschaft mit anderen?

    Der zweite Abschnitt unseres Katechismusstücks macht also bewusst: Das Gebet ist eine gemeinsame Aufgabe der Christinnen und Christen – und das übrigens weltweit: Haben Sie es schon einmal erlebt, wenn auf dem Petersplatz in Rom Menschen aus aller Herren Länder jede und jeder in seiner Muttersprache das Vaterunser beten? Es verbindet ungemein, auch wenn ich über die Menschen rechts und links, vor unter hinter mir nichts weiß, außer dass auch sie glauben, dass Jesus Christus ihr Heil und ihre Rettung ist. Und das hat dann gar nichts von öffentlicher Demonstration, sondern jeder meint es sehr persönlich und ernst in der Fremdheit der vielen Sprachen und der Gemeinschaft des einen Geistes.

    Vielleicht stolpert auch jemand darüber, dass man Gott als Vater anreden soll. Fünfmal wird er in unserem Bibelabschnitt so genannt! Müsste man ihn nicht durch Mutter ergänzen? Ist diese Anrede überhaupt zumutbar oder hilfreich, wo es doch so viele Rabenväter und –mütter gibt? – Jesus wusste auch, dass nicht alle irdischen Väter und Mütter gute Eltern sind. Aber es war und ist etwas Besonderes, den heiligen Gott, dem man nicht nahen kann, so vertraulich als Vater anreden zu dürfen; als den, der es uneingeschränkt gut mit seinen Kindern meint. Freilich waren Vorbild für diese Anrede nicht die irdischen Väter mit ihren Fehlern und Macken. Sondern Vorbild war, wie Jesus Gott als seinen Vater erlebte: als den, mit dem er sich völlig im Einklang wusste, dem er alles anvertrauen konnte, und in dessen Hand und Herz er sich selbst geborgen wusste, als ihm Unrecht geschah und es mit ihm zum Sterben ging.

    An den Vater Christi, dessen Liebe weit über die der irdischen Väter und Mütter hinausgeht, an diesen Vater wenden wir uns im Gebet. Vielleicht wird uns das bewusst, wenn wir sagen Vater im Himmel.

    Damit sind wir beim Kernstück unseres Gebetskatechismus, dem Vaterunser. Wir beten es jeden Sonntag, manche noch öfter. Gerade wegen dieser Gewöhnung ist es nicht leicht, seinen Inhalt immer bewusst mitzubeten. Deshalb ein paar Sätze dazu:

    Was Jesus in seinem Gebet vorbringt, wundert uns vielleicht. Wir formulieren beim Beten meist gleich unsere Anliegen: unsere Sorgen und unsere Angehörigen. Die kommen im Gebet Jesu auch vor. Aber zuerst formuliert er Gottes Angelegenheiten: dein Name, dein Reich, dein Wille. Warum?

    Jesus ist nicht nur gekommen, um uns zu helfen, damit wir’s im Alltag ein bisschen leichter haben. Er ist gekommen um das Reich Gottes zu verkündigen. Nicht mehr die Römer oder irgendwelche Diktatoren, auch nicht Sozialismus oder Kapitalismus dürfen die Welt beherrschen, sondern Gott selber wird die Welt regieren. Sein Name wird von allen als der höchste anerkannt. Sein guter Wille geschieht.

    Eben darum will Jesus, dass wir bitten: Dein Reich komme! – ein Reich, in dem alles gut wird, nicht bloß behaglich mit Fernseher und Vorgarten.

    Er lehrt uns bitten: Dein Name werde geheiligt. Es gilt Gottes Name. Er wird von allen geehrt und angerufen. Mein Name muss nicht in aller Munde sein.

    Und wir bitten: Dein Wille geschehe. – nicht unser eigensüchtiger Wille, der alles haben will, und dem egal ist, ob die anderen auch etwas haben.

    Größere und wichtigere Bitten gibt es nicht, liebe Gemeinde. Deshalb legt Jesus sie uns als erste in den Mund. Wenn sie erfüllt sind, dann haben wir nichts mehr zu bitten, und nur noch zu loben und danken.

    Noch ist es nicht so weit. Wir leben auf dieser manchmal ja auch mühsamen und von Not entstellten Welt. darum erlaubt und ermuntert Jesus uns, auch um die Dinge zu bitten, die uns zum Leben helfen. Auch unsere Angelegenheiten gehören in Gottes Ohr.

    Da ist zunächst das tägliche Brot. Damit kommt ins Bewusstsein, dass wir bedürftige Wesen sind. Wir können uns letztlich nicht selber geben, was wir zum leben brauchen. Der himmlische Vater verspricht uns nicht Luxus, wohl aber die Grundausstattung unseres Lebens.

    Jesus lässt uns um Vergebung bitten. Damit macht er uns bewusst, dass wir Beziehungswesen sind. Wir leben mit Gott und anderen zusammen. Leider kommt es zu manchem, was die gute Beziehung stört. Wir sind darauf angewiesen, dass sie wieder in Ordnung kommt. Darum bitten wir Gott um Vergebung, wenn wir an ihm schuldig geworden sind. Wir bitten unseren Mitmenschen um Vergebung; und wir gewähren sie ihm, wenn er an uns schuldig geworden ist.

    Die Bitte um Bewahrung vor Versuchung und um Erlösung von dem Bösen nimmt ernst, dass wir bedrohte Wesen sind. Wir unterliegen Zwängen, denen wir aus eigener Kraft nicht entkommen können. Wer von uns kann zum Beispiel schon sagen, er trage keine Mitschuld an der Ausbeutung und Zerstörung der Natur und der Menschen bei uns und weltweit?

    Der himmlische Vater ist auch hierfür die rechte Adresse. Das Vertrauen auf seine Bewahrung und Erlösung wird durch diese Bitte gestärkt.

    Indem Jesus uns bewusst macht, dass wir bedürftige, bedrohte und von menschlichen Beziehungen abhängige Wesen sind, wird deutlich, dass der Vorwurf, im Gebet schiebe man alles auf Gott einfach ab, ein Missverständnis ist. Vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern. – Worum wir den Vater bitten, das werden wir auch seinen anderen Kindern gönnen und ihnen gegenüber gern praktizieren. Gottes Verhalten uns gegenüber prägt unser Verhalten auch in anderen dingen. Oder ist es abwegig mitzudenken: Unser tägliches Brot gib uns heute, wie auch wir bereit sind unser Brot mit anderen zu teilen? Das Gebet verhindert nicht unser Tun. Es wird uns eher zum rechten Tun anregen.

    Wesentlich ist beim Beten freilich nicht unser Tun, sondern unser Vertrauen: Unser Vater weiß, was wir brauchen. Wenn uns etwas Mut zum Leben und Hoffnung für unsere Welt gibt, dann das Vertrauen auf diese Verheißung. Sie ist schon Grund genug zum Beten und eine herzliche Einladung dazu. „Rogate – Bittet!
    Und die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen. Amen.

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